Interview Meike Günther

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Interview mit Meike Günther

"Die Zeitleiste ist das Herzstück des Online-Handbuchs"

Dr. Meike Günther © DIMR/S. Pietschmann

Dr. Meike Günther, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung am Deutschen Institut für Menschenrechte.

Was bedeutet Inklusion für Sie?
Inklusion bedeutet für mich, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen vorhanden sind, die es allen Menschen ermöglichen, selbst zu bestimmen, wo und in welcher Form sie dabei sein wollen. Ermöglichen meint nicht nur, dass es keine Barrieren und damit konkrete Diskriminierungserfahrungen mehr gibt, sondern darüber hinaus, dass alle Menschen durch eine Kultur der Wertschätzung und Unterstützung ermutigt werden, neue Orte, Menschen und Angebote kennenzulernen. So reicht es nicht, wenn Gebärdensprachdolmetscherinnen und –dolmetscher da sind oder Fahrstühle den Zugang zu Gebäuden ermöglichen, wenn dort niemand bereit ist, auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.

Wie lassen sich für Sie Bildungsarbeit und Inklusion verbinden?
Bildung ist insofern ein wesentlicher Schlüssel zur Inklusion, als wir durch Bewusstseinsbildung falsche Annahmen und Ängste, die durch eine Geschichte der Exklusion vorhanden sind, mit Menschen diskutieren und abbauen können. Wir müssen zwar sofort Maßnahmen ergreifen, die Barrierefreiheit in allen Bereichen herstellen - eine Kultur der Wertschätzung, der Nicht-Diskriminierung und der Vielfalt kann jedoch nur durch gemeinsame Lernprozesse und kleinteilige, an der Lebenswelt orientierte Diskussion- und Bildungsprozesse an Nachhaltigkeit gewinnen. Aus diesem Grund spielt die Bewusstseinsbildung auch in der UN-Behindertenrechtskonvention eine so wichtige Rolle.

Wie arbeiten Sie mit dem Online-Handbuch "Inklusion als Menschenrecht"?
Mit den Texten und Aktivitäten im Online-Handbuch wird deutlich, dass der Ausschluss von Menschen mit Beeinträchtigungen keine naturgegebene Konstante ist, sondern dass es in den letzten 2.000 Jahren allein im deutschsprachigen Gebiet ganz unterschiedliche Umgangsformen mit Krankheit und Beeinträchtigungen gab. Darüber hinaus möchte ich vermitteln, dass die Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur durch ihre Beeinträchtigung bestimmt ist, sondern von vielen anderen Faktoren abhängt: Schon in der Antike war es möglich, mit einer Beeinträchtigung ein Leben in Teilhabe zu führen, wenn jemand einer reichen Familie angehörte; Frauen und Kinder wurden häufig im Laufe der Geschichte auch per Gesetz anderes behandelt als beispielsweise arbeitsfähige kriegsverletzte Männer. Durch diese und andere Aspekte ist es möglich, Reflexionsprozesse zu initiieren über das Leben mit Beeinträchtigung als eine Möglichkeit menschlicher Vielfalt, Inklusion als ein Menschenrecht zu verstehen und als etwas wahrzunehmen, das nicht nur für "die anderen", sondern auch für mich selbst relevant ist.

Mit welcher Methode aus dem Online-Handbuch arbeiten Sie besonders gerne?
Ich arbeite zunächst mit der Methode "Zeitleiste". Die Zeitleiste ist das Herzstück des Online-Handbuchs, da es durch sie möglich ist, einen Überblick zu bekommen darüber, wie sich die Einstellungen zu Behinderung und die Rechtswirklichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen im Wandel der Zeit entwickelt haben. Die Informationstexte und Biografien erarbeite ich gerne in kleinen Gruppen, die diese diskutieren und dann der Gesamtgruppe die für sie interessantesten Details mitteilen. So ergibt sich innerhalb einer kurzen Seminarzeit bereits ein vielfältiges und facettenreiches Bild auf das Leben mit Beeinträchtigungen im Laufe der Zeit.

Interessierten Personen empfehle ich…
wenn sie mehr Zeit und eine große Gruppe haben, mit der sie arbeiten möchten, das Planspiel über die Verhandlungen über die Behindertenrechtskonvention bei den Vereinten Nationen in New York, da mit diesem Spiel ein guter Überblick über den Umgang mit Beeinträchtigung weltweit und die Lösungen, die in der UN-Konvention zur Beseitigung von Teilhabe-Hindernissen gefunden wurden, möglich ist.
Wenn sie wenig Zeit und eine kleine Gruppe haben, die Talkshow "Wer bestimmt, was für mich gut ist?". Sie setzt anhand des Beispiels von Klara, die zunehmend schlechter sieht und daher in eine andere Schule gehen soll, an Fragen nach Selbstbestimmung und Teilhabe an, und macht die Frage nach Inklusion und Menschenrechten als für alle relevant erfahrbar.

(Interview: Mareike Niendorf)

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