Interview Mathias Hinderer

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Interview mit Mathias Hinderer

"Die Übungen ermöglichen es, auch andere Dimensionen von Vielfalt und Exklusionsrisiken, wie Geschlecht oder soziale Zugehörigkeit zu thematisieren"

Mathias Hinderer © M. Hinderer

Mathias Hinderer, Mitarbeiter im Projekt Inklusiv VERbunden / inklusive menschenrechte. der Bildungsvereinigung "ARBEIT und LEBEN" in Lüneburg. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der kinder- und menschenrechtsorientierten Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften sowie der Beratung und Prozessbegleitung von pädagogischen Einrichtungen unter dem Aspekt inklusiver Entwicklung.

Was bedeutet Inklusion für Sie?
Die komplexteste Fragestellung gleich zu Beginn - ich finde sie deswegen komplex, weil sie letztlich nur vielschichtig zu beantworten ist. Meine Lieblingsdefinition von Inklusion besagt, dass sich die Strukturen nach den Bedürfnissen der Lernenden richten sollen. Dieser Definitionsansatz ist der Abschlusserklärung der Weltbildungsministerkonferenz von 2008 entnommen. Zu diesem Zeitpunkt war die UN-Behindertenrechtskonvention noch taufrisch und in der Abschlusserklärung ihrer Konferenz haben die Weltbildungsminister konzeptionell dargelegt, was Inklusion bedeutet. Hierbei haben sie Inklusion auch gegenüber einem Integrationsbegriff abgegrenzt und erklärt, dass die Inklusion der Integration vorzuziehen ist. Und wenn man diese Definition von Inklusion ernst nimmt, dann handelt es sich um eine sehr radikale und weitreichende Formulierung: Ausgangspunkt sind die Bedürfnisse des bzw. der Lernenden und es besteht ein menschenrechtlicher Anspruch darauf, dass Strukturen und Systeme ihnen gemäß gestaltet sind.  

Wie lassen sich für Sie Bildungsarbeit und Inklusion verbinden?
Leben heißt letztlich Lernen. Vernor Muñoz, früherer Sonderberichterstatter zum Recht auf Bildung, hat bei seinem Besuch in Oldenburg im Juni 2009 gesagt: "Das Recht auf Bildung ist dem Leben so nah wie kein anderes Recht." Ich verstehe das so, dass Leben viel mit Wachstum und immer mit beständiger Entwicklung zu tun hat. Das sind Merkmale des Lebens, die im engen Bezug zu Bildung stehen. Eine entwicklungsoffen und prozessorientiert angelegte Bildungsarbeit bietet da die Möglichkeit, die inklusive Gestaltung von Lernsituationen und Strukturen in der Gruppe unmittelbar erfahrbar zu machen. In der Menschenrechtsbildung sprechen wir ja vom "Lernen über, für und durch die Menschenrechte" – das lässt sich genauso auch auf die inklusive Bildung übertragen.

Wie arbeiten Sie mit dem  Online-Handbuch "Inklusion als Menschenrecht"?
Ich bin als Erwachsenenbildner tätig und arbeite deshalb mit dem Handbuch in Kontexten der Erwachsenenbildung. Gerne nutze ich mit Gruppen die Arbeit mit den Biografien in der Zeitleiste.
Als Referenzpunkt für Inklusion wurde im Handbuch die Kategorie Behinderung gewählt. Dies hat mit seiner Entstehungsgeschichte zu tun. Die Thematisierung von Behinderung und Inklusion birgt meines Erachtens immer eine gewisse Gefahr, Inklusion als Sonderrecht von Menschen mit Behinderung zu verstehen. Wenn es dann noch um Bildung geht, gibt es oft eine weitere Verengung auf Schulbildung, und schließlich wird "Inklusion" verkürzt auf den "Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung". Diese verkürzte Vorstellung von Inklusion spiegelt sich auch in der Medienberichterstattung.
Ein umfassenderes Bild von Inklusion zeichnet beispielsweise der Essay "Zum Innovationspotenzial der UN-BRK" von Heiner Bielefeldt – eine absolute Leseempfehlung!
Was mir diesbezüglich am Online-Handbuch gefällt, ist, wie es über die Biografien und die Zeitleiste Inklusion und Exklusionserfahrungen in intersektionaler Perspektive angeht. So ist es möglich, in Lerngruppen anhand dieser Übungen auch andere Exklusionsrisiken, Diskriminierungsmerkmale und Heterogenitätsdimensionen, wie Geschlecht, Klasse, Rassismus etc. zu thematisieren.

Mit welcher Methode aus dem Online-Handbuch arbeiten Sie besonders gerne?
Großartig ist neben den Biografien und der Zeitleiste das Planspiel zur Entstehung der UN-Behindertenrechtskonvention. Ich habe es selbst erst einmal gespielt und dabei viel gelernt. Ich fände es toll, sich für diese Methode im Rahmen eines Workshops sogar ein bis zwei Tage Zeit zu nehmen.
Außerdem arbeite ich gerne mit dem "Denkmalstreit". Diese Übung zum Andenken an Franklin D. Roosevelt verdeutlicht den Wandel von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen und zeigt wie wichtig es ist, bei Meinungsverschiedenheiten in die Diskussion einzusteigen. Dabei geht es nicht primär darum, zu einer Einigung zu finden, sondern um den Diskussionsprozess und die Auseinandersetzung mit anderen Haltungen als Lernerfahrung.
 
Interessierten Personen empfehle ich…
die Zeitleiste auszuprobieren. Als Einstieg in eine Gruppenarbeit eignet sich diese Methode meiner Meinung nach besonders gut, denn gleich zu Beginn können gemeinsame Lernerfahrungen gemacht werden. Gleichzeitig dient die Übung dazu, einen Gesamtüberblick über die Inhalte des Online-Handbuchs "Inklusion als Menschenrecht" zu erhalten.

(Interview: Mareike Niendorf)

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