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Audio: Für eine Kultur der Menschenrechte, 22.11.2018, Tanasgol Sabbagh (MP3, 7,1 MB, 05:10 Min.)

| Thema: Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte | Audio: auf Deutsch

Audiomitschnitt der anlässlich des 70jährigen Jubiläums der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen vom Deutschen Institut für Menschenrechte zusammen mit dem Deutschen Kulturrat im Rahmen des Projekts "Initiative kulturelle Integration" am 22. November 2018 in Berlin ausgerichteten Festveranstaltung.

Poetry Slam von Tanasgol Sabbagh, Teil 2.

Audio: Für eine Kultur der Menschenrechte, 22.11.2018, Tanasgol Sabbagh (MP3, 7,1 MB, 05:10 Min.)

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Tanasgol Sabbagh: Vielen Dank. Es war eine sehr anregende Diskussion, ich bin sehr froh, dass ich hier war. Ich werde einen letzten Text machen. Er trägt den Titel "Aisha". Das ist ein arabischer Frauenvorname und bedeutet "Die Lebende". Und der Text ist angelehnt an zwei Lieder, die auch so heißen. Vielleicht kennt ihr das eine zumindest aus den Achtzigern von Chep Khaled, "Aisha". Ich seh’ ein bisschen Nicken, okay. Es haben viele Männer Aisha besungen. Ich dachte, vielleicht kann auch ein Schwester Aisha besingen. Viel Spaß bei diesem Text.

"Aisha trag dich heute leichter als vor Jahren dir befohlen, mach’ die Augen auf und nimm alles zurück, was dir gestohlen, mach’ deinem Namen alle Ehre und ehre das, was dir gehört. Klopf’ den Staub von dem Gewand, das bisher jeden Mann betört. Ich weiß, die Wüste trocknet alles, aber niemals deine Tränen. Drum erheb’ dich nun, beweg’ dich nun, weshalb sich weiter quälen, Aisha, hör’ mir zu. Spitze deine goldbehängten Ohren. Was ist aus deinem Stolz, aus deinem freien Willen bloß geworden, keine Kraft mehr in den Knochen? Keine Luft mehr in der Brust? Ist das alles hier dein Schicksal, hast du’s anders nicht gewusst, hast in den Lobgesängen deine eigenen Fehler überhört? Hat dich einfach nicht gestört, dass niemand dich gefragt, niemand jemals dich um Wort gebeten? Nun. Jetzt schau nicht so betreten. Ich weiß, du selbst kannst nichts dafür. Man hat dir immerzu befohlen, ich weiß, du selbst, hast kein Gespür, wie du zu dem wirst, was du bist, wie du das lernst und nicht vergisst. Stattdessen beugst du dich, drehst dich in dem immerwährend’ Reigen, bezauberst Hunderte und trägst dabei dein immerwährend’ Schweigen und jenes Lächeln auf den Lippen … na, weil sich das eben so gehört, für eine Frau, für eine Dame, weil sich daran niemand stört. Aisha, grämst du dich? Sag, schämst du dich vor tausend Männeraugen? Mag dein Vater dir noch immer nicht den Blick zurück erlauben, sucht die Mutter noch im Sinne einer alten Tradition, dich im Zaum zu halten, auszuhalten, wie andere Mütter schon und das seit vielen langen Jahren ihren Töchtern beigebracht. Das seit vielen langen Jahren ihren Töchtern weisgemacht und deshalb geh’ nicht weg. Aisha, dreh’ mir nicht den Rücken zu. Hör‘ das Klagen deiner Schwestern, bist bei weitem nicht nur du, die sich hundertfach verbiegt in dieser ungerechten Welt, die sich einfach nicht mehr liebt und von sich selbst gar nichts mehr hält, so viele Körper, die statt Zärtlichkeit Härte erhielten, die stets kleingehalten, ihren eigenen Wert für sich behielten, schon als junge Mädchen eheliche Pflichten ausgeführt und als Frau außer Leere in sich selbst nichts mehr gespürt, die ewig Gebärende, stetig stumm gehalten, nie beschwerenden, unter all dem Druck gebückter Freiheit sich verzehrenden, ja, Frauen eben. Nicht nur jenseits des Mittelmeeres, nicht nur anderswo, wo das Leben ohnehin schon schwer ist, auch an Orten, wo augenscheinlich alle Menschen gleich sind, wo man sich empfindlich gibt und mit ganz besonderem Feinsinn hervorhebt, wer unterdrückt wird, ja, sich selbst dabei vergisst, weil egal, wie’s Frauen hier geht, es anderswo noch schlimmer ist. Und die Unterdrücker, deine Brüder? Und sicher trifft sie manche Schuld. Doch sind sie deiner Leiden Lösung und vielleicht sogar ihr Grund? Sind nicht auch sie viel eher Opfer von Geschichte und Erziehung? Die starken Helden in den Märchen. Trainiert auf ungleiche Beziehung, weil Konventionen ihnen oft Gefühlsregung verweigern, sie mit Verantwortung belasten, ihre Pflichten übersteigern. Nun schau’ mich an. Aisha, öffne deine schwarzgetuschten Augen. Ich wusst’ das alles schon sehr früh und wollte niemals wirklich glauben, dass ich nicht als Mann geboren, andere Regeln für mich gelten. Die Gesellschaft teilt sich auf in zwei getrennte Welten, und oft ist es sehr subtil. Die Länge eines Augenzwinkerns, ein nahezu abschätziger Blick, der im Inneren versinkt.

Was stimmt denn mit mir nicht?

Wenn man mich meistens unterschätzt, wenn jeder meint, zu wissen, wie man mich schwächt und mich verletzt und wie lange wird das noch dauern, um mich als weiblich wahrzunehmen? Um mein Frausein nicht als bloßen Machtverlust zu sehen, um zu verstehen, dass ich ich bin, ohne Angst vor dem Klischee, um jeden Mann zu überzeugen, mich als gleichwertig zu sehen, denn wie gelähmt ist unser Handeln, wenn wir uns selber Zellen bauen. Und wie soll’s je ein anderer tun, wenn wir uns selbst nicht recht vertrauen. Aisha, Liebste, verstehst du, was ich sage? Begreifst du denn, weshalb ich mich Tag um Tag damit so plage, so antworte nur einmal, ja, vielleicht im altbekannten Lied, zeig’, dass du weißt, wovon ich rede, dass auch dir daran was liegt, denn worum geht es mir? Worum sollte es allen Menschen gehen? Um selbe Rechte, um Respekt, auf gleicher Augenhöhe stehen."

Vielen Dank!

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