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"Deutschsein - eine Aufklärungsschrift" - Lesung von Zafer Şenocak am 8. Juni 2011 im Deutschen Institut für Menschenrechte (mp3, 5 MB)

| Thema: Diskriminierungsschutz

Audio-Beitrag mit Transkript

"Deutschsein - eine Aufklärungsschrift" - Lesung von Zafer Şenocak  am 8. Juni 2011 im Deutschen Institut für Menschenrechte (mp3, 5 MB)

Als Gast des Deutschen Instituts für Menschenrechte las am 8. Juni 2011 anlässlich der „Langen Nacht der Bibliotheken“ der Schriftsteller Zafer Şenocak aus seinem Buch „Deutschsein: Eine Aufklärungsschrift“.

Transkript


O-Ton Zafer Şenocak:
„Manche Wörter ließen sich nicht übersetzen. ‚Nachtruhe‘ zum Beispiel. Meine Mutter erklärte mir, bei der Nachtruhe gehe es nicht darum, dass die Nacht ruhig sein, sondern dass man in der Nacht nicht laut sein dürfe.
Mit der Zeit wurde das Kinderzimmer in unserer Wohnung immer mehr zu einem deutschen Sprachraum, während die restliche Wohnung von der türkischen Sprache dominiert wurde. Eine zweisprachige Wohnung mit geregelten Grenzen, die mich zu einem zweisprachigen Menschen gemacht hat.“

Zafer Şenocak, eine kurze Begebenheit aus seinem Buch. Seine Mutter und sein Vater sprechen nur Türkisch mit ihm, die deutsche Sprache erobert der damals Neunjährige zunächst weitgehend für sich alleine. Zafer Şenocak wurde 1961 in Ankara geboren, 1970 ziehen seine Eltern mit ihm nach Deutschland. Sein Ankommen, das Heimischwerden vollzieht sich im wesentlichen über die Sprache. Die wichtig geworden und geblieben ist für Zafer Şenocak, als Schriftsteller und als Journalist in der Auseinandersetzung mit der Türkei und mit Deutschland. So ist auch die Integrationsdebatte sein Thema. „Ein halbes Jahrhundert nach den ersten Gastarbeitern, die nach Deutschland kamen, ist Deutschland ein Einwanderungsland geworden.“ So beschreibt er die Situation in seinem Buch und fügt einen interessanten  Aspekt hinzu:

O-Ton Zafer Şenocak:
„Es bedeutet, dass auch die Deutschen in ihr eigenes Land einwandern müssen, das sich in den letzten 50 Jahren stark verändert hat. So, wie die Ostdeutschen nach Westdeutschland eingewandert sind, denn nichts anderes war die Wiedervereinigung. Integrationskonzepte aber kümmern sich bislang nur um die Fremden, von denen sich ein Großteil als Fremde im eigenen Land eingerichtet hat. Wo aber steht der Einheimische? Wohin integrieren sich die Fremden, die noch kommen werden? Reicht die Wahrnehmung von Fremdheit aus, um ein Bild von sich selbst zu haben?“

Weshalb in der Auseinandersetzung um die Integration Rassismus-Erfahrungen von Migranten und Migrantinnen selten direkt angesprochen würden, wird er in der Diskussion über sein Buch gefragt. Eine Frage des Klimas sei es, antwortet er, das Wort Rassismus löse inzwischen ein Weghören aus. Das gehe in Deutschland auf traumatische Erfahrungen aus den Neunzigerjahren zurück. Hoyerswerda, Rostock, Mölln – Ausländerwohnheime brannten, Anschläge wurden verübt.

O-Ton Zafer Şenocak:
„Man hat sie damals, das habe ich auch gemacht, in Texten offen rassistisch benannt, diese Übergriffe. Die Folge war allerdings eine seltsam ergebnislose Aufnahme dessen, was war. Nämlich die Stimmung, die insgesamt eher sich xenophob entwickelt hatte, um sie dann in etwas Neues zu überführen – dieses vereinte Deutschland, in dem wir ja zusammen alle gerne feiern.“    

Nun habe aber, so erläutert er, der Begriff Rassismus eben nicht dazu geführt, dass Deutschland über sich nachdenke. Um diese Auseinandersetzung anzuregen, zu befördern, um nicht dem erkannten Weghör-Potenzial des Wortes unterworfen zu sein, verwendet der Autor diesen Begriff inzwischen zurückhaltend, wie er sagt. Ein Vokabular sei gefragt, das auf Rassismus aufmerksam macht und ihn zu überwinden hilft – auch angesichts fremdenfeindlicher Übergriffe in der Gegenwart. 

O-Ton Zafer Şenocak:
„Es wäre schon sehr interessant, mal zu analysieren, wie das in der Presse auftaucht. Diese ersten Seiten der Neunzigerjahre, dieses Entsetzen, das hat ja Platz gemacht einer gewöhnlichen, alltäglichen Erscheinung. Die dann halt in Zeitungen Seite 13 vierzeilig auftaucht oder vielleicht auch nicht auftaucht, und wo die Polizei immer nach einer Stunde schon weiß, dass es kein rassistischer Übergriff war.“  

Ein gemeinsames Nachdenken aller, die in Deutschland leben, sei erforderlich, regt Zafer Şenocak an. Das heißt auch: ein Austausch, der nicht zuvorderst über scheinbar Trennendes geführt wird, sondern über Werte und Hintergründe der Menschen, die hier leben. So wird der Autor auch auf die Pluralität innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft angesprochen: Wer also zum „Deutschsein“ gehöre? Er sei verwundert, entgegnet er. Es gebe doch eine lange Tradition des Beschäftigens mit verschiedenen kulturellen Einflüssen in Deutschland.  

O-Ton Zafer Şenocak:
„Die scheinen ja heute völlig vergessen zu sein. Es gibt so die ganz blödsinnige Debatte: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? - Das ist doch völlig, also völlig absurd. Das können ja auch nur Leute führen, die die deutsche Literatur nicht kennen. Natürlich ist diese Beschäftigung - ob das eine Fantasiebeschäftigung ist, ob das Exotismus ist oder Orientalismus, ob das Inspiration war, unterschiedlichster Art – gehört natürlich diese Kultur auch zur deutschen Kultur und hat sich befruchtend und auch im Austausch entwickelt. Zum Beispiel: Schauen sie sich die Engelfiguren bei Rilke an, ja... Das sind koranische Engelfiguren und darüber gibt es wissenschaftliche Arbeiten.“

Es gibt mehr Verbindendes als es die derzeitige Debattenkultur in Deutschland zeigt. Lösungen oder Rezepte zu haben nimmt Zafer Şenocak nicht für sich in Anspruch. Er unterbreitet Vorschläge und sucht selbst neue Ideen. Auch mit seinem Buch. Die Gäste des Abends pflichten ihm bei.

O-Ton Publikum:
„Was mich gefreut hat oder angerührt, dass Herr Şenocak eine Verbindung versucht zwischen Fremdheit und Ich-Gefühl, und dass Sprache in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielt. Diese Frage danach, wie kommen Menschen zu einem interessierten Umgang mit anderen, weil sie sich selber kennenlernen wollen. Weil ich glaube, das ist genau das, was zum Beispiel Menschenrechtsarbeit braucht.“

„Eine Aufklärungsschrift“ ist der Untertitel des Buches, und das formuliert auch einen Anspruch. Den er erreicht und erfüllt, wie ein Zuhörer und Leser einschätzt:

O-Ton Publikum:
„Er beschreibt, wie sich die Deutschen durch Krieg, durch Wiedervereinigung, durch Einwanderung noch nicht ganz bewusst sind, in welchem Land sie eigentlich leben.“

Zafer Şenocaks Buch "Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift" ist von der Edition Körberstiftung herausgegeben worden. Der 190-Seiten-Band kostet 16 Euro.

(Audio-Beitrag und Transkript: audio:link)

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