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Zertifizierung als Baustein im Menschenrechtsschutz

Mann mit Arbeitshelm zeigt auf Container und spricht in ein Walkie-Talkie
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Globalisierte Wirtschaftsstrukturen führen zu Lücken im Menschenrechtsschutz. Oft werden Arbeits-, Sicherheits- und Umweltstandards entlang der Lieferketten nicht eingehalten. Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die im Jahr 2011 vom UN-Menschenrechtsrat verabschiedet wurden, verdeutlichen die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen. Sie fordern alle Unternehmen – unabhängig von ihrer Größe, ihrem Sektor und ihrer Struktur – dazu auf, die Menschenrechte bei allen ihren Aktivitäten zu achten und menschenrechtliche Risiken zu prüfen. Doch wie weit reicht diese Verantwortung? Wie können Unternehmen sichergehen, dass sie menschenrechtliche Standards einhalten, und zwar entlang der gesamten Lieferkette? Wir befragten Michael Windfuhr, Stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, dazu.

Herr Windfuhr, welche Rolle spielen Zertifizierungssysteme, wenn es um die Sicherstellung menschenrechtlicher Standards bei Wirtschaftsaktivitäten geht?

Michael Windfuhr: Zertifizierungssysteme sind zum einen notwendig für Verbraucher_innen, die sich Orientierung bei einer Kaufentscheidung wünschen. Das heißt also, Zertifizierung ist ein wichtiges Instrument der Verbraucherkommunikation. Wichtig ist dabei, dass die Angaben verlässlich sind, gut kontrolliert werden und eindeutig sind. Die Website „Siegelklarheit“, vom Entwicklungsministerium initiiert, bietet zum Beispiel einen Überblick darüber, was einzelne Siegel leisten und was sie nicht leisten. Bestimmte Siegel funktionieren gut und sind verlässlich, etwa der Blaue Engel im Umweltbereich oder zertifizierte Bio-Siegel.

Zertifizierung ist aber auch ein zentrales Instrument für Unternehmen, die mit komplexen Lieferketten umgehen müssen und nicht alle Details ihrer Lieferketten selber nachvollziehen können. Zertifizierungsssyteme können Komplexität reduzieren und bestimmte Qualitätsstandards – im ökologischen und auch im sozialen Bereich – standardisiert abprüfen. Dies kann ein Elemente der menschenrechtlichen Sorgfalt sein, die ja das neue Sorgfaltspflichtengesetz oder die UN-Leitprinzipien verlangen. Wichtig ist jedoch, dass die Wirtschaftsakteur_innen wissen: Was deckt mein Siegel verlässlich ab und was deckt es nicht ab? Sie können nicht davon ausgehen, dass ein Siegel sie von ihrer gesamten menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht entlastet, sondern müssen sich damit auch selbst beschäftigen und prüfen und wissen, was sie ergänzend machen müssen.

Standardisierungssysteme sind also sinnvoll für Verbraucher_innen und für Unternehmen, haben aber ihre Grenzen. Denn die Prüfsysteme selbst können eben auch Schwächen haben: beispielsweise in der Qualität der Überprüfung, aber auch im Umfang dessen, was überprüft wird. Also nicht immer sind Auditorensysteme zuverlässig oder sie haben Grenzen, das liegt dann eben an der Dignität des Siegels selber oder des Zertifizierers selber. Kurz: Wir brauchen die Siegel, aber wir müssen um ihre Schwächen wissen.

Was müssen Unternehmen über die Zertifizierung hinaus tun, um ihre menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten zu erfüllen?

M. Windfuhr: Es gibt nicht das eine Siegel, das alle menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten entlang einer Lieferkette abdecken könnte. Die Unternehmen stehen selbst in der Pflicht, ihr gesamtes Geschäft in den Blick zu nehmen und zentrale menschenrechtliche Risiken zu identifizieren. Dies ist sicherlich in eigenen Betriebstätten, auch in anderen Ländern, einfacher. Aber in jedem größeren Betrieb gibt es eine Reihe von Dienstleistern, die ebenfalls in den Blick geraten und auf Standards verpflichtet werden müssen. Zum Beispiel Sicherheitsfirmen oder Dienstleister im Bereich Transportunternehmen: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Methoden arbeiten sie, auf dem Betriebsgelände, auf Seeschiffen, in LKW? Unternehmen müssen sich entsprechend darum kümmern, welche möglichen Risiken bei ihren Dienstleistern liegen können. Dasselbe gilt für die Zulieferer von Produkten oder Vorleistungen, etwa Kabelstränge oder Autositze. Wie kann ich garantieren, dass sie sich an die Standards halten? Das kann geschehen u. a. durch eine entsprechende vertragliche Verpflichtung, bestimmte Standards und Normen einzuhalten oder eben Zertifizierungsinstrumente zu nutzen, um die Qualität nachzuweisen. Der Einfluss wird aber geringer, wenn es keine direkten Zulieferer mehr sind, sondern Zulieferer von Zulieferern, oder beim Einkauf zum Beispiel von Rohstoffen. Hier kann die Zusammenarbeit in Branchen helfen, den Einfluss zu vergrößern. Auch in diesem Bereich gibt es Siegel/Zertifikate, mit denen nachgewiesen werden kann, dass zum Beispiel keine Konfliktmineralien eingekauft werden. Unternehmen müssen ihren Risiken entsprechend verschiedene Instrumente kombinieren. Zertifizierungen können in diesem Kontext ein relevantes Instrument sein. Ein Unternehmen muss aber auch selbst prüfen, ob die vorhandenen Zertifizierungssysteme helfen, und da, wo sie nicht helfen, selbst aktiv werden: Gespräche führen und zusätzliche Garantien einfordern. An der eigenen Risikoanalyse kommt ein Unternehmen nicht vorbei.

Viele Unternehmen verweisen darauf, dass menschenrechtliche Risikoanalysen viel zu umfänglich und deshalb nicht leicht zumutbar seien. Was entgegnen Sie diesen kritischen Stimmen?

M. Windfuhr: Die UN-Leitprinzipien greifen diese Sorgen auf und ermutigen Firmen, sich auf die gravierendsten Probleme zu konzentrieren – wo Zulieferbeziehungen oder Vorprodukte besonders relevant sind oder die Risiken besonders hoch. Ich glaube, eine präventive Risikoanalyse kann sehr helfen, die Komplexität selber zu reduzieren. Statt sich mit der Qualität der Bohrmaschine zu beschäftigen, die irgendwo im Großhandel gekauft und im eigenen Betrieb genutzt wird, geht es um die zentralen Rohstoffe oder wichtigen Dienstleister, wo es bekanntermaßen zu Problemen kommen kann. Das ist der erste Tipp.

Der zweite Punkt ist, dass Unternehmen durch die schnelle Globalisierung der letzten drei Jahrzehnte besonders kostengünstig produzieren können. Die Lieferketten sind in dieser Zeit so enorm lang geworden, und die möglichen Problemen, die damit verbunden sind, müssen die Unternehmen jetzt auch bearbeiten. Eine sehr komplexe Lieferkette lässt sich möglicherweise auch wieder verkleinern oder transparenter gestalten. Einzelne Unternehmen etwa haben die Zahl der Textillieferanten reduziert, um überhaupt den Überblick zu behalten, um diese steuern zu können. Statt bei 50, 100, 1000 Zulieferern einzukaufen, reicht vielleicht eine begrenzte Zahl, dann klappt der Austausch besser und die Bezugsverhältnisse werden stabiler. Es gibt die Möglichkeit, Zertifizierungssysteme einzusetzen oder Brancheninitiativen zu gründen. Im Chemiebereich zum Beispiel hat die Initiative Together for sustainability gemeinsam Standards entwickelt, damit nicht jedes Unternehmen mit dem gleichen Zulieferer unterschiedliche Sachen vereinbart. Es gibt also durchaus Formen, um die Komplexität der Lieferketten handhabbar zu machen.

Und ein Letztes: Die Unternehmen schaffen es in der Regel auch, die Qualität ihrer Produkte entlang ihrer Lieferketten zu sichern. Die Legierung der Schraube, die nur einen Millimeter sein darf, muss stimmen und wird kontrolliert; wenn nötig, gibt es Hilfstellungen für Zulieferer etc. Und dies zeigt: Es gibt Möglichkeiten des Einflusses entlang der Lieferketten, die im Bereich der menschenrechtlichen Standards erarbeitet und in die Unternehmenspraxis integriert werden müssen.

Es ist aber auch klar, dass die Lösung mancher menschenrechtlicher Probleme nicht in allen Fällen einfach ist, sondern durchaus sehr kompliziert sein kann. Wichtig ist aber, dass sich Unternehmen auf den Weg machen. Die UN-Leitprinzipien verlangen, eine angemessene Sorgfalt aufzuwenden, was nicht heißt, dass die Probelme immer sofort gelöst werden können. Was sich bereits verändert hat, ist unser Verständnis, dass zur Qualität von Produkten auch die Achtung menschenrechtlicher Standards gehört.

(H. Gläser, September 2021)

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Michael Windfuhr

Stellvertretender Direktor

Telefon: 030 259 359 - 23

E-Mail: kuntze(at)institut-fuer-menschenrechte.de

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