Barrierefreiheit in (digitalen) Bibliotheken

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© DIMR/Sieberns, von links: Laura Gehlhaar, Susanne Baudisch, Thomas Kahlisch, Elke Dittmer, Kirsten Marschall, Felicitas Hanke

Barrierefreiheit in (digitalen) Bibliotheken

Am 26. November 2015 hatte die Bibliothek zu einer ganztägigen Veranstaltung zum Thema "Barrierefreiheit in (digitalen) Bibliotheken" ins Deutsche Institut für Menschenrechte eingeladen. Der Einladung folgten 30 Mitarbeitende aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken, Universitätsbibliotheken sowie der Bundestagsbibliothek und der Berliner Staatsbibliothek.

Menschenrechtliche Perspektive

Nach einer einführenden Begrüßung durch Anne Sieberns, Leiterin der Institutsbibliothek, stellte Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), das Thema der Veranstaltung in einen menschenrechtlichen Kontext. Er erläuterte die Grundlagen und Prinzipien der UN-Behindertenrechtskonvention und stellte dabei insbesondere die für Bibliotheken besonders relevanten Artikel der Konvention vor. Darunter Artikel 9 zu Barrierefreiheit, der auch den barrierefreien Zugang zu Information und Kommunikation sowie Informations- und Kommunikationstechnologien enthält. Artikel 21, Meinungsfreiheit und Recht auf Zugang zu Information, fordert unter anderem die Bereitstellung von öffentlichen Informationen in barrierefreien Formaten und Technologien. Ausdrücklich erwähnt werden Bibliotheken gemeinsam mit anderen kulturellen Einrichtungen in Artikel 30 zum Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben. Bibliotheken können sich auch aktiv an der Umsetzung von Artikel 8, Bewusstseinsbildung, beteiligen.

Barrierefreiheit in den Hamburger Bücherhallen

Nach der Einführung in die Konvention ging es weiter mit der praktischen Umsetzung von Barrierefreiheit in den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB). Kirsten Marschall berichtete gemeinsam mit Elke Dittmer, die als Geschäftsführerin der "Stiftung Centralbibliothek für Blinde" und der "Norddeutschen Blindenhörbücherei e.V." als Beraterin für die HÖB in Sachen Barrierefreiheit tätig ist, über Hindernisse beim Zugang zum Gebäude und in den Räumen der Hauptbibliothek. Es gab aber auch viel Positives zu berichten: Im Bestand befinden sich Bücher in Großdruck und in Leichter Sprache sowie Hörbücher, die ehrenamtliche Medienboten auf Wunsch direkt nach Hause oder in Seniorenwohnanlagen, Behinderteneinrichtungen oder Tagesstätten bringen. Darüber hinaus bietet die Website der HÖB Informationen in Gebärdensprache an. Die weitere Planung sieht eine schrittweise Umsetzung von Barrierefreiheit vor, denn mit der Feststellung "Wir sind barrierearm" wollen sich die Bücherhallen nicht begnügen.

Design für Alle in Digitalen Bibliotheken

Das von den Blindenbibliotheken in Leipzig und Hamburg 2011 ins Leben gerufene Projekt "Design für Alle in Digitalen Bibliotheken" möchte zeigen, dass "Barrierefreiheit in Digitalen Bibliotheken machbar ist und Synergien für ALLE bietet". Susanne Baudisch, Koordinatorin des Projekts, begann mit einer Einführung in das Vorhaben und seine Zielgruppen und stellte danach sowohl die rechtlichen als auch technischen Rahmenbedingungen vor. Ausgehend vom Gestaltungskonzept des "Universal Design" erläuterte sie in einem weiteren Vortrag die Kriterien für ein barrierefreies Webdesign und gab Handlungsempfehlungen für Bibliotheken.

"Barrierefreiheit, wo liegt das Problem?"

Elke Dittmer teilte im anschließenden Vortrag die Barrieren, die beim Zugang zu Information und zu Bibliotheken entstehen, in drei Kategorien ein: Wahrnehmungsprobleme aufgrund einer Sinnesbehinderung, Verständnisprobleme durch eine kognitive Beeinträchtigung und Zugriffsprobleme als Resultat einer motorischen Behinderung. Diese Barrieren können abgebaut werden, wenn bei der Erstellung von digitalen Angeboten bestimmte Kriterien und Standards eingehalten werden. Dazu gehören die Beachtung von Farbkontrasten, Skalierbarkeit und Navigationshilfen, Textalternativen für Bilder und Grafiken sowie weniger komplexe Satzstellungen.

Die vergessene Nutzergruppe: Menschen mit Legasthenie

Über Angebote in Bibliotheken für Menschen mit Legasthenie referierte Felicitas Hanke. Ihre Masterarbeit zu diesem Thema entstand in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde (DZB) in Leipzig. Thomas Kahlisch, Leiter der DZB, übernahm die Anmoderation für den Vortrag. Die DZB stellt Literatur für blinde und sehbehinderte Menschen bereit und ist zugleich Produktionszentrum für Braille- und Hörbücher, Reliefs oder Noten für Blinde. Thomas Kahlisch wies darauf hin, dass zum Beispiel Hörbücher und barrierefrei gestaltete elektronische Medien nicht nur blinden Menschen, sondern allen Menschen mit verschiedenen Arten von Lesebehinderungen zugutekommen. Felicitas Hankes ging danach in ihrem Vortrag detaillierter auf die Ursachen von Lesebehinderungen und die Bedürfnisse von Menschen mit Legasthenie ein. Da sie nicht als "Behinderte Menschen" laut § 45a Urheberrechtsgesetz gelten, gehören sie auch nicht zur berechtigten Nutzergruppe von Blindenbibliotheken und haben deshalb häufig keinen  Zugriff auf Literatur in barrierefreien Formaten. Durch den erweiterten  Begriff von Behinderung in der UN-BRK sowie im noch nicht in Kraft getretenen Marrakesch-Vertrag der Welturheberrechtsorganisation WIPO soll sich dies aber ändern. Wichtig sei vor allem, dass die "Nutzergruppe der Menschen mit Legasthenie überhaupt als solche erkannt wird und in den Fokus der Bibliotheken rückt".

"Barrieren in den Köpfen"

Im letzten Vortrag ging es um einstellungsbedingte Barrieren, die sogenannten "Barrieren in den Köpfen". Laura Gehlhaar, Autorin und Redakteurin des Projekts Leidmedien.de, zeigte Beispiele, wie Bilder von Menschen mit Behinderungen durch die Medien geprägt werden. Sie sind an ihren Rollstuhl "gefesselt",  "meistern ihr Schicksal heldenhaft" oder arbeiten "trotz" ihrer Beeinträchtigung. Laura Gehlhaar erzählte auch sehr offen über ihre eigenen Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin und über die Klischees, mit denen sie nahezu täglich konfrontiert wird. Anschließend wies sie auf neue Projekte hin, darunter die Website Wheelmap.org, die Informationen über rollstuhlgerechte Orte bereitstellt. (AS)

Einige Präsentationsfolien der Veranstaltung sowie Linkempfehlungen