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    Rechte älterer Menschen „Deutschland hat Nachholbedarf“

    C. Mahler hat schulterlanges Haar. Sie trägt silberne Ohringe, ein rosafarbendes Shirt und einen dunkelblauen Blazer.
    © DIMR/A. lling

    · Meldung

    Wie können die Rechte und die Würde älterer Menschen besser geschützt werden? Können digitale Technologien dabei helfen? Welche Lehren müssen wir aus der Covid-19-Pandemie ziehen? Und welche Vorteile hätte eine UN-Konvention für die Rechte Älterer? Institutsexpertin Claudia Mahler antwortet auf drängende Fragen.

     Die Covid-19-Pandemie hat 2020 das Leben vieler Menschen einschneidend verändert. Welche Auswirkungen hatte sie auf ältere Menschen?

    Claudia Mahler: Ältere Menschen sind eine heterogene Bevölkerungsgruppe in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es deshalb nicht. Da das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, mit zunehmendem Lebensalter steigt, haben viele Ältere lange Zeit ihre sozialen Kontakte stark eingeschränkt und konnten nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Viele ältere Menschen haben deshalb verstärkt an Einsamkeit gelitten. Besonders gravierend waren die Einschränkungen in Pflegeheimen, die zum Teil zu vollständiger Isolation geführt haben. Wenn man der Situation dennoch etwas Positives abgewinnen will: Die Pandemie hat die Rechte Älterer stärker in den Fokus der Politik und Gesellschaft gerückt, ihr Recht auf Gesundheit, auf Leben, auf Information oder auf soziale Teilhabe.

    Hat die Pandemie negative Altersbilder gefördert?

    Mahler: Altersdiskriminierung war und ist ein großes Problem. In den Medien überwiegen stereotype Altersbilder, etwa wenn Ältere vornehmlich im Zusammenhang mit überfüllten Intensivstationen in Krankenhäusern oder verallgemeinernd als hilfebedürftige Menschen dargestellt werden. Ageism, so der englischsprachige Begriff für die abwertende Wahrnehmung des Alters, hat in der Pandemie stark zugenommen.

    Was muss sich ändern?

    Mahler: Heutzutage steht Seniorenpolitik zwar auf der politischen Agenda unddie Interessen älterer Menschen sind in der öffentlichen Wahrnehmung präsent. Allerdings gilt das nur für ausgewählte Themen wie Rente oder Pflege, nicht jedoch für die die Belange von hochaltrigen Menschen. Es gibt zwar mittlerweile zahlreiche Studien zu den Lebenslagen von Hochaltrigen, aber die Erkenntnisse sind in Politik und Gesellschaft noch nicht angekommen. Aus menschenrechtlicher Sicht ist es wichtig, diese Menschen als Rechteträger_innen zu sehen und ihr Recht auf Teilhabe zu stärken. Auch hochbetagte, demente Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, unabhängig davon, ob sie in einer Institution oder zu Hause betreut werden. Hier hat Deutschland Nachholbedarf.

    Die Covid-19-Pandemie hat in vielen Bereichen zu einem Digitalisierungsschub geführt. Können digitale Technologien dabei helfen, die Rechte und die Würde älterer Menschen besser zu schützen?

    Mahler: Wenn digitale Techniken ältere Menschen im Alltag unterstützen, ist das erst einmal positiv, etwa wenn eine E-Health-Sprechstunde ein Arztgespräch auch in Pandemiezeiten ermöglicht. Auch viele Smart-Home-Funktionen sind für ältere Menschen interessant, zum Beispiel Kühlschränke, die Bescheid geben, wenn die Vorräte zur Neige gehen und die Bestellung direkt beim Supermarkt in Auftrag geben. Kritisch zu fragen bleibt: Wer kann diese Art von Unterstützung in Anspruch nehmen? Schließlich haben nicht alle älteren Menschen die Möglichkeit, Smartphones oder Tablets zu nutzen, weil sie nicht über die entsprechende digitale Kompetenz verfügen, keinen Zugang zum Internet haben oder sich kein Gerät leisten können.

    Wo sehen Sie die Grenzen digitaler Unterstützungssysteme?

    Mahler: Der Einsatz von künstlicher Intelligenz darf nicht dazu führen, dass ältere Menschen zuhause vereinsamen. Oder dass ihre Selbständigkeit und Eigenverantwortung eingeschränkt werden, weil die Technik zu viele Aufgaben übernimmt. Deshalb sollten wir die zunehmende Digitalisierung in der Pflege kritisch mit allen Beteiligten diskutieren und gemeinsam überlegen, wie der Einsatz von künstlicher Intelligenz so gestaltet werden kann, dass die Menschenrechte Älterer gewahrt bleiben.

    Auf welche Menschenrechtsverträge können sich ältere Menschen beim Einfordern ihrer Rechte berufen?

    Mahler: Derzeit regeln die beiden UN-Menschenrechtspakte, also der Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und der Pakt über bürgerliche und politische Rechte und auch die UN-Behindertenrechtskonvention die Menschenrechte für ältere Menschen verbindlich. Perspektivisch wäre eine eigene UN-Konvention für die Rechte Älterer hilfreich. Sie könnte die Rechte älterer Menschen sichtbar machen und bestehende Regelungslücken schließen. Über die Inhalte und Auswirkungen eines internationalen Menschenrechtsvertrags diskutiert eine Arbeitsgruppe auf UN-Ebene, in der sich auch das Deutsche Institut für Menschenrechte engagiert, seit 2010. Jetzt fehlt es nur noch am politischen Willen, um mit der Ausarbeitung einer UN-Konvention beginnen zu können.

    „Ein Amt, das für die Belange Älterer verantwortlich ist, analog zum Jugendamt, gibt es in Deutschland nicht“ Claudia Mahler

    In welchen Bereichen sind die Menschenrechte älterer Menschen nicht ausreichend geschützt?

    Mahler: Ältere müssen besser vor Gewalt geschützt werden, zu Hause und in Einrichtungen. Sie sind im Vergleich zu anderen Altersgruppen überproportional häufig davon betroffen, weil sie pflege- oder hilfsbedürftig sind oder sich aufgrund eingeschränkter Mobilität in Isolation befinden. Gewalttätige Handlungen werden häufig bagatellisiert. Auch freiheitsentziehende oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen wie Fixierungen an Bett und Rollstuhl, der Einsatz von sedierenden Medikamenten oder das Abschließen von Türen fallen darunter und sind ein bekanntes menschenrechtliches Problem in der Pflege. Zum Thema häusliche Gewalt fehlt es oft an Wissen, wohin man sich in einem Verdachtsfall wenden kann – ein Amt, das für die Belange Älterer verantwortlich ist, analog zum Jugendamt, gibt es in Deutschland nicht.

    Sie sind nicht nur Institutsmitarbeiterin, sondern wurden im Sommer 2020 vom UN-Menschenrechtsrat für drei Jahre zur Unabhängigen Expertin für die Rechte älterer Menschen ernannt. Wie war Ihr Start in diesem neuen Amt?

    Mahler: Mein Start als Unabhängige UN-Expertin war unter Coronabedingungen natürlich nicht ganz einfach. Statt Länder zu bereisen und mich vor Ort über die Situation älterer Menschen zu informieren, fanden alle Treffen digital statt. Virtuell bin ich schon mehrmals um die Welt gereist. Das hat zwar manches möglich gemacht, was aufgrund von Terminkollisionen oder der Zeitverschiebung sonst nicht möglich gewesen wäre, etwa meine Teilnahme an einer Sitzung des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte oder einige sehr hochrangige Diskussionen. Dennoch freue ich mich sehr, wenn der direkte Austausch mit den Menschen vor Ort wieder möglich sein wird.

    Als Unabhängige Expertin haben Sie Einblick in die Situation älterer Menschen überall auf der Welt? Welche Gemeinsamkeiten gibt es?

    Mahler: Der Blick über die Ländergrenzen macht deutlich, dass die Pandemie vielerorts besonders ältere Menschen betrifft, insbesondere Menschen, die gepflegt werden, beeinträchtigt oder arm sind. Auch der Klimawandel mit seinen Hitzewellen oder die Flutkatastrophen machen älteren Menschen überall auf der Welt in besonderer Weise zu schaffen. Das heißt aber nicht, dass alle älteren Menschen hilfs- und pflegebedürftig sind. Viele Ältere sind in Krisenzeiten die Stützen der Familie, sei es durch Kinderbetreuung oder durch finanzielle Unterstützung. Dennoch ist Altersdiskriminierung ein globales Problem, das Menschen im höheren Alter ein selbstbestimmtes Leben verwehrt. Ich habe deshalb in meinem diesjährigen Bericht an den UN-Menschenrechtsrat Vorschläge zum Abbau von negativen Altersbildern und Ageism gemacht, um notwendige Diskussionen anzustoßen. Kaum jemand bezeichnet sich selbst gerne als alt und macht sich für die Rechte Älterer stark. Dabei ist das aus meiner Sicht eine wichtige Investition in unser aller Zukunft, schließlich will jeder im höheren Alter würdevoll leben.

    (P. Carega)

    Zur Person: Dr. Claudia Mahler arbeitet seit 2010 zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten sowie zu den Menschenrechten älterer Menschen. 2020 wurde sie vom UN-Menschenrechtsrat zur Unabhängigen Expertin für die Rechte älterer Menschen ernannt. Im Rahmen dieser ehrenamtlichen Tätigkeit untersucht sie die Menschenrechtssituation älterer Menschen weltweit.

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