"Wer zur Tafel geht, gehört nicht mehr dazu" - Stefan Selke las im Institut

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Aktuell > News > Newsarchiv >  "Wer zur Tafel geht, gehört nicht mehr dazu" - Stefan Selke las im Institut

Newsarchiv

Stefan Selke (li.) und <br>Michael Windfuhr <br>© DIMR/Warnke

"Wer zur Tafel geht, gehört nicht mehr dazu" - Stefan Selke las im Institut

Am 10. Dezember 2012 las Stefan Selke in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte aus seinem 2008 erschienenen Buch "Fast ganz unten". Darin nimmt der heutige Soziologieprofessor kritisch Stellung zur gesellschaftlichen Bedeutung von Lebensmitteltafeln und ihren Auswirkungen auf die Menschen, die sie in Anspruch nehmen.

Ein Jahr lang hat Stefan Selke bei der Karlsruher Lebensmitteltafel mitgearbeitet. Mit anderen freiwilligen Helferinnen und Helfern hat er Großhändler und Supermärkte abgeklappert, um noch verwertbare Lebensmittel einzusammeln; er hat kistenweise "Brauchbares" von matschigem Gemüse getrennt, faule Bananen aussortiert, Käse und Wurst auf ihr Haltbarkeitsdatum hin geprüft. Vor allem aber hat Selke beobachtet: die Arbeit der Helfenden, den Alltag der Bedürftigen, die Art und Weise, wie in Deutschland Woche für Woche tonnenweise Lebensmittel einer zweiten Bestimmung zugeführt werden. Herausgekommen ist der Erfahrungsbericht "Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird", ein Buch, das einen detaillierten Einblick hinter die Kulissen der hiesigen Tafellandschaft eröffnet und das Phänomen "Tafel" gesellschaftskritisch beleuchtet. Am Montag, 10. Dezember, las Selke in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte daraus vor. Im Zentrum der Lesung, moderiert von Michael Windfuhr, dem stellvertretenden Direktor des Instituts und Experten für das Recht auf Nahrung, stand dabei auch die Frage, ob Tafeln zur Inklusion beitragen - oder aber, ob sie die soziale Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen verfestigen.

"Veröffentlichung" der Lebensverhältnisse

Am Anfang seiner Recherchen habe er sich die Frage gestellt, ob Lebensmitteltafeln die Lösung des Problems Armut oder Teil des Problems seien, sagte Selke zur Begrüßung des Publikums. "Heute bin ich überzeugt, dass die kontraproduktiven Aspekte bei weitem überwiegen." Denn wer sich an Tafeln gewöhne, gewöhne sich letztlich an fehlende Armutsbekämpfung. "Über 900 Tafeln gehören mittlerweile zur Normalausstattung des erodierten Wohlfahrtstaates in Deutschland", sagte der Soziologe. Die Tafeln, 1993 in Berlin gegründet, versorgten heute laut Bundesverband Deutsche Tafel e. V. rund 1,5 Millionen bedürftige Menschen mit Lebensmitteln. "Obdachlose oder Sozialhilfeempfänger gehen selten zu Tafeln. Der typische Kunde ist Hartz-IV-Empfänger, Rentner oder geht einer schlecht bezahlten Beschäftigung nach." Der Titel "Fast ganz unten" sei denn auch eine neue Kategorie gesellschaftlicher Ordnung, so der Soziologe: "Sie bezeichnet Menschen, deren Armut man äußerlich kaum sieht, die aber dennoch so arm sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind." Mithilfe der Lebensmittel optimierten sie ihre Lebensverhältnisse, zahlten jedoch einen Preis dafür. Der Preis beginne mit der "Veröffentlichung" ihrer Lebensverhältnisse, indem sie häufig vor der Tafel auf der Straße warten müssten, und ende in subtilen Abhängigkeiten, wenn sich "Kundinnen und Kunden" bei ihrem täglichen Essensplan nach dem vorhandenen Warenangebot und der Resthaltbarkeit der Lebensmittel richten müssten. Selke, dessen Buch nach seiner Veröffentlichung 2008 eine breite Debatte über Tafeln losgetreten hat, die bis heute anhält, erzählte in diesem Zusammenhang von Situationen, die für die "Kundinnen und Kunden" sichtlich peinlich und demütigend gewesen seien.

Das Menschenrecht auf Nahrung ist verletzt

Zwar räumte Selke in der anschließenden Diskussion ein, dass Tafeln auf der praktischen Ebene auch großartige Arbeit leisteten. "Tafeln sind sympathisch, weil sie Generatoren für Menschlichkeit sind." Trotzdem ist für den Autor klar, dass Lebensmitteltafeln Menschenrechte verletzen. "So sinnvoll Tafeln vordergründig auch erscheinen - Tafeln verletzen die Würde", sagte Selke. Menschen müssten ihre Armut öffentlich machen, und sie könnten sich nicht autonom und selbstbestimmt mit Nahrung versorgen. "Auch das Menschenrecht auf Nahrung ist deshalb verletzt." Und schließlich führten Tafeln dazu, dass nicht alle Menschen gleich behandelt würden. So würden inzwischen bestimmte Lebensmittel für manche Gruppen von Menschen als noch akzeptabel und brauchbar angesehen, die für andere, denen es gut gehe, nicht infrage kämen. Die eingangs von Michael Windfuhr gestellte Frage, ob Tafeln Inklusion förderten, beantwortete der Soziologe Selke - nicht überraschend - mit einem Nein. "Wer zur Tafel geht, gehört nicht mehr dazu." (pac)

No matching tab handler could be found for link handler key record:tx_extaudiobar_filelist:229.

Parallel zum Erscheinen seines Buches startete Stefan Selke eine Website zum Thema Tafeln

Weiterführende Informationen über Tafeln in Deutschland erhalten Sie auch beim Bundesverband Deutsche Tafel e. V.