"Nicht wissen wollen, nicht wissen müssen"

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v. l.: Götz Aly und <br>Valentin Aichele © DIMR/P. Balint

"Nicht wissen wollen, nicht wissen müssen"

Götz Aly las am 13. Juni im Institut aus seinem aktuellen Buch zur "Euthanasie"

Am 13. Juni las Götz Aly im Institut aus seinem neuen Buch "Die Belasteten: 'Euthanasie' 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte". Die Bibliothek hatte den Publizisten und Historiker eingeladen, um mit ihm über die Morde an psychisch Kranken und Menschen mit Behinderungen im Nationalsozialismus zu sprechen.

"Wir haben immer so Angst gehabt. Wir haben bissel was gehört, dass die SS die Leut’ ins Auto geschmissen hat. Wir waren schon lange gefasst, dass da mal irgendjemand kommt." So, wie eine Überlebende des katholischen Pflegeheims Taufkirchen bei München 1945 berichtete, hatte es sich in den Jahren davor in ganz Deutschland tausendfach abgespielt: Mit Bussen wurden psychisch Kranke und Menschen mit Behinderungen aus ihren Einrichtungen abgeholt, um sie angeblich zu "verlegen". Tatsächlich wurden sie in  Tötungsanstalten wie Grafeneck, Hadamar oder Hartheim in Gaskammern oder mit Giftspritzen und Medikamenten ermordet. Rund 200.000 Menschen fielen dem "Euthanasie"-Programm zum Opfer. Die überwiegende Mehrheit der Familien schwieg nach Kriegsende darüber. Man schämte sich, die Namen der getöteten Angehörigen zu nennen, und nur selten wurde nachgeforscht, was wirklich mit ihnen passiert war. Erst heute bröckelt das Tabu. Zu verdanken ist das auch Götz Aly und seinem Buch, das dieses Frühjahr erschienen ist. Die Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte hatte Götz Aly am 13. Juni zu einer Lesung eingeladen, um mit ihm über dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu sprechen.

Zu Beginn des Abends unterstrich Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle am Institut, dass es wichtig sei, sich immer wieder der Verbrechen im Nationalsozialismus zu erinnern. Die Aufarbeitung des „Euthanasie“-Programms sei zentral, um das gesamte mörderische System des Nationalsozialismus zu verstehen, so Aichele zu dem rund 70-köpfigen Publikum. „Deshalb ist es wichtig, historische Sachverhalte zu beleuchten und auch immer wieder den Umgang mit Geschichte zu hinterfragen."

"Das waren keine Nazis"

Aly forscht seit über 30 Jahren zu den "Euthanasie"-Morden - auch aus persönlichen Gründen. Der 66-jährige hat eine Tochter, die unmittelbar nach der Geburt erkrankte und seitdem schwer behindert ist. „Im Zuge meiner Recherchen zu dem Buch wurde mir immer wieder nahegelegt, die Namen der Ermordeten nicht zu nennen – und zwar aus Rücksicht auf heute lebende Verwandte“, sagte Aly. Doch sei es an der Zeit, den getöteten Kindern, Frauen und Männern ihre Individualität und ihre Würde zurückzugeben. Aly, der schon mehrere Werke über die NS-Zeit publiziert hat, entschied sich deshalb dafür, die in seinem Buch erwähnten Opfer mit Vor- und Nachnamen aufzuführen. Er betonte zudem, dass es nicht damit getan sei, auf der einen Seite die vielen Getöteten zu beklagen und auf der anderen die Täterinnen und Täter als gewissenlose Ideologen zu verteufeln. "Die interessante Frage ist doch, wer die vielen Menschen waren, die zwischen den unmittelbaren Mördern und Ermordeten standen." Eine Antwort lieferte der Historiker gleich nach: "Das waren keine Nazis." So hätten viele Deutsche, die den Nationalsozialismus in anderer Hinsicht ablehnten, dem Grundgedanken der "Euthanasie" zugestimmt - mit dem Argument, man würde schwerstkranke Menschen vor langem Leiden bewahren und ihnen den „Gnadentod“ gewähren.

Nur vereinzelt Widerstand

Meistens wurde den Angehörigen eine unmittelbar bevorstehende Ermordung verharmlosend mit einer "Verlegung" in eine andere Einrichtung angekündigt. Kamen keine Einwände, war dies das Todesurteil. Später erreichte die Familie ein Brief, in dem der Tod des Opfers zum Beispiel mit einem Herzstillstand oder einer Lungenentzündung begründet wurde. "Mit solchen Beschönigungen und falschen Todesursachen haben sich Verwandte, mittelbar beteiligte Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern aus ihrer Verantwortung stehlen können", sagte Aly. Protest habe es nur vereinzelt gegeben, etwa von dem katholischen Bischof Clemens August Graf von Galen, der in seinen Predigten mehrmals zum Widerstand gegen das Mordprogramm aufgerufen habe. Viele Angehörige jedoch seien nach dem stillen, halb geheimen Verschwinden ihrer kranken oder behinderten Verwandten erleichtert gewesen – denn der Staat habe ihnen eine schwere Last genommen: Familien mit einem behinderten Kind habe man im Nationalsozialismus das Kindergeld gestrichen, sie seien allein auf sich gestellt und häufig sozial geächtet gewesen. Hinzu sei die Grenzerfahrung des Krieges gekommen: Hunger, Bombenangriffe und die ständige Angst um Verwandte an der Front. „Nicht wissen wollen, nicht wissen müssen – mit diesem Angebot an die Angehörigen hat das Morden nahezu immer reibungslos funktioniert“, erläuterte der Autor. Aly appellierte am Schluss der Veranstaltung noch einmal, die Angehörigen nicht zu verurteilen. "Wir sollten nicht so tun, als seien wir heute die besseren Menschen." Solange man dem Reflex folge, zu "denen" eine maximale Distanz zu haben, habe man aus dem Nationalsozialismus nichts gelernt.
(P. Carega)

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Götz Aly: "Die Belasteten: 'Euthanasie' 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte".
S. Fischer Verlag, 2013. ISBN 978-3100004291