"Die Defizit-orientierte Brille endlich absetzen"

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Die vier Frauen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich.

Diskutierten Möglichkeiten einer inhaltlichen Erweiterung des Online-Handbuchs Inklusion: (v. l.) Swantje Köbsell, Claudia Lohrenscheit und Meike Günther © DIMR/I. Scheffer

"Die Defizit-orientierte Brille endlich absetzen"

Diskussionen über Inklusion, Partizipation und Menschenrechtsbildung beim Fachtag "Online-Handbuch Inklusion" am 27. Juni in Berlin

"Inklusion ist ein revolutionärer Ansatz: gegen das Leistungsprinzip – das hat die Gesellschaft noch nicht begriffen!" meinte eine der 20 Teilnehmenden des Fachtags "Online-Handbuch Inklusion". Dabei komme es besonders auf die Definition und Beurteilung von Leistung an, ergänzte eine andere Teilnehmerin - gegenwärtig werde häusliche, ehrenamtliche oder auch gemeinschaftliche Arbeit häufig wenig wertgeschätzt. Zum Fachtag am 27. Juni in Berlin hatte die Abteilung Menschenrechtsbildung des Deutschen Instituts für Menschenrechte eingeladen. Ziel der ganztägigen Veranstaltung war es, zu erfahren, wie sich die Website in der Praxis bewährt hat, welche Bedarfe zum Thema Inklusion die Anwesenden bei ihrer Arbeit erkannt haben und welche Ideen oder Empfehlungen sie für eine inklusive Menschenrechtsbildung mitbringen. Der Fachtag war zugleich Abschlussveranstaltung für das Projekt "Online-Handbuch Inklusion", dessen Förderung im April ausgelaufen ist. Sowohl der Fachtag als auch das Projekt wurden durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft finanziell gefördert.

"Jeder Mensch hat das Recht, von Anfang an dabei zu sein"

Beate Rudolf, die Direktorin des Instituts, eröffnete den Tag, indem sie die Bedeutung der Inklusion darstellte: "Jeder Mensch hat das Recht, von Anfang an dabei zu sein – das gilt für alle Lebensbereiche und für alle Menschenrechte!" Sie unterstrich, dass der Staat für die Inklusion verantwortlich sei, er müsse Inklusion ermöglichen. Nach einem kurzen Rückblick auf die Entstehung der Website "Inklusion als Menschenrecht" schilderten Anne Thiemann, Mathias Hinderer, Eileen Moritz, Judith Feige und Meike Günther ihre praktischen Erfahrungen mit dem Online-Handbuch, moderiert von Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung am Institut.

Aha-Erlebnisse und Anregungen

Meike Günther, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut und eine der Schöpferinnen des Online-Handbuchs, berichtete, dass sie bei gewöhnlichen Vorträgen zum Thema Inklusion oft Widerstand bei den Zuhörenden gespürt habe, nicht aber bei der Arbeit mit der Website. Eileen Moritz, Bildungsreferentin des Zentrums selbstbestimmt Leben in Gießen e. V., lobte exemplarisch das Rollenspiel "Talkshow". In diesem Rollenspiel diskutieren verschiedene Personen die weitere Schullaufbahn einer sehbehinderten Schülerin. Dabei können Mitspielende mit und ohne Behinderung einen Rollenwechsel vornehmen, Klischees aufdecken und ihre eigenen Positionen reflektieren. Mathias Hinderer, Mitarbeiter im Projekt Inklusiv VERbunden/inklusive menschenrechte, erzählte, es sei ein "Aha-Erlebnis" gewesen, mithilfe des Planspiels "Die Verhandlungen über die Behindertenrechtskonvention bei den Vereinten Nationen" nachzuerleben, wie vielschichtig die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter der UN-Behindertenrechtskonvention damals gewesen seien. Die Homogenisierung der Menschen mit Behinderungen werde in diesem Spiel aufgehoben, ergänzte Meike Günther. Judith Feige, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, berichtete ebenfalls von einem Aha-Erlebnis bei den Teilnehmenden ihrer Seminare: Wenn sie das Übersetzungsspiel "Schwere Sprache – Leichte Sprache" mache, seien die Teilnehmenden jedes Mal erstaunt, wie schwer es ist, etwas wirklich leicht verständlich zu formulieren.

Kritische Anmerkungen und Anregungen zur Weiterentwicklung des Online-Handbuchs wurden ebenfalls gesammelt: Ottmar Miles-Paul (bifos e. V.) merkte an, Bewusstseinsbildung sei aus seiner Sicht nicht genug. Es müssten konkrete Schritte hin zur Inklusion folgen. Dazu könne man die Website zum Beispiel um inspirierende positive Beispiele ergänzen. Mathias Hinderer gab zu bedenken, dass die Website derzeit suggeriere, Inklusion umfasse nur das Thema Behinderung. Eileen Moritz regte an, das Thema Partizipation mit aufzunehmen. Claudia Lohrenscheit, Professorin an der Hochschule Coburg, meinte, dass die Website um brandaktuelle Themen ergänzt werden sollte.

"Um die Inklusion voranzubringen, ist Menschenrechtsbildung nötig"

In drei Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden intensiv darüber, wie das Online-Handbuch inhaltlich erweitert und weiter verbreitet werden könnte, wie die Inklusion in Deutschland vorangebracht werden kann, sowie über den Begriff Partizipation. Die Gesellschaft müsse ihre "Defizit-orientierte" Brille endlich absetzen und Barrieren abbauen, fasste Marianne Hirschberg, Professorin an der Hochschule Bremen, zusammen. Das Leistungsprinzip solle kritisch hinterfragt werden. Partizipation müsse intersektional gedacht und auch politisch definiert werden.
Intersektionale Diskriminierungen, also Situationen, die aus Diskriminierungen wegen verschiedener Merkmale entstehen, diskutierte auch die AG zur inhaltlichen Erweiterung der Website, war sich aber einig, dass umfangreiche Ergänzungen der Website kurzfristig nicht möglich sind. Leichter umsetzbar wäre die Idee, einzelne Paragrafen der UN-BRK anschaulich darzustellen: in Leichter Sprache, mit Beispielen, verlinkten Videos, weiteren Biografien oder auch Gerichtsurteilen zum Thema.
Um die Inklusion voranzubringen, sei Menschenrechtsbildung nötig, resümierte Anne Thiemann, Trainerin für Menschenrechtsbildung, Diversity und Inklusion bei der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen – BIG e. V., aus ihrer AG. Es sollte mit Bildungspolitikerinnen und –politikern gesprochen werden, um Menschenrechtsbildung in der Aus- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften in den Bereichen Lehramt, Soziale Arbeit, Pflege zu verankern.

"Bewusstseinsbildung" lautete das Ziel, mit dem das Projekt "Online-Handbuch Inklusion" 2009 gestartet ist. Dazu trägt es sicherlich bei. Spätere Revolution nicht ausgeschlossen.

Foto-Galerie der Veranstaltung

Website "Inklusion als Menschenrecht"

(I. Scheffer)