Interview Catarina de Albuquerque

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Interview mit Catarina de Albuquerque

Catarina de Albuquerque © privat

"Warum der Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung immer noch nicht selbstverständlich ist"

Interview mit Catarina de Albuquerque, ehemals Unabhängige Expertin der Vereinten Nationen zum Thema der menschenrechtlichen Verpflichtungen bezogen auf den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitärversorgung

Frau de Albuquerque, der Weltwassertag 2011 steht unter dem Motto "Wasser für die Städte: Antwort auf urbane Herausforderungen". Von welchen Herausforderungen ist hier die Rede?

De Albuquerque: Schätzungsweise haben mehrere Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und zu Sanitärversorgung. Wir müssen sicherstellen, dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu sauberem Trinkwasser und genug Wasser für die persönliche Hygiene haben. Außerdem müssen wir gewährleisten, dass alle Menschen auf der Welt eine Toilette benutzen können. Nicht nur zu Hause, sondern auch bei der Arbeit oder in der Schule. Inzwischen leben mehr Menschen in Städten als in ländlichen Gebieten. Und in den Städten steigt die Zahl der Menschen, die in Slums leben. Slums werden häufig als illegal angesehen, dementsprechend werden Wasser- und Sanitärversorgung von nationalen und lokalen Behörden verboten oder die Versorgungsnetzwerke erst gar nicht zur Verfügung gestellt oder entsprechend ausgebaut. In den Industrieländern sieht es nicht viel anders aus. Für immer mehr obdachlose Menschen gibt es immer weniger öffentliche Toiletten. Obdachlose werden systematisch von der Wasser- und Sanitärversorgung ausgeschlossen.

Die Vereinten Nationen haben 2010 das Recht auf Wasser und Sanitärversorgung anerkannt und in einer Resolution verabschiedet. Ist damit eine Kehrtwende eingeläutet?

De Albuquerque:
Diese Resolution beendet die jahrelange Diskussion um die Frage, ob es ein solches Recht überhaupt gibt. Sie erkennt nicht nur Wasser, sondern auch Sanitärversorgung als Menschenrecht an und stellt beide auf eine Stufe. Völkerrechtlich ist nun klargestellt, dass das Recht auf Wasser und Sanitärversorgung denselben Status wie alle anderen Menschenrechte genießt. Jeder Mensch kann sich gegenüber dem Staat auf das Recht berufen. Hiermit ist ein Grundstein dafür gelegt, dass sich das Leben von Milliarden Menschen verbessert, die noch immer keinen Zugang zu ausreichendem, sicherem, bezahlbarem Wasser sowie zu hygienischer Sanitärversorgung haben. Aber es braucht mehr politischen Willen, um dieses Menschenrecht endlich zu realisieren. Die Staaten haben eine völkerrechtliche Verpflichtung, ihren Bürgern sauberes Wasser und Sanitärversorgung zu garantieren. Allein die Anerkennung als Menschenrecht ist noch keine Kehrtwende, aber es ist ein notwendiger und wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Welche Risiken bestehen für die Bevölkerung, wenn nicht ausreichend Trinkwasser und Toiletten zur Verfügung stehen? Welche Gruppen sind in besonderer Weise betroffen?

De Albuquerque:
Mangel an Trinkwasser und fehlende sanitäre Anlagen verursachen Krankheiten. Dadurch werden mehr Kinder getötet als durch Aids, Malaria und Masern zusammen. Allein Durchfall ist die zweithäufigste Todesursache für Kinder unter fünf Jahren. Aber auch wenn die Betroffenen nicht gleich sterben, wirken Krankheiten aufgrund schmutzigen Wassers äußerst nachhaltig: Ohne sauberes Wasser sinkt die Chance auf Entwicklung. Wenn man krank ist, kann man nicht in die Schule gehen und nicht zur Arbeit gehen. Während meiner Länderbesuche sehe ich, dass es immer wieder dieselben Gruppen sind, die besonders betroffen sind: die, die auch sonst ausgegrenzt, marginalisiert und diskriminiert werden – zum Beispiel ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen und Frauen.

Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?

De Albuquerque:
Eine Initiative in Bangladesch ist ein hervorragendes Beispiel: Trotz großer Probleme und massiver Armut ist dort eine Toilette für fünf Dollar entwickelt worden. Bis vor einigen Jahren hatten 33 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Sanitärversorgung und jetzt sind es nur noch sieben Prozent. Das sind enorme Fortschritte, schon allein deswegen, weil der Staat es zur Priorität gemacht hat. Die Regierungen brauchen eine Vision und starken politischen Einsatz für diesen Sektor.

Wie sieht die Situation in trockenen Regionen aus?

De Albuquerque:
In Ägypten gibt es zum Beispiel sehr wenig Wasser, das Land ist eine große Wüste. Trotzdem ist genug Wasser für alle da. Das heißt nicht, dass alle Zugang zu Wasser haben, aber es gäbe genug Wasser für alle. Die gesamte Wassermenge, die weltweit genutzt wird, wird zu 70 Prozent für die Landwirtschaft benutzt, zu 20 Prozent für die Industrie und zu zehn Prozent für den persönlichen und häuslichen Gebrauch. Und selbst von diesen zehn Prozent ist nur ein kleiner Anteil für die menschlichen Grundbedürfnisse notwendig. Vielleicht gibt es in einem Land nicht genug Wasser für die Menschen, weil die Landwirtschaft sehr viel Wasser braucht, um beispielsweise Tomaten zu produzieren, die dann nach Europa exportiert werden. Aber es gibt überall genug Wasser, um das Recht darauf zu erfüllen. Im Prinzip geht es immer darum, was politisch gewollt ist und welche Prioritäten gesetzt werden.

Vor allem in Lateinamerika hat es in den vergangenen Jahren heftige Konflikte um Wasser gegeben. Große Konzerne haben vielfach die Wasserversorgung übernommen. Ist die Privatisierung der Wasser- und Sanitärversorgung menschenrechtswidrig?

De Albuquerque: Menschenrechte sind neutral hinsichtlich der Frage, wer das Wasser zu den Menschen bringt, ob der Staat oder eine Privatfirma. Entscheidend ist, dass niemand beim Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung diskriminiert wird, dass das Wasser Qualität hat, und dass das Wasser für alle Menschen im Land bezahlbar bleibt. Allerdings muss der Staat, der internationale menschenrechtliche Verpflichtungen eingegangen ist, sicherstellen, dass diese Rechte respektiert werden, auch von Privatfirmen. Er muss sich dafür einsetzen, dass der Privatsektor die Preise nicht erhöht, dass das Wasser bezahlbar ist, trotz Privatisierung. Für die armen Leute muss der Staat finanzielle Hilfen bereitstellen und dafür sorgen, dass auch – und gerade – in Elendsvierteln und armen Gegenden die Wasser- und Sanitärversorgung verbessert wird.

(Stand: 21.03.2011, Interview: U. Mast-Kirschning/U. Niehaus)

Website of the Independent Expert on the issue of human rights obligations related to access to safe drinking water and sanitation (English)

OHCHR: The Human Right to Water and Sanitation - Frequently Asked Questions (PDF, 2 MB, nicht barrierefrei)

OHCHR: The Human Right to Water and Sanitation - Legal Obligations with Tangible Benefits (PDF, 1,8 MB, nicht barrierefrei)

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