Menschenrechte in der Pflege

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Projekt "Menschenrechte in der Langzeitpflege"

Ausgangslage

In Deutschland sind derzeit circa 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Eine Auswirkung des demografischen Wandels ist eine zunehmende Nachfrage nach Pflegeleistungen: Der Anteil der Pflegebedürftigen unter den Älteren ist wegen der wachsende Lebenserwartung in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent gestiegen. Von den mehr als 2,5 Millionen Pflegebedürftigen wird ein Drittel in Pflegeheimen vollstationär betreut. Die überwiegende Mehrheit der vollstationär gepflegten Menschen sind hochaltrig (über 80) mit erheblich eingeschränkten Alltagskompetenzen.

Der Staat ist der erste Garant der Menschenrechte. Aufgrund seiner Schutzpflicht ist er dazu angehalten, den Einzelnen gegenüber Eingriffen Dritter zu schützen, er hat dafür Sorge zu tragen, dass die notwendigen Rahmenbedingungen für die Umsetzung der Menschenrechte in der Pflege bestehen. Passende Rahmenbedingungen ermöglichen, dass durch ausreichend Assistenz und durch Berücksichtigung individueller Bedürfnisse von Gepflegten ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben mit einem Höchstmaß an Gesundheit erreicht werden kann. Dies wird zum Beispiel gewährleistet durch gute Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal und durch ausreichend Unterstützung für pflegende Angehörige.

Was ist das Ziel des Projektes?

Als Nationale Menschenrechtsinstitution Deutschlands setzen wir uns dafür ein, dass Parlamente und Regierungen in Bund und Ländern die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland systematisch aus menschenrechtlicher Perspektive in den Blick nehmen. Das Projekt soll dazu beitragen, das Wissen über die Menschenrechte Älterer in der stationären Langzeitpflege zu verbreiten und die Rahmenbedingungen für die Umsetzung dieser Rechte zu stärken.

Die Ergebnisse des Projektes werden wir der Politik in Form von Handlungsempfehlungen vorstellen.

Wer hat das Projekt beauftragt und finanziert?

Unser Projekt ist Teil der internationalen, EU-geförderten Pilot-Studie "Human Rights of Older Persons and Long-Term Care", die vom European Network of National Human Rights Institutions (ENNHRI) konzipiert und koordiniert wird. Die beteiligten Nationalen Menschenrechtsinstitutionen führen Heimbesuche in ihren Zuständigkeitsgebieten durch und befragen sowohl die Pflegetätigen als auch die Gepflegten darüber, was sie unter Menschenrechten verstehen und ob sie, ihrer Meinung nach, menschenwürdig behandelt werden und selbstbestimmt agieren können. Finanziert wird die Studie von der Europäischen Kommission, Direktion für Beschäftigung, Soziales und Integration.

Diese EU-weite Pilot-Studie besteht aus drei Phasen:

  1. Analyse der für die Langzeitpflege relevanten menschenrechtlichen Regelungen und Politiken und Entwicklung eines menschenrechtlichen Ansatzes für die Pflege;
  2. Beobachtung der menschenrechtlichen Situation älterer Menschen in der Langzeitpflege in sechs für die Pilot-Studie ausgewählten EU-Ländern (Feldforschung);
  3. Sensibilisierung der EU-Länder für den menschenrechtlichen Ansatz in der Pflege und für die Ergebnisse der Pilot-Studie.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte ist Kooperationspartner in allen drei Phasen.
Die Feldforschung dient dazu, herauszufinden, ob die Menschenrechte in Alters- und Pflegeheimen umgesetzt werden. Zu diesem Zweck führt das Institut im Rahmen der Pilot-Studie eigene soziologische Untersuchungen von Pflegeeinrichtungen und Pflegemanagement durch.  

Welche Zeitrahmen hat die Studie?

Die Studie läuft seit Januar 2015 und wird im Juni 2017 beendet.

Was sind die Hypothesen und Hauptfragen des Projektes?

Gemäß den in Deutschland gültigen Pflegekonzepten soll Respekt vor der menschlichen Würde die Grundlage pflegerischer Tätigkeit sein. Obwohl in der öffentlichen Debatte oft Misstrauen gegenüber der Pflegebranche herrscht, zeigen Forschung und sämtliche Modell-Projekte, dass die überwiegende Mehrheit der Pflegenden sich stark dafür engagiert, den älteren Menschen die bestmögliche Versorgung und Unterstützung zu bieten. Aber auch die besten Pflegekräfte stoßen manchmal an ihre physischen oder psychischen Grenzen, da ihre Arbeit mit strukturellen Schwierigkeiten verbunden ist. In vielen Einrichtungen ist der Personalschlüssel zu niedrig, um die vielschichtigen Aufgaben in der Pflege zu bewältigen, wie zum Beispiel Unterstützung bei Alltagsaktivitäten, Betreuung demenziell erkrankter Bewohnerinnen und Bewohner, Körperpflege und emotionale Unterstützung. Die Zeit für die Erledigung der Aufgaben ist oft knapp, die Verantwortung der Pflegenden enorm. Den Pflegekräften müsste Unterstützung, beispielsweise regelmäßige Supervision, angeboten werden, um sie zu stärken.

Wie können die Menschenrechte, zum Beispiel auf Selbstbestimmung, Privatsphäre und ein Höchstmaß an Gesundheit, unter diesen Rahmenbedingungen im Alltag der stationären Pflege umgesetzt werden? Welche Rahmenbedingungen schaffen Heimleiterinnen, Heimleiter und Träger für die Umsetzung dieser Rechte? Was wünschen sich die Pflegekräfte und die Gepflegten für die Zukunft?

Im Mittelpunkt der Studie stehen folgende Forschungsfragen:

  • Welche Kenntnisse über Menschenrechte haben Pflegetätige, Gepflegte und ihre Angehörigen? Welche Erwartungen an die Pflege gibt es? Wie spiegeln sich diese Vorstellungen und Erwartungen in der beruflichen Tätigkeit der Pflegekräfte wider?
  • Welche rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen liegen zur Umsetzung von Menschenrechten in der stationären Pflege vor?
  • Welche Sorgen und Ängste bestehen aufseiten der Gepflegten? Welche haben Pflegeträger und Pflegekräfte?
  • Welche Wünsche haben die Gepflegten? Welche Wünsche haben die Pflegekräfte?

Wie wird das Projekt methodisch durchgeführt?

Die soziologische Untersuchung von Pflegeeinrichtungen und Pflegemanagement gründet sich auf qualitativer Analyse ausgewählter Fälle, die sich bezüglich ihrer Lage (Stadt/Land, Ost/West), Trägerschaft und Größe stark unterscheiden. Ziel der Untersuchung ist es, typische Probleme und Lösungen bei der Umsetzung der Menschenrechte in der Pflege zu definieren und zu erläutern. In jedem der Heime werden fünf bis sechs leitfadengestützte Interviews mit Heimleitung, Heimbewohnerinnen und -bewohnern sowie Angehörigen durchgeführt. Neben diesen Einzelinterviews gibt es auch Gruppendiskussionen mit Pflegekräften und Heimbeiräten. Die erhobenen Daten werden Software-gestützt analysiert.

Wie werden die Ergebnisse präsentiert?

Der Abschluss des Projektes in Form eines Berichtes mit Handlungsempfehlungen ist für Juni 2017 geplant.

Weiterführende Informationen:

EHNNRI Project on the Human Rights of Older Persons and Long-term Care

Website milcea: Gewaltfreie Pflege - Prevention of Elder Abuse

BIVA: Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen

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