Dokumentation Fachtreffen 2011

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Veranstaltungsrückblick

(v. l.:) Sibongile Ndashe, Gabrielle Le Roux, Karl Schönberg © Ise Bosch

Regenbogen-Philanthropie 2011:

Vorstellung der zweiten LSBTI-Geberstudie und Fachtreffen für Entscheidungsträger_innen "Fördern, nicht schaden – LSBTI-inklusive Menschenrechtsarbeit in der auswärtigen Politik und Entwicklungszusammenarbeit"

13. September 2011, 10:00-17:00 Uhr, Deutsches Institut für Menschenrechte, Berlin

Zusammen mit der gemeinnützigen Dreilinden gGmbH veranstaltete das Institut am 13. September 2011 ein Fachtreffen zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* (LSBTI) in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Wir fragten danach, welche Auswirkungen politische Interventionen und Entwicklungszusammenarbeit auf die Rechte von LSBTI haben und wie negative Auswirkungen vermieden und positive gefördert werden können. Vorgestellt und diskutiert wurden auch die Ergebnisse der Studie "Menschenrechte fördern! Deutsche Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* Menschenrechtsarbeit im Globalen Süden und Osten", die am 31. August 2011 in Berlin präsentiert worden war.

Mehr als 40 Teilnehmer_innen aus dem In- und Ausland machten das dritte Fachtreffen zu LSBTI und EZ zum bisher größten zu diesem Thema in Deutschland. Neben staatlichen Akteuren und großen internationalen Nichtregierungsorganisation (NRO) waren auch zahlreiche Stiftungen und kleinere Organisationen sowie private Berater_innen in der EZ vertreten.

Im Fokus des diesjährigen Fachtreffens stand die Frage, welche Auswirkungen politische Interventionen und Entwicklungszusammenarbeit auf die Rechte von LSBTI haben und wie negative Auswirkungen vermieden und positive gefördert werden können. Auch Möglichkeiten der Kooperation zwischen privaten Fördereinrichtungen und der staatlichen Entwicklungs-zusammenarbeit loteten die Teilnehmer_innen aus.

Vorgestellt und diskutiert wurden zudem die Ergebnisse der Studie "Menschenrechte fördern! -Regenbogen-Philanthropie 2". Diese zweite Erhebung zum LSBTI-Förderverhalten deutscher Förderer zeichnet ein wesentlich reichhaltigeres Bild der deutschen Geberlandschaft für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* im Globalen Süden und Osten als die erste Erhebung zu diesem Thema im Jahr 2009.

Begrüßung und Vorstellung der Arbeit

Hauptvortrag: LSBTI-inklusive Entwicklungszusammenarbeit - das schwedische Beispiel

Erhebung von LSBTI-Förderungen: Ergebnisse, Herausforderungen und Zukunft

Diskussion

Netzwerk

Programm des Fachtreffens (Word, 300 KB, nicht barrierefrei)

Begrüßung und Vorstellung der Arbeit

Prof. Dr. Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte
Ise Bosch, Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH


In ihrer Begrüßungsrede betonte Prof. Dr. Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, dass LSBTI-Rechte unverzichtbarer Teil der Menschenrechte sind. Wenn Menschenrechte in der Entwicklungsarbeit verletzt würden, werde häufig die Einstellung der Zusammenarbeit gefordert. Beate Rudolf betonte, dass eine genaue Abwägung der Konsequenzen eines solchen Schritts stattfinden müsse. Statt Sanktionen zu verhängen, könne es oft sinnvoller sein, auf Austausch und Dialog zu setzen. In jedem Fall gelte es den Grundsatz zu beachten "Do no harm!", also "Keinen Schaden anrichten!".

Ise Bosch fördert seit einigen Jahren mit ihrer gemeinnützigen Dreilinden gGmbH Organisationen in Nordamerika und Europa, die LSBTI-Organisationen im Globalen Süden und Osten unterstützen. Die diesjährige LSBTI-Geberstudie wurde – wie auch die Vorgängerstudie - von Dreilinden in Auftrag gegeben. Ise Bosch zeigte sich sehr zufrieden mit den Ergebnissen und den Fortschritten.

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Hauptvortrag: LSBTI-inklusive Entwicklungszusammenarbeit - das schwedische Beispiel

Lisa Fredriksson, Swedish International Development Cooperation Agency (SIDA)

In ihrem Vortrag berichtete Lisa Fredriksson (Swedish International Development Cooperation Agency, SIDA) über Erfahrungen und Herausforderungen bei der Inklusion von LSBTI-Rechten und -Schwerpunkten in die schwedische Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit. In Schweden gibt es eine enge Verbindung von Außen- und Entwicklungspolitik. SIDA ist eine staatliche Durchführungsorganisation der Entwicklungszusammenarbeit, die beim Außenministerium angesiedelt ist und über einen eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielraum verfügt. SIDA setzt sich seit 2005 (Studie "Sexual Orientation and Gender Identity Issues in Development", Englisch, PDF, 527 KB, nicht barrierefrei) explizit für die gezielte Inklusion von LSBTI in der schwedischen Entwicklungszusammenarbeit ein und ist damit Vorreiter in Europa. Die Ergebnisse der ersten Untersuchung 2010 werden in den neuen Aktionsplan zu LSBTI einfließen. Dieser soll noch 2011 in Kraft treten.

Laut Fredriksson ist die frühe und weit reichende Inklusion von LSBTI als menschenrechtlicher Themenkomplex in die schwedische Entwicklungszusammenarbeit vor allem engagierten Mitarbeitenden des Außenministeriums und von SIDA zu verdanken, daneben dem hartnäckigen Lobbying von NROs, aber auch dem starken politischen Willen der schwedischen Regierung. So habe sich zum Beispiel eine überparteiliche Arbeitsgruppe des schwedischen Parlaments für LSBTI-Angelegenheiten eingesetzt. LSBTI-fördernde Aktionen von SIDA umfassen bis heute: die Einbettung von LSBTI-Fragen in alle Phasen der EZ, ein Zuwachs an LSBTI-spezifischen Projekten, die Förderung von Advocacy, also das gezielte Einwirken auf politische Entscheidungsprozesse, und Dialog-Arbeit, sowie ein internationales Trainingsprogramm, bei dem LSBTI-Kompetenz gefördert wird.

In der anschließenden Fragerunde ging Fredriksson am Beispiel von Zimbabwe und Uganda auf Schwierigkeiten bei der Unterstützung von LSBTI-Aktivist_innen ein, die in ihrer Gesellschaft kriminalisiert bzw. stigmatisiert werden. Sie betonte, dass oft Botschaften eine erste Anlaufstelle für LSBTI-Menschenrechtler_innen darstellen und einen sicheren Ort bieten können. Botschaften sollten darauf achten, zu NRO-Treffen unbedingt auch LSBTI-Organisationen einzuladen. Eine weitere Möglichkeit sei, Organisationen im Verborgenen zu unterstützen. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit hat SIDA bisher insbesondere Gesundheitsprogramme genutzt, um LSBTI-Menschen gezielt darin mit aufzunehmen. Daneben gibt es erste Erfahrungen im Bereich Bildung.

Audio-Mitschnitt: Vortrag "Sida's Work on LGBTI in Development Cooperation"

Lisa Fredriksson: Sida's work on LGBTI in development cooperation (PPT, 278 KB, nicht barrierefrei)

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(v. l.:) Lucy Chebout, Pia Elisabeth Liehr, Arn Sauer, Lisa Fredriksson und Simon Zobel (Intersexuelle Menschen) © Ise Bosch

Erhebung von LSBTI-Förderungen: Ergebnisse, Herausforderungen und Zukunft

Pia Elisabeth Liehr, Bundesverband Deutscher Stiftungen
Arn Sauer und Lucy Chebout, Autor_innen der Studie "Menschenrechte fördern! – Regenbogen-Philanthropie 2"

Stiftungsumfrage 2010

Pia Elisabeth Liehr vom Bundesverband Deutscher Stiftungen, dem unabhängigen Dachverband deutscher Stiftungen, stellte die Ergebnisse der Stiftungsumfrage 2010 vor. Die Umfrage umfasst über 300 Fragen und liefert mit einem Rücklauf von über 9.000 Fragebögen alle drei Jahre eine fundierte Erhebung zum deutschen Stiftungswesen. Neben allgemeinen Zahlen zum deutschen Stiftungswesen, äußerte sich Liehr auch zur Genderkonstellation der Stiftungsgründer_innen sowie zu LSBTI-orientierten Stiftungen.

In der Umfrage hatten 15 Stiftungen als Zielgruppe für ihre Förderung sexuelle Minderheiten angegeben. Sie alle wurden zwischen 1991 und 2011 gegründet und haben oft ihren Sitz in Großstädten. Unter den Trägern der Stiftungen finden sich Einzelpersonen (Hannchen Mehrzweck Stiftung, Berlin), Vereine (Sappho Frauenwohnstift, Hannover), und auch die Bundesrepublik Deutschland (neu: Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld, Berlin). Der Münchner Stadtrat hat 2010 mit der Münchner Regenbogen-Stiftung die erste Stiftung zum Thema in kommunaler Trägerschaft gegründet.

"Menschenrechte fördern! – Regenbogen-Philanthropie 2"

Die Autor_innen Arn Sauer und Lucy Chebout stellten die Studie "Menschenrechte fördern! Deutsche Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* Menschenrechtsarbeit im Globalen Süden und Osten" (Regenbogen-Philanthropie 2) vor, die im August 2011 von der Dreilinden gGmbH und dem Deutschen Institut für Menschenrechte veröffentlich worden war. Die Studie ist angelehnt an die internationalen Studien "A Global Gaze. Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersex Grantmaking in the Global South and East" (2007; 2008). Sie ist die Nachfolgestudie zu Regenbogen-Philanthropie1, die die LSBTI-Förderung deutscher Geber für das Jahr 2008 erhoben hatte und 2009 veröffentlicht worden war. Neben den Untersuchungsergebnissen bietet die neue Studie auch Empfehlungen, wie die Integration von LSBTI-Menschenrechten in die Entwicklungspolitik und –zusammenarbeit vorangebracht werden kann. Daneben gibt sie einen Überblick zur Menschenrechts- und Lebenslagen von LSBTI.

Nach Informationen zu Rücklauf und Aussagekraft präsentierten die Autor_innen die wichtigsten Ergebnisse. 105 Projekte in mehr als 30 Ländern wurden mit insgesamt mehr als 1,9 Millionen Euro gefördert. Die durchschnittliche Fördersumme pro Projekt betrug 18.000 Euro. Die Bandbreite der Förderungen reicht von unter 1.000 bis über 100.000 Euro. Die drei finanzstärksten Geber waren das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die gemeinnützige Dreilinden gGmbH, sowie das Auswärtige Amt mit einem Gesamtanteil von 87% aller verzeichneten Förderungen. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn  man die Förderung nicht nach den finanzierenden Institutionen aufschlüsselt, sondern danach, wer für die inhaltliche Konzeption und Schwerpunktsetzung verantwortlich zeichnet. . Dann rückt die Heinrich-Böll-Stiftung an zweite Stelle, die eine gezielte LSBTI-Förderung im Rahmen ihres geschlechterpolitschen Schwerpunktes mit nicht zweckgebundenen BMZ-Mitteln vornimmt.

Bei der Untersuchung hinsichtlich regionaler Schwerpunkte zeigte sich, dass es keine Förderungen in Nordafrika gibt und in Ostasien sehr wenige. Auffallend wenig wurde auch in Mittel- und Südamerika gefördert. Eine Aufschlüsselung nach Zielgruppen ergab, dass fast alle Fördergelder an die Gruppe „LSBTI insgesamt“ gingen. Diese Sammelkategorie lässt jedoch unberücksichtigt, dass die darin enthaltenen einzelnen Gruppen unterschiedlich stark berücksichtigt und in die EZ einbezogen werden. Daher können keine Schlüsse daraus gezogen werden, welche Zielgruppen in welcher Höhe spezifisch gefördert wurden. Hohe Fördersummen im LSBTI-Bereich gingen an Gesundheits-/HIV-Programme und richten sich demnach vermutlich vor allem an schwule und bisexuelle Männer bzw. Männer, die mit Männern Sex haben (MSM). Spezifische Förderungen von Lesben und Trans* wurden 2011 erstmals verzeichnet. Eine Förderung speziell von Inter* und Bisexuellen konnte in keiner der beiden Studien festgestellt werden. Mehrfachdiskriminierung spielte bei der Zielgruppenauswahl keine Rolle. Nach Verwendungszwecken aufgeschlüsselt zeigt sich eine deutliche Ausweitung im Vergleich zu 2009 und eine Verschiebung der Förderung von der internationalen auf die nationale Ebene.

Insgesamt gibt die Studie Grund zu Optimismus und zeigt viele positive Entwicklungen auf. Sie verzeichnet mehr Akteure, eine gestiegene Bandbreite der Förderungen und höhere finanzielle Volumina. Der insgesamt professionellere Umgang mit dem Thema zeigt, dass es im Begriff ist, in der EZ wahrgenommen und als Menschenrechtsthema verankert zu werden. Ein erstes LSBTI-Tracking, also die systematische und idealerweise institutionalisierte Nachverfolgung und Nachvollziehbarkeit von Förderungen, hat zum Beispiel die Heinrich-Böll-Stiftung begonnen.

Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin Verbesserungsbedarf. Sauer und Chebout empfahlen eine stärkere Orientierung an der aktuellen, lokalen Schutzbedürftigkeit von LSBTI-Gruppen in Partnerländern. Außerdem sollten die bisher nicht bedachten Verwendungszwecke sowie Vernetzung stärker gefördert werden. Auch sei es wünschenswert, zu Strategiebildung überzugehen statt vorwiegend reaktiv zu fördern. Weitere anzustrebende Ziele seien die Erweiterung der Bandbreite von LSBTI-Akteuren sowie ein Aufbrechen der homogenisierenden Gesamtkategorie "LSBTI" und der damit verbundenen internen Intransparenz. Förderungen sollten besonders ausgegrenzten und mehrfachdiskriminierten Gruppen innerhalb der LSBTI-Bewegung zukommen. Unverzichtbar sei hierfür Kapazitäts- und Kompetenzaufbau bei Empfänger- und Geberorganisationen, um Belange, die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität (SOGI) betreffen, als Querschnittsaufgabe in der EZ zu verankern (Mainstreaming) und nachweisbar zu verfolgen (Tracking).

Audio-Mitschnitt: Vorstellung der Studie "Menschenrechte fördern - Regenbogen-Philanthrophie 2"

Arn Sauer und Lucy Chebout:
Menschenrechte fördern! Studienergebnisse (PDF, 1,6 MB, nicht barrierefrei)

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Diskussion

Sibongile Ndashe, Interights, Südafrika/London,
Gabrielle Le Roux, Künstlerin und Aktivistin, Südafrika/Türkei,
Karl Schönberg, ehemaliger Mitarbeiter eines deutschen kirchlichen Entwicklungsdienstes,
Rafael Teck, Referat 315/Gesundheit, Bevölkerungspolitik, im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

In der Diskussionsrunde tauschten vier Vertreter_innen verschiedener EZ-Organisationen unterschiedliche Perspektiven zur Inklusion von LSBTI-Rechten in die EZ mit den Teilnehmenden aus.

Rafael Teck berichtete aus der Perspektive des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über LSBTI-Förderung in der staatlichen EZ. Im BMZ habe die Aufgabe, Menschenrechte für sexuelle Minderheiten zu fördern, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Insgesamt wurden ca. 60 Projekte finanziell gefördert, ein Großteil davon bei politischen Stiftungen. Bei der eigenen Förderung nutze das BMZ einen zweigleisigen menschenrechtsbasierten Ansatz: Zum einen würden LSBTI-Organisationen direkt gefördert, daneben würden LSBTI-Menschenrechte querschnittsmäßig verankert. LSBTI-Rechte seien immer noch ein relativ neues Thema in der Arbeit des BMZ. Bisherige Förderungen konzentrierten sich oft auf Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), zum Beispiel auf HIV-/AIDS-Bekämpfung. Eine Ausweitung zu einer umfassenderen Integration von LSBTI-Rechten werde ein wichtiger Bestandteil zukünftiger Entwicklungsarbeit sein, so Teck. Dazu sei es nötig, die jetzt gesammelten Erfahrungen für Verbesserungen auf dem Gebiet der LSBTI-Inklusion in der EZ zu nutzen. Bereits gestartete Evaluierungen müssten verfolgt werden.

Als langjähriger ehemaliger Mitarbeiter des evangelischen Entwicklungsdienstes EED berichtete Karl Schönberg vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit LSBTI-Rechten in der kirchlich-evangelischen EZ. Kirchen seien ein wichtiger Akteur in der EZ. Gendergerechtigkeit sei ein fester Bestandteil der Arbeit kirchlicher EZ-Projekte, LSBTI dagegen immer noch ein schwieriges Themenfeld. Es gebe nur wenige geförderte Projekte, auch wenn bei Partnerorganisation oft stillschweigend LSBTI-Themen integriert seien. Über LSBTI offen zu reden sei hingegen ein Tabu. Schönberg forderte mehr Kreativität und Flexibilität im Umgang mit diesem Problem. Wir könnten unseren Partnerländern kein Thema aufzwingen, aber müssten ihnen Raum geben, um eigene Strategien zu entwickeln, unterstrich er. Gegenseitiges Vertrauen stehe am Anfang einer gemeinschaftlichen Arbeit im Dialog. Außerdem sei positive Diskriminierung in der Personalpolitik möglich. Für Schönberg ist der "Do no harm"-Ansatz richtungsweisend.
Dieser

  • fordert einen langfristigen Dialog mit den Partnern,
  • vermeidet negative Nebenwirkungen,
  • verweist auf "best practice"-Programme,
  • initiiert und fördert den Süd-Süd-Austausch
  • und den interreligiösen Dialog.

Da dies alles traditionelle Schwerpunkte kirchlicher Entwicklungsdienste seien, hätten die Kirchen alle Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass LSBTI hier zum Thema werde.

Die südafrikanische Menschenrechtsanwältin Sibongile Ndashe berichtete von ihrer Arbeit bei Interights. Für LSBTI-Gruppen oder -Individuen sei es oft schwer, eine juristische Vertretung zu finden. Viele Anwält_innen scheuten den Umgang, entweder aus Überzeugung oder weil sie um ihren Ruf fürchteten. Interights vertritt LSBTI-Menschen vor regionalen und internationalen Institutionen, mit dem Ziel, durch die Methode der strategischen Prozessführung Reformen in Politik und Gesetz herbeizuführen. Dabei seien die verfassungsrechtlichen Klagen zur Änderung der Gesetzeslage zwar ein erster Anknüpfungspunkt, aber oft nicht zielführend. Verfahren in den USA und Afrika hätten gezeigt, dass gewisse Voraussetzungen wie eine gewachsene Offenheit gegenüber LSBTI in der Öffentlichkeit und Politik für erfolgreiche Gerichtverfahren nötig sind. Erst wenn diese vorlägen, würden auch Richter_innen Recht LSBTI-inkludierend interpretieren. Interights beschäftigt sich somit neben der strategischen Prozessführung im engeren Sinne auch mit der Frage, welche weiteren gesellschaftlichen Bedingungen für eine erfolgreiche gesetzliche Entkriminalisierung notwendig sind.

Die Hauptstrategie von Interights ist hierbei, den Kampf für LSBTI-Rechte in das weitere Feld der Menschenrechtsbewegung einzubetten. Nur wenn LSBTI-Rechte als feste Bestandteile der Menschenrechte akzeptiert würden, könnten positive Veränderungen auf Gesetzesebene erkämpft werden. Einzelkläger_innen sollten dennoch bei Verletzung von Menschenrechten vor Gericht ziehen. Dabei müssten sie mit der Gesetzeslage arbeiten, die sie vorfinden und ihre Ansprüche auf Gleichberechtigung gegebenenfalls auch in Forderungen nach Menschenrechten auf Schutz der Privatsphäre, Schutz vor willkürlichen Festnahmen oder vor Folter kleiden. Dies sei möglich, weil Gesetze zwar gleichgeschlechtliche Sexualakte – also die Handlungen - kriminalisierten, aber Fragen der Identität und Orientierung an sich selten unter Strafe stünden. So sei es zum Beispiel Victor Mukasa aus Uganda gelungen, die gerichtliche Bestätigung dafür zu erhalten, dass Bürgerrechte nicht aufgrund von sexueller Identität entzogen werden können. Auch andere Gerichtsverfahren hätten gezeigt, dass es am wirkungsvollsten ist, wenn sich Trans*-Menschen auf ihre Rechte und Würde als Menschen berufen.

Sibongile Ndashe wies darauf hin, dass soziale Veränderungen in Ländern Afrikas von außen unterstützt werden können. Aufgrund des unterschiedlichen Niveaus von LSBTI-Rechten in einzelnen afrikanischen Ländern sei es nötig, Unterstützung und Förderung auf die jeweilige Landessituation zuzuschneiden. In fast allen Ländern sei allerdings die öffentliche Thematisierung von LSBTI-Förderungen durch Geber eher gefährlich als hilfreich. Ndashe betonte auch, dass die Inklusion von LSBTI-Themen in die EZ eine westliche Agenda bleibe, wenn Organisationen vor Ort dazu gedrängt würden, LSBTI zu integrieren. Westliche Förderung sollte in einen umfassenden Plan zur LSBTI-Unterstützung eingebettet sein und für eine erfolgreiche LSBTI-Bewegung müsse sie möglichst viele – auch kleine – lokale Organisationen in einen Prozess gemeinschaftlichen Dialoges einschließen.

Die Künstlerin und Aktivistin für soziale Gerechtigkeit Gabrielle Le Roux überbrachte zunächst eine Nachricht von Victor Mukasa. Der südafrikanische Trans*-Aktivist_in konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, bat aber darum, dass bei LSBTI-Förderung darauf geachtet wird, ob Organisationen Arbeit für und mit Trans*-Menschen leisten, da Organisationen, die sich als LSBTI-Organisationen bezeichnen, nicht immer auch zu allen Kategorien arbeiten. Idealerweise gingen EZ-Förderungen direkt an Trans*-Organisationen - eine Liste mit Organisationen finde man in seinem Blog. Victor Mukasa arbeitet an der Gründung einer pan-afrikanischen Trans*organisation.
Ausgehend von einem öffentlichen Brief von LSBTI-MR-Verteidigern gegen Peter Tatchells Radiokampagne zur Denunzierung von LSBTI, forderte Le Roux von westlichen EZ-Partnern und -Gebern:

  • "Sprecht nicht für uns, wir können für uns selbst sprechen."
  • "Vergesst nicht die gemeinschaftlichen Anstrengungen von afrikanischen NROs."
  • "Es ist nicht die Aufgabe von Aktivist_innen vor Ort, entstandenen Schaden rückgängig zu machen."
  • "Wenn neue Fördermittel bereitstehen, greift LSBTI als Problemstellung auf."
  • "Versucht die Organisationen kennenzulernen, die ihr fördert."
  • "Sucht kreative Methoden, die Freiraum im traditionellen Kreislauf des Geber-Industrie-Komplexes schaffen."
  • "Statt single-issue-organizing, sucht nach Verbindungen verschiedener Fragestellungen."
  • "Die Benutzung des Wortes Gender allein löst nicht das Problem der Diskriminierung. Mit Sprache ist bedacht umzugehen, aber ihr müssen auch Taten folgen."
  • "Fokussierung auf Opfer-Erzählungen (Victimisation) zeichnet oft ein rückständiges und eurozentrisches Bild von Afrika."
  • "Gute gemeinte Vorsätze reichen nicht aus. Durch gemeinsame Anstrengungen können wir gezielt an einer Verbesserung der LSBTI-Situation in Afrika arbeiten."

Rafael Teck: Redeentwurf zur Veranstaltung "Regenbogen-Philanthropie 2011" (Word, 38 KB, nicht barrierefrei)

Audio-Mitschnitt: Vortrag "LSBTI und kirchliche EZ" von Karl Schönberg

Karl Schönberg: Stichpunkte Fachtagung September 2011 - Kirchliche EZ und LGBTI (Word, 48 KB, nicht barrierefrei)

Audio-Mitschnitt: Vortrag "Strategic Litigation: Violation of Human Rights of LGBTI people" von Sibongile Ndashe

Sibongile Ndashe: Strategic litigation: Violation of Human Rights of LGBTI people (PPT, 194 KB, nicht barrierefrei)

Audio-Mitschnitt: Vortrag "Trans*Funding in Africa" von Gabrielle Le Roux

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Netzwerk

Den letzten Teil des Treffens nutzten die Teilnehmenden unter Mediation von Ise Bosch und Renate Rampf (Hirschfeld-Eddy-Stiftung) zur Vernetzung und stellten einander aktuelle Projektvorhaben vor.

Dreilinden fördert bei der Hirschfeld-Eddy-Stiftung die LGBT-Plattform zur Vernetzung und Informationsaustausch zum Thema LSBT-Rechte in der Entwicklungszusammenarbeit. Fördernde Einrichtungen und NROs, die zu diesem Thema arbeiten, sind eingeladen, mit Renate Rampf und der Plattform in Kontakt zu treten. Die Präsenz auf der Website der Hirschfeld-Eddy-Stiftung wird kontinuierlich aktualisiert. Intersexuelle und Vertreter_innen derer Belange sind eingeladen, die Plattform zu erweitern. Ziel der Plattform sei es, so Rampf, dass LGBTI-Projekte Forderungen gegenüber den Ministerien und den Organisationen der EZ formulieren. Diese müssten mehr und mehr in die Entscheidungs- und Innovationsprozesse zur Planung der EZ einbezogen werden. Zudem sei es wichtig, die Medien stärker für das Thema Menschenrechte von LGBTI zu gewinnen.

(Protokoll: John Gärtig)

Kontakt:

Für Rückfragen oder um in Kontakt mit Referierenden zu treten, wenden Sie sich bitte an Andrea Kämpf vom Deutschen Institut für Menschenrechte (E-Mail: kaempf(at)institut-fuer-menschenrechte.de). Für weitere Informationen stehen auch Ise Bosch und Renate Rampf gerne zur Verfügung; Kontakt über Andrea Kämpf.

Am Deutschen Institut für Menschenrechte führt Andrea Kämpf ein auf mehrere Jahre angelegtes Forschungsprojekt dazu durch, wie Entwicklungszusammenarbeit zur Bekämpfung gesellschaftlich verankerter Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität beitragen kann. Das Projekt wird von der Dreilinden GmbH gefördert.

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