Entwicklung

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Themen > Entwicklungspolitik > Basiswissen >  Entwicklung

4 Was ist Entwicklung?

Der Begriff "Entwicklung" ist in den letzten Jahrzehnten unterschiedlich definiert und ausgefüllt geworden. Eine einheitliche Definition gibt es bis heute nicht. Einig ist man sich heute, dass Entwicklung ein umfassender, komplexer Prozess ist, der nicht geradlinig verläuft und so auch nur schwer voraussehbar ist.

4.1 Nachholende Entwicklung: Förderung des Wirtschaftswachstums

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Wissenschaft und Politik vermehrt darüber debattiert, was Entwicklung ist. Die Gründung der Vereinten Nationen, der einsetzende Prozess der Dekolonialisierung und der beginnende Kalte Krieg bildeten die Koordinaten, die die Vorstellungen von Entwicklung damals prägten. Entwicklung wurde als zielgerichteter Prozess der nachholenden Modernisierung betrachtet, der es den als "unterentwickelt" und traditionell angesehenen Agrargesellschaften ermöglichen sollte, fehlende Entwicklungsstufen auf dem Weg zur nachahmenswerten Industriegesellschaft nachzuholen.

In der Entwicklungszusammenarbeit ging man davon aus, dass die Überwindung von "Unterentwicklung" durch Wirtschaftswachstum gelingen könne. Die Übertragung von Technologien und Industrie aus den Industrienationen, gekoppelt mit der Integration in den Weltmarkt, sollte der Bevölkerung in Entwicklungsländern neben wirtschaftlicher auch soziale Entwicklung und menschliche Entfaltungsmöglichkeiten bescheren.

Kurz, die Antwort auf die Frage, was Entwicklung sei, ließ sich in dieser Zeit auf die Formel reduzieren: Entwicklung = wirtschaftliches Wachstum = Nachahmung der Industrienationen. Auch die Kritik an dieser Formel, zum Beispiel durch die so genannte Dependenztheorie, blieb letztlich diesem Entwicklungsverständnis verhaftet. Allerdings lenkte sie den Blick auf die strukturellen Ursachen von Armut und stellte die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Wirtschaften der Industrie- und der Entwicklungsländer sowie die daraus resultierende Verbindung von Entwicklung im Norden und Unterentwicklung im Süden heraus.

Nach oben

4.2 Grundbedürfnisorientierte Entwicklung: Umverteilungspolitik

In den 1970er Jahren ließen positive Ergebnisse der nachholenden Entwicklung auf sich warten. Trotz hoher Wachstumsraten stieg die Zahl der in Armut lebenden Menschen an und die Forderungen nach einer neuen Entwicklungsstrategie durch Umverteilung wurden lauter. In diesem Zusammenhang wurde der damalige Weltbankpräsident Robert McNamara berühmt: Er machte die bisherigen Wirtschaftskonzepte und die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mitverantwortlich für die Misere der Entwicklungsländer und sprach sich für "Wachstum mit Umverteilung" aus. So wurde die Analyse der gesellschaftlichen Strukturen, die der Verteilung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ressourcen zu Grunde lagen, immer wichtiger. Es entstand ein neues Verständnis: Entwicklung gäbe es dort, wo die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt sind. Um dies zu erreichen, sollte unter Einsatz möglichst beschäftigungsintensiver Technologie die Produktivität von Menschen in Armut gesteigert werden. Gleichzeitig sollte dadurch die Grundversorgung mit dem Lebensnotwendigsten (Nahrung, sauberes Trinkwasser, Gesundheit, Bildung, Wohnen usw.) gewährleistet werden. Es wurde erkannt, dass Wirtschaftswachstum nur dann Entwicklung für alle hervorbringt, wenn es für die Erfüllung grundlegender menschlicher Bedürfnissen fruchtbar gemacht wird. Entwicklung war nun nicht mehr ein anderes Wort für Wirtschaftswachstum, sondern bekam eine soziale Dimension.

Nach oben

4.3 Strukturanpassung: Das verlorene Jahrzehnt

Die Orientierung der Entwicklungspolitik an den Grundbedürfnissen konnte sich in der Praxis nicht nachhaltig durchsetzen. Anfang der 1980er Jahre kam es in einigen Entwicklungsländern, die bis dahin als Musterbeispiele erfolgreicher Entwicklung galten (zum Beispiel Mexiko, Brasilien und Argentinien) zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Sie waren nicht mehr in der Lage, die von Weltbank und Internationalem Währungsfond großzügig gewährten Kredite zurückzuzahlen. Als Antwort auf die entstehende Schuldenkrise setzte die internationale Entwicklungszusammenarbeit auf eine Sparpolitik für die Länder des Südens, die vor allem die Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit anstrebte. Die internationalen Finanzinstitutionen entwickelten eine Reihe von Kriterien, mit denen Länder des Südens ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik tiefgreifend verändern mussten (daher der Name Strukturanpassung), wollten sie Kredite erhalten. Zu diesen Kriterien gehörten unter anderem die Weltmarktorientierung, Entstaatlichung, Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung. So wurden in den 1980er Jahren während der Strukturanpassung die Gesetze des Marktes und des Wirtschaftswachstums erneut zum Inbegriff von Entwicklung.

Nach oben

4.4 Nachhaltige Entwicklung

Die Strukturanpassung der 1980er Jahre führte zu einem immer stärkeren Auseinanderklaffen der Schere zwischen Armen und Reichen. Zunehmend gab es daher auch Kritik an diesem Modell. Mit dem 1987 verfassten Bericht "Unsere Gemeinsame Zukunft" (so genannter Brundtland ReportReport of the World Commission on Environment and Development: Our Common Future) setzte eine breite Debatte um die alle gesellschaftlichen Dimensionen von Entwicklung ein. Umwelt- und Sozialstandards wurden ebenso wie die Beachtung der Menschenrechte Maßstäbe für die neu zu entwerfenden Entwicklungsstrategien. Fragen nach dem Umgang mit vorhandenen Ressourcen, der Art des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Verteilung von Macht und Wohlstand und den damit verbundenen Folgen für kommende Generationen kamen so auf die Tagesordnung. Diese Aspekte flossen in das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ein, dessen internationale Verbreitung mit der UN-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro und der dort verabschiedeten Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (PDF, 16 KB, nicht barrierefrei))begann. 

Dabei entstand auch ein mehrdimensionaler Armutsbegriff. Armut wird heute als Entbehrung auf verschiedenen Ebenen (z. B. Einkommen, Bildung, soziale Beziehungen) und gravierende Einschränkung menschlicher Möglichkeiten verstanden. Amartya Sen (indischer Wirtschaftswissenschaftler, geboren 1933) prägte diesen Armutsbegriff und definierte auch den Begriff Entwicklung vor diesem Hintergrund: als einen Prozess der Erweiterung der Freiheiten der Menschen. In Sens Entwicklungsverständnis stehen Menschen und ihre Fähigkeiten im Mittelpunkt, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es selbst für gut und richtig halten. Unfreiheiten, die diesen Wahl- und Handlungsmöglichkeiten im Wege stehen, müssten abgebaut werden; dies, so Sen, ist Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit. Sens Verständnis von Freiheit - als Ziel und Motor von Entwicklung - und Armut als Verweigerung von Freiheiten und Möglichkeiten liegt auch den seit den späten 1990er Jahren aufkommenden menschenrechtsbasierten Ansätzen zugrunde.

Nach oben

4.5 Armutsbekämpfung - Globale Strukturpolitik

Die Weltkonferenzen der 1990er Jahre übersetzten das Konzept der nachhaltigen Entwicklung in internationale Erklärungen, Aktionsprogramme und Zielvorgaben für die Entwicklungszusammenarbeit. So betonte die Wiener Weltmenschenrechtskonferenz (1993) die Bedeutung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, der Weltsozialgipfel in Kopenhagen (1995) unterstrich die Orientierung an den Grundbedürfnissen und die Weltfrauenkonferenz in Peking (1995) hob die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen hervor. Konkrete Ziele wurden in den UN-Millenniumentwicklungszielen (MDGs) von 2000 festgelegt. Die MDGs sind in eine politische Erklärung eingebettet, die die wechselseitige Bedingtheit von Frieden, Armutsbekämpfung und Verwirklichung der Menschenrechte als Rahmenbedingungen und Ziele erfolgreicher Entwicklung betont. 

Mit diesen neuen Herausforderungen veränderte sich zum einen die Vorstellung davon, welche Rolle der Staat für erfolgreiche Entwicklung spielt. Als "Good Governance" wurden Anforderungen an Rechtsstaatlichkeit, Demokratisierung und Achtung der Menschenrechte, Liberalisierung der Märkte und Armutsbekämpfung zusammengefasst. Zum anderen sollte Entwicklungszusammenarbeit ein Teil globaler Strukturpolitik sein und weniger bilaterale Interessenpolitik wie während des Kalten Krieges. 

So ist in den vergangenen Dekaden nicht nur das Verständnis von Entwicklung komplexer geworden. Auch die Anforderungen an die Fähigkeit der Entwicklungszusammenarbeit, zur Lösung einer Vielzahl von globalen, regionalen und nationalen Problemen beizutragen, sind gestiegen. Ob die Entwicklungszusammenarbeit dies leisten kann und was sie die Dekaden vorher tatsächlich leistete, ist Gegenstand vieler intensiver, teils auch erbitterter politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Debatten. 

Nach oben