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"Die Mauer - Geschichte einer Teilung" - Lesung Edgar Wolfrum am 24.09.2009 im Deutschen Institut für Menschenrechte (mp3, 4 MB)

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Audio-Beitrag mit Transkript

"Die Mauer - Geschichte einer Teilung" - Lesung Edgar Wolfrum am 24.09.2009 im Deutschen Institut für Menschenrechte (mp3, 4 MB)

Die Mauer war das zentrale Monument des Kalten Krieges und ein Symbol für die Zweiteilung der Welt. Lebendig, spannend und mit dem Blick auf das Wesentliche schildert Prof. Dr. Edgar Wolfrum in seinem Buch "Die Mauer" die Hintergründe ihrer Entstehung, zeigt, was es hieß, in ihrem Schatten zu leben und lässt die dramatischen Ereignisse des Mauerfalls vor 20 Jahren wieder aufleben. Wolfrum ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg, seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, Demokratie und Diktatur im 20. Jahrhundert sowie Nationalismusforschung.

Am 24. September 2009 las Prof. Edgar Wolfrum im Deutschen Institut für Menschenrechte. Zur Lesung gibt es einen Audiobeitrag von Andrea Protscher (audio:link).

Transkript des Audio-Beitrags:

O-Ton Lesung:
"Niemals zuvor konnte die Weltöffentlichkeit die Brutalität der DDR-Diktatur so hautnah wahrnehmen wie am 17. August 1962, als vor laufenden Fernsehkameras der 18jährige Peter Fechter im Todesstreifen angeschossen wurde und in einem grausamen, 45minütigen Todeskampf qualvoll direkt hinter der Mauer an der Kreuzberger Zimmerstraße verblutete."

Das Sterben Peter Fechters ging um die Welt. Nicht aber das Leiden der vielen anderen Deutschen im Todesstreifen des sogenannten antifaschistischen Schutzwalls. Der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum hat eine kritische Analyse zur Mauer, Geschichte einer Teilung, veröffentlicht. Und zu diesem Buch eine Lesung am Deutschen Institut für Menschenrechte, in eben der Zimmerstraße in Berlin veranstaltet. Was ist das für ein Staat, der seine 16 Millionen Einwohner einsperrt und um West-Berlin eine Mauer errichtet? Vom Westen war die Mauer bunt, in ihrem Schatten fanden Partys statt, sie war Touristenmagnet. Vom Osten war sie Sperrgebiet und Todesstreifen. Wie reagierten die West-Alliierten am 13. August 1961 auf den Bau der Mauer? Prof. Wolfrum:

"Es gibt den schönen Ausspruch eines französischen Politikers: ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt. Das war nicht offizielle Politik. Alle reden von der Wiedervereinigung, aber keiner tut etwas dafür. Das hat man beim Mauerbau 1961 ganz deutlich gesehen. Kennedy hat ein bisschen protestiert, de Gaulle hat getobt und dann wieder Rotwein getrunken und Mac Millan in England war weiterhin auf Moorhuhnjagd. Wir leben gut mit dieser Zweiteilung der Welt. Die Russen haben ihre Deutschen, und wir haben unsere Deutschen. Das war für die Alliierten gut so."

Prof. Wolfrum zitiert Aussagen ehemaliger DDR-Grenzsoldaten, wie zum Beispiel auch die des Schauspielers Ulrich Mühe, demzufolge es die Anweisung gab, dass die Vernichtung eines Flüchtlings einem Grenzdurchbruch vorzuziehen sei. Und es hätte auch im Ermessen des Schützen gelegen, seine Kalaschnikows auf  Dauerfeuer zu stellen. Bei erfolgreicher Liquidierung war dem Schützen eine Schussprämie sicher. Als Zuhörer waren auch Zeitzeugen zu der Lesung gekommen, so Martin Braband, der von der Bundesrepublik aus der DDR freigekauft worden war. Dieser kommerzielle Menschenhandel war für die DDR eine äußerst lukrative Devisenbeschaffungsmaschine.
Martin Braband:

"40 Jahre lang ist ein Teil des deutschen Volkes massiv unterdrückt worden. Demonstrationsrecht, Streikrecht, Pressefreiheit – das stand alles in der DDR-Verfassung. Nichts davon ist je ernst gemeint gewesen. Die SED hatte immer Angst, dass sie abtreten müsste, wenn sie irgendwie das Volk fragen müsste. Diese Aspekte werden mir in heutigen Diskussionen zu neutral dargestellt, nach dem Motto 'im Westen war ja auch nicht alles schön'."

Diskutiert wurde im Anschluss an die Lesung intensiv und diskursiv. So wurde auch ein kritischer Blick auf die Mauerschützenprozesse geworfen und auf die teilweise recht milden Urteile. Auch die Tatsache, dass die DDR-Grenzsoldaten oft noch sehr jung, 18 oder 19 Jahre alt waren, und durch diesen Dienst traumatisiert wurden, wurde erörtert. Doch die Analyse von Prof Wolfrum befasst sich nicht ausschließlich mit der Berliner Mauer. In seinem Buch wird auch die von Israel erbaute Mauer in den Palästinensergebieten, die der Berliner Mauer sehr ähnelt, oder die Grenzanlage zwischen den USA und Mexiko thematisiert. Und auch noch eine andere Sperranlage, etwa 3.000 Kilometer südwestlich von Berlin:

O-Ton
"Überhaupt Europa: der Kontinent schließ sich konsequent zur Festung Europa ab. Die spanischen Enklaven Ceuta und Meilla an der Nordküste Afrikas werden als Vorposten Europas durch einen Stacheldrahtzaun, Wachtürme, Bewegungsmelder, Infrarotkameras und bewaffnete Posten geschützt. Trotz der Sperren versuchen Jahr für Jahr Tausende von afrikanischen Elendsflüchtlingen den Zaun zu überwinden. Doch sie finden häufig nur den Tod. Die große Mauer, die die Armen der Welt von den reichen Ländern fernhalten soll, besteht längst nicht mehr aus konventionellen Wänden oder stacheldrahtumzäunten Minenfeldern. Der bedeutendste Teil der globalisierten Weltsicherung spielt sich mittlerweile zur See oder in der Luft ab."


Insofern ist 20 Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer das Thema Mauer immer noch äußert brisant und gegenwärtig. Auf die Frage aus dem Publikum, an wen sich Prof. Wolfrum mit seinem Buch eigentlich wendet, antwortet der Autor:

"Jetzt kommen die Jahrgänge der nach 1989 Geborenen. Diese kennen Berlin nur so, wie es heute aussieht, das wiedervereinigte Deutschland. Für diese Generation ist die Teilung und die Mauer so weit entfernt wie die Römische Republik. In einer Prüfung ging es einmal um den Mauerbau. Ich sagte: Malen Sie doch mal Deutschland. Und zeichnen Sie ein, wo Berlin liegt und wo die Mauer war. Die Studentin zeichnete Berlin ungefähr da ein, wo Bonn ist und die Mauer verlief in der Nähe von Kassel durch ganz Deutschland. Viele junge Menschen haben trotz Abitur wenig Ahnung. Deshalb schreibe ich auch vor allem für junge Leute."

"Die Mauer – Geschichte einer Teilung" von Prof. Edgar Wolfrum ist im C.H. Beck Verlag München 2009 erschienen. 

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