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Interview mit dem Journalisten und Dokumentarfilmer Danny Schechter am 22.10.2005 auf der Frankfurter Buchmesse (mp3, 5 MB)

| Thema: Sicherheit | Audio: auf Deutsch

Interview mit Transkript

Danny Schechter ist Journalist, Dokumentarfilmer und Chefredakteur von www.mediachannel.org. Das Interview fand am 22.10.2005 auf der Frankfurter Buchmesse statt, die Fragen stellte Heinz Horst (audio:link).

Transkript des Interviews

Herr Schechter, das neue "Jahrbuch Menschenrechte 2006" ist erschienen. Wie ist es um die Menschenrechte in dieser Welt bestellt?

Die Menschenrechte gehören zu den großen Herausforderungen, denen sich jedes Land stellen muß. Und oftmals ist es einfacher, mit dem Finger auf jemand anderen zu zeigen, als sich um den Menschenrechtsstandard im eigenen Land zu kümmern. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben sich lange Zeit als Modell-Staat in Sachen Menschenrechte gesehen. Andere Leute betrachten uns als ein Land, das sich von den Menschenrechten abkehrt. So ist dieses "Jahrbuch Menschenrechte" sehr wichtig. Es hält die Leute in Verbindung mit den zentralen Herausforderungen der Menschenrechtsbewegung.

In Staaten, in denen die Menschenrechte missachtet werden, haben auch die Journalisten einen schweren Stand. Wie sehr ist dort die Pressefreiheit in Gefahr?

Ich denke die Pressefreiheit ist in allen Ländern in Gefahr und zwar in verschiedener Weise. Zum Beispiel sind in Kriegssituationen, wie im Irak, 74 Medienmitarbeiter getötet worden. Noch wesentlich mehr sind durch ihre Arbeit in den Konfliktgebieten gefährdet, in denen sowohl Terroristen, als auch die US-Militärs schießen. Es scheint zum Teil, als machten sie Medienarbeiter und Journalisten zu Zielscheiben. Spanien forderte jüngst die Verhaftung von drei US-Soldaten im Zusammenhang mit dem Zwischenfall im "Hotel Palestine". Über Konflikte in der Welt zu berichten ist also immer gefährlicher geworden. Die Medien werden zu einem Teil des Konflikts und werden von verschiedenen Konfliktparteien zur Zielscheibe gemacht, und das ist sehr gefährlich. Die andere gefährliche Sache ist, dass Auslandsjournalismus zu einer vom Aussterben bedrohten Art wird. In vielen Ländern ist ein Rückgang der ausgestrahlten Dokumentationen bzw. Auslandsreportagen zu beobachten. Und als Ergebnis nimmt das öffentliche Wissen über diese Dinge immer mehr ab, anstatt dass es zunimmt, und das ist gefährlich.

Herr Schechter, Sie sprachen über die gefährlichen Bedingungen in Kriegsgebieten. Können Sie noch andere Beispiele von unterdrückter Pressefreiheit nennen?

In vielen Ländern werden die Leute nicht zensiert, sie zensieren sich selbst, um überhaupt etwas veröffentlichen zu können. Wir hatten in den USA gerade den Fall, dass eine führende Journalistin der New York Times, Judith Miller, ins Gefängnis ging, weil sie ihre Quellen nicht preisgeben wollte. Und nun hat sie zugegeben, dass nicht nur die Quellen, sondern alles was sie über den Irak geschrieben hat, falsch war. Nun, dieses Zugeständnis kam meines Erachtens etwas spät. Aber da gibt es jemanden, der an der Spitze einer der in der Welt führenden Zeitungen arbeitet und zugibt, dass die Geschichten, die sie über den Irak-Krieg schreibt, schlicht und ergreifend falsch sind. Und als Konsequenz muss noch nicht einmal irgendeine Strafe oder Abgabe bezahlt werden. Man kann nicht einfach sagen: "Oh, tut mir Leid!" und dann weitermachen, wie bisher! Ist es nicht einfach nur fair, zu sagen: "Schaut her, wir wollen, dass jemand zur Rechenschaft gezogen wird, wir möchten eine Untersuchung, warum das hier passiert ist und wir wollen zugesichert bekommen, dass das nicht noch mal passiert!"

Im "Internationalen Ranking zum Umgang mit der Pressefreiheit 2006" (Reporter ohne Grenzen) sind die USA um 20 Plätze auf Platz 44 gefallen. Wie beurteilen sie das?

Die Politik muss versuchen, die Pressefreiheit, die Rechte der Journalisten und der Öffentlichkeit zu klären, um die Wahrheit herauszufinden. Da gibt es in den USA zurzeit eine große Auseinandersetzung. Interessant ist dabei, dass eine der führenden Nachrichtenagenturen, die immerhin die Informationen über Guantánamo und andere Orte ausgegraben hat, im Grunde nicht als Nachrichtenagentur bezeichnet werden kann. Die American Civil Liberties Union hat vor Gericht geklagt und die Regierung zur Herausgabe von Informationen gezwungen, die sonst nicht veröffentlicht worden wären. Aber wo ist hier die Presse? Warum hat nicht die Presse die Herausgabe all dieser Informationen gefordert?

Wie Sie sagen, findet die Wahrheit nicht immer den Weg an die Öffentlichkeit. Was kann, was muss ein guter Journalist tun, um das zu ändern?

Wir müssen skeptisch sein, wir müssen Fragen stellen und wir müssen die Praktiken der Regierungen genau unter die Lupe nehmen. Wir können ihre Erklärungen nicht für bare Münze nehmen. Wie Sie wissen, haben wir eine kritische Rolle zu spielen. Wir müssen uns einmischen und versuchen, die Medien selbst zu demokratisieren; um eine Vielzahl von Perspektiven zu ermöglichen, um sicherzustellen, dass auch einfache Leute mehr Zugang zu den Informationen bekommen. Beim Kampf für mehr Medienfreiheit geht es nicht mehr nur darum, dem Reporter sein Recht zu schreiben zu sichern, sondern es geht darüber hinaus darum, wichtige Informationen, die es gibt, auch zu veröffentlichen – und zwar heute noch! Das ist der Grund warum ich eine Website betreibe unter der Adresse www.mediachannel.org . Ich möchte damit die Aufmerksamkeit auf die Themen lenken, die nicht auf der allgemeinen Agenda stehen und versuchen, Menschen in die Medien- und Demokratiebewegung mit einzubeziehen, um etwas zu ändern. Medien gehen alle etwas an! Sie sind nicht nur für Journalisten von Interesse, sie sind von öffentlichem Interesse, denn du kannst keine Demokratie haben, wenn die Leute nicht informiert sind. Sie sind von den Medien abhängig und wir müssen in der Lage sein, den Medien zu vertrauen. Unglücklicherweise ist es heutzutage schwer, den Medien zu vertrauen.

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