Das Zauberwort "Mandant" - Jura als Kindheitstraum

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Eine Frau und ein Mann sitzen in einer Bibliothek an einem Tisch, der Mann liest aus einem Buch vor, die Frau lacht. Auf dem Tisch liegt ein Aufnahmegerät und steht ein Exemplar des Buches, aus dem der Mann vorliest.

Pamela Pabst kommentierte zur Freude des Publikums sehr persönlich © DIMR/I. Scheffer

Das Zauberwort "Mandant" - Jura als Kindheitstraum

Pamela Pabst, die erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin Deutschlands, stellte ihr Buch vor

Am 22. April war Pamela Pabst, die erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin Deutschlands, zu Gast in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Sie stellte den rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern ihr Buch "Ich sehe das, was ihr nicht seht" vor, in dem sie ihren nicht immer leichten Weg in den Rechtsberuf schildert. Leander Palleit, Mitarbeiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention, moderierte den Abend.

Ein langjähriger Freund der Autorin, Rechtsanwalt Willi Schwoll, las mehrere Passagen aus dem Buch vor. In seiner Kanzlei hatte Pamela Pabst zum ersten Mal das "Zauberwort" Mandant gehört, als er ihre Eltern in einem Verwechslungsfall vertrat. Begeistert von der normierten und eleganten Sprache des Juristen bewarb sie sich einige Jahre später für ihr erstes Schülerpraktikum in seiner Kanzlei – ohne bei der Bewerbung zu erwähnen, dass sie blind ist. Nach anfänglicher Verunsicherung nahm der Anwalt seine neue Praktikantin bereits ab dem zweiten Tag mit auf seine Dienstgänge in die Berliner Gerichte und merkte sehr schnell: "Dieses Mädchen wird ihren Weg gehen!"

Wie dieser Weg sich gestaltete, wird in Pabsts Buch sehr lebendig und mit viel Humor geschildert, etwa das jährliche Highlight, selbst Auto zu fahren – bei der Aktion "Blind am Steuer". In Begleitung des Fahrlehrers darf dann auf einer freien Fläche auf 100 km/h beschleunigt werden. Aber das Beste am Fahren sei eigentlich die anschließende Vollbremsung, so die Autorin, die die gelesenen Passagen zur Freude des Publikums jeweils sehr persönlich kommentierte und ergänzte.

Beklemmender wurde die Stimmung, als die Oberschulzeit in Berlin zum Thema wurde, die sich sehr schwierig gestaltete: Obwohl sie eine integrative Schule besuchte, schlug der damals 12-Jährigen vonseiten der Mitschüler und Mitschülerinnen viel Feindseligkeit entgegen. Bis zum Abitur wurde sie von ihren Klassenkameraden gehänselt, geschlagen und mit Feuerzeugen terrorisiert. Bisher habe sich noch keiner der damaligen Peiniger bei ihr entschuldigt, so Pabst, die diese Jahre nur durch die bedingungslose Unterstützung ihrer Eltern sowie ihrer Lehrerinnen und Lehrer durchgehalten hat. Letztere seien ihre Bezugspersonen gewesen, die ihr in den zusätzlichen Förderstunden sehr geholfen hätten.

"Meine Art zu sehen sind meine persönlichen hundert Prozent!"

Ihr großes Ziel, Strafrichterin zu werden, hat sich bis heute nicht erfüllt, da blinde Menschen aufgrund der Gesetzeslage diese Position nicht besetzen dürfen. Der Traum von einer eigenen Anwaltskanzlei hat sich jedoch realisieren lassen und so verteidigt die Berlinerin heute "Dealer, Mörder und Räuber". Manche ihrer Mandanten und Mandantinnen würden während der Gespräche noch nicht einmal merken, dass sie blind sei, andere stellten neugierige Fragen, aber den meisten sei dies völlig gleichgültig: Hauptsache, die Verteidigung stimmt!

Um diese Arbeit bestmöglich zu erledigen, wird die Strafverteidigerin von einer Arbeitsassistentin unterstützt, wie sie in dem Kapitel "Ich bin die Augen von Frau Pabst" anschaulich schildert. Diese wird vom Amt für Integration finanziert und begleitet sie zu Gerichtsterminen und auf Dienstreisen, liest ihr kürzere Texte vor und erklärt Filme und Bilder aus der Beweisaufnahme. So ist sie eine unersetzliche Stütze im Arbeitsalltag, den darüber hinaus ein Computer mit Braille-Tastatur, eine tastbare Uhr und sprechende Aktendeckel erleichtern.

Das Publikum nahm lebendig Anteil und nutzte die Chance, juristische oder persönliche Fragen zu stellen, zum Beispiel nach dem Zugang zum Recht oder Hilfen auf dem Weg in den Beruf. So erfuhren die Anwesenden gegen Ende der Veranstaltung noch einiges aus der Studienzeit der Autorin, die sich schwierig, aber nicht unmöglich gestaltete und die sie dank hilfsbereiter Vorleser und Vorleserinnen sowie längerer Klausurzeiten gut bewältigen konnte.

Gefragt, ob sehen zu können immer ihr größter Wunsch bleiben würde, gab Pamela Pabst daher keine erstaunliche Antwort: "Nein, ich bin ja von Geburt an blind und bin es nicht anders gewohnt. Ich habe ein sehr glückliches Leben. Meine Art zu sehen sind meine persönlichen hundert Prozent!"

(L. Heuermann)

Pamela Pabst, Shirley Michaela Seul, Ich sehe das, was ihr nicht seht. Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg. ©Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2014