"Anwältinnen und Anwälte brauchen menschenrechtliches Fachwissen und ein Bewusstsein für Diversity"

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Porträt

Dr. Petra Follmar-Otto © DIMR/Amélie Losier

"Anwältinnen und Anwälte brauchen menschenrechtliches Fachwissen und ein Bewusstsein für Diversity"

Das Institutsprojekt "Anwaltschaft für Menschenrechte und Vielfalt" endet im Dezember 2014. Ziel war es, Fortbildungen für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zum internationalen Menschenrechtsschutz zu entwickeln und anzubieten sowie die Anwaltschaft für Diskriminierungsschutz und Diversity zu sensibilisieren. Abteilungsleiterin Petra Follmar-Otto zieht Bilanz.

Frau Follmar-Otto, wie lautet Ihre Bilanz, wenn Sie auf die drei Projektjahre zurückblicken?

Petra Follmar-Otto: Eins unserer Anliegen war es, dass sich Anwältinnen und Anwälte in den Verfahren vor deutschen Gerichten verstärkt auf internationale Menschenrechte berufen und menschenrechtsrelevante Entscheidungen internationaler Gremien wie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte heranziehen. Hier hat das Projekt auf jeden Fall eine Lücke geschlossen, da das internationale Menschenrechtsschutzsystem in der anwaltlichen Aus- und Fortbildung bislang nahezu nicht vorkommt. Deswegen hat es mich sehr gefreut, dass das Interesse am Projekt und seinen Fortbildungen so groß war. Dies auch vor dem Hintergrund, dass sich gerade im Diskriminierungsschutz deutsches Recht, EU-Recht und internationales Recht immer mehr verschränken. So kann es für eine Anwältin, die einen arbeitsrechtlichen Diskriminierungsfall vertritt, ausschlaggebend sein, zur Auslegung des deutschen Rechts auch EU-Recht heranzuziehen oder sich auf eine UN-Konvention zu berufen.

Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sollen Menschen dabei unterstützen, vor Gericht gegen Diskriminierung vorzugehen, so lautete ein Projektziel. Ist Ihnen das gelungen?

Anwältinnen und Anwälte sind zentrale Akteure, damit Betroffene von Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung Zugang zum Recht bekommen. Um einen Diskriminierungsfall erfolgreich zu vertreten, brauchen Anwältinnen und Anwälte nicht nur juristisches Fachwissen, sondern auch ein Bewusstsein für Diversity, also für Vielfalt und Unterschiedlichkeiten von Menschen. Denn die Vielfalt der Gesellschaft ist eben auch verknüpft mit Chancenungleichheit und Diskriminierungen. Ich denke, wir konnten mit der Entwicklung der Fortbildungsangebote dazu beitragen, dass die Anwaltschaft in diesen Kompetenzen gestärkt wird.

Sie sprechen den zweiten Schwerpunkt des Projekts an, nämlich die Qualifikation der Anwaltschaft in Diversity- und interkultureller Kompetenz. Was ziehen Sie hier für ein Fazit?

Leider ist das Bewusstsein für Diversity in der Anwaltschaft heutzutage schwach ausgeprägt. Entsprechend ist der Wille, sich in diesem Bereich fortzubilden, eher noch gering. Hier wünschen wir uns ein Signal der großen juristischen Bildungsträger und der Rechtsanwaltskammern und -vereinigungen, dass sie Diversity-Kompetenz stärker als anwaltliche Schlüsselqualifikation hervorheben. Anwältinnen und Anwälte haben mit ganz unterschiedlichen Mandantinnen und Mandanten zu tun - zum Beispiel hinsichtlich der ethnischen und sozialen Herkunft, der sexuellen Identität und Orientierung, des Geschlechts oder einer Behinderung. Um professionell, wertschätzend und vorurteilsfrei zu kommunizieren und zu beraten, muss die Anwaltschaft sensibel sein für diese Vielfalt. Anwältinnen und Anwälte sollten sich ihrer eigenen Prägungen bewusst sein und die Machtstrukturen in der Gesellschaft kennen.

Wenn ein Projekt zu Ende geht, stellt sich immer die Frage der Nachhaltigkeit. Wie stellen Sie sicher, dass die Projektinhalte weiterwirken?

Da wir die Fortbildungen zusammen mit etablierten juristischen Bildungsträgern angeboten haben, können die Module nach Projektende weitergeführt werden. So freut es uns, dass das Deutsche Anwaltsinstitut – einer unserer Kooperationspartner – die Fortbildungen zu Menschenrechtsschutz und Diversity auch im kommenden Jahr anbieten wird. Außerdem plant der RAV, also der Republikanische Anwaltsverein, das Thema Diversity in das Weiterbildungsangebot für seine Mitglieder aufzunehmen. Das Projekt hat zudem zu europäischen und internationalen Beschwerde- und Gerichtsverfahren sowie zu Diversity die Publikationsreihe "Handreichungen" herausgegeben, die man sich auch künftig kostenlos herunterladen kann, ebenso wie eine Reihe guter Praxisbeispiele zu Diversity. Und schließlich hat der Beirat des Projekts, der aus angesehenen Juristinnen und Juristen besteht, Empfehlungen ausgesprochen, wie das Institut künftig darauf hinwirken kann, dass Menschenrechte in der juristischen Aus- und Fortbildung verankert werden und dass sich die Justiz für die Vielfalt der Gesellschaft öffnet.

(Interview: pac)

Zum Projekt "Anwaltschaft für Menschenrechte und Vielfalt"