Veranstaltungsrückblicke 2016

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Veranstaltungsrückblicke 2016

"Von der Absicht geleitet, Ungerechtigkeit zu überwinden"

Mareike Niendorf und Lothar Krappmann im Gespräch © DIMR/Scheffer

Tagung "Diskriminierung im Bildungsbereich abbauen – Bedeutung und Rezeption des Menschenrechtsansatzes in der Bildungsforschung" am 29.09.2016 in Berlin

Brücken zu schlagen, zwischen dem Menschenrechtsansatz und der empirischen Bildungsforschung, war das übergeordnete Ziel der Veranstaltung "Diskriminierung im Bildungsbereich abbauen", zu der das Deutsche Institut für Menschenrechte in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) am 29. September 2016 eingeladen hatte. Anlass war die Veröffentlichung der Analyse "Das Menschenrecht auf Bildung im deutschen Schulsystem – Was zum Abbau von Diskriminierung notwendig ist" von Mareike Niendorf und Sandra Reitz (Deutsches Institut für Menschenrechte). Der thematische Fokus der Veranstaltung lag dabei auf dem Schutz vor Diskriminierung, einem wesentlichen Strukturprinzip der Menschenrechte und somit auch des Menschenrechts auf Bildung. Folgende Fragen bildeten einen roten Faden durch die Vorträge und Diskussionen dieser Veranstaltung: Welche Begriffe und Verständnisse von Diskriminierung werden in der Bildungs- und Menschenrechtsforschung und im Menschenrechts-Monitoring zugrunde gelegt? Wie beziehen sie sich aufeinander? Inwiefern können sich die verschiedenen Ansätze gegenseitig ergänzen und bereichern? 

Um sich über diese und weitere Fragen auszutauschen, kamen an die 100 Aktive, Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Bereichen für einen Tag lang zusammen. Nach Begrüßung durch Reinhard Pollak, Leiter der Projektgruppe Nationales Bildungspanel am WZB zu Berufsbildung und lebenslangem Lernen, stellten Mareike Niendorf und Sandra Reitz ihre neu erschienene Studie vor. In dieser werden die Schulgesetze aller Bundesländer, Bildungspläne von fünf Ländern sowie Lehr- und Lernmaterialien im Hinblick auf Diskriminierungsfreiheit untersucht und in einem zweiten Schritt Empfehlungen an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ausgesprochen. Die vorgestellten Ergebnisse der Studie ermöglichten einen Überblick über den aktuellen Stand der Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung in Deutschland und schafften eine Diskussionsgrundlage für den weiteren Verlauf der Veranstaltung.

"Bildung ist das Recht, das den Zugang zu Menschenrechten ermöglicht"

In drei Impulsvorträgen wurden Begriffe und Verständnisse von Diskriminierung präsentiert. Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, gab einen Einblick in ein menschenrechtliches Diskriminierungsverständnis. Deutlich machte sie, dass Menschenrechte in der Vergangenheit immer Resultat von Kämpfen gegen Diskriminierungen und ungerechte Zustände gewesen seien, und dass auch heutzutage und in Zukunft Menschenrechte weiter erstritten werden müssten. Gerade der Bereich Bildung sei hier gefordert, um den Zugang zu Menschenrechten zu ermöglichen.

"Bildungsforschung: normativ ausgerichtet, empirisch gesättigt und von praktischer Absicht geleitet, Ungerechtigkeit zu überwinden"

Mechtild Gomolla von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg brachte ihre Perspektive aus der Bildungsforschung ein. Ihr Fokus lag zum einen auf einer Definition von Diskriminierung, zum anderen unterstrich sie die Wichtigkeit der empirischen Erforschung von Diskriminierungsmechanismen. So hob sie hervor, dass gerade im Hinblick auf die Untersuchung von Mechanismen institutioneller (und struktureller) Diskriminierung die deutsche Bildungsforschung noch am Anfang stehe. Forschung in diesem Bereich müsse, so Gomolla, normativ ausgerichtet, empirisch gesättigt und von der praktischen Absicht geleitet sein, Ungerechtigkeit zu überwinden.

Durch den Menschenrechtsansatz ergeben sich neue Fragen

Als dritten Impuls des Vormittages skizzierte Lothar Krappmann, ehemaliges Mitglied im UN-Fachausschuss für die Rechte des Kindes, die Möglichkeiten menschenrechtlichen Monitorings im Bildungsbereich. Er berichtete von seiner langjährigen Tätigkeit im Fachausschuss und erläuterte das dort verwendete Monitoring-Schema, das sich auf die Aspekte Struktur, Prozess und Ergebnisse beziehe. (Selbst-)kritisch merkte er an, dass der Fachausschuss häufig auf den Zugang zu Schule fokussiere und nicht auf die ebenfalls in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Bildungsziele. Durch den Bezug zu Menschenrechten würden Untersuchungen der Bildungsforschung in einen weiteren Rahmen gestellt, wodurch sich neue Fragen ergäben. Er forderte alle an Schule Beteiligten dazu auf, diese als Menschenrechtsinstitution zu verstehen.

In drei Workshops vertieften die Teilnehmenden verschiedene Aspekte. Ein Workshop fragte, inwieweit der Abbau von Diskriminierung als Bildungsziel in Bildungsplänen und -materialien verankert ist. Dabei wurde nach Vorträgen von Sandra Reitz und Inga Niehaus vom Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung der aktuelle Stand zu Schulgesetzen, Bildungsplänen und Schulbüchern diskutiert, Mareike Niendorf moderierte. Thema war unter anderem die 2015 erschienene "Schulbuchstudie Migration und Integration". Diese habe deutlich gemacht, dass viele der untersuchten Schulbücher Vorurteile reproduzierten, zudem würden Migrantinnen und Migranten in Aufgabenstellungen häufig zu Objekten gemacht. Neben der Vermeidung solcher Reproduktionen gelte es, Diskriminierung explizit zu thematisieren und den Abbau von Diskriminierung und Menschenrechte als Bildungsziele in Bildungsplänen zu verankern und in den Materialien entsprechend abzubilden.

Ein zweiter Workshop beschäftigte sich mit rassistischer Diskriminierung in Bezug auf den Zugang zu Bildung. Nach zwei einleitenden Vorträgen von Cornelia Gresch vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Linda Supik, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, diskutierten die Teilnehmenden engagiert, Michael Wrase (WZB) moderierte. So ging es um den unterschiedlichen Gebrauch und unterschiedliche Definitionen der Begriffe „ethnische“ beziehungsweise „rassistische“ Diskriminierung, um die Problematik und die gleichzeitige Notwendigkeit von Kategorisierungen in der Forschung und um die kritische Selbstreflexion der eigenen Rolle als forschende Person. Zu Tage traten dabei Kontroversen zwischen Ansätzen qualitativer und quantitativer Forschung. Die einhellige Meinung zum Ende der Diskussion war jedoch, dass es gerade im Bereich der Diskriminierungsforschung beider Ansätze bedarf und es daher wichtig wäre, dass die beiden Bereiche stärker zusammenarbeiten, um sich so gegenseitig ergänzen zu können.

Um Fragen der empirischen Forschung ging es auch in der dritten Gesprächsrunde, speziell um das empirische Erfassen von Inklusion und Vielfalt im schulischen Kontext. Nach einleitenden Vorträgen von Annedore Prengel, emeritierte Professorin der Universität Potsdam, Angela Ehlers von der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg und dem gemeinsamen Beitrag von Bettina Amrhein von der Universität Bielefeld und Benjamin Badstieber von der Universität zu Köln, verdeutlichte die anschließende Diskussion, moderiert von Anne Piezunka (WZB), die unterschiedliche Herangehensweise bei der Umsetzung beziehungsweise Erforschung von Inklusion. Nach einer Einführung in die menschenrechtlich fundierte Inklusionsforschung im bildungshistorischen Kontext bekamen die Teilnehmende Einblicke zum Stand der inklusiven Bildung durch Schulbesuche in Hamburg und in die Herausforderungen bei der empirischen Erfassung von schulischer Inklusion im Projekt "Mit Schulleitung gesunde, inklusive Schule gestalten". Durch die Vorträge und die Diskussion wurde deutlich, dass nach wie vor unterschiedliche Definitionen und Konzepte von Inklusion im schulischen Kontext praktiziert und diskutiert werden, was wiederum nicht nur die Praxis, sondern auch die empirische Erfassung von Inklusion vor Herausforderungen stellt.

Wie kann der menschenrechtliche Ansatz stärker in der Bildungsforschung verankert werden?

Die schwierige Aufgabe, die Ergebnisse des Tages zusammenzuführen und mit Handlungsoptionen zu versehen, hatte ein Podium, auf dem Susanne von Below (Policy Officer, Empirische Bildungsforschung), Ina Döttinger (Bertelsmann-Stiftung), Lothar Krappmann und Nathalie Schlenzka (Antidiskriminierungsstelle des Bundes), moderiert von Sandra Reitz, miteinander und mit den Anwesenden diskutierten. Leitfrage der Diskussion war, wie der menschenrechtliche Ansatz in der Bildungsforschung stärker verankert werden kann.

Angesprochen wurde, dass das Thema Diskriminierung im Bereich der empirischen Bildungsforschung zwar sicherlich untersucht werde. Oft bestehe jedoch große Unsicherheit, explizit den Begriff Diskriminierung zu verwenden. Ein menschenrechtliches Verständnis von Diskriminierung in der Bildungsforschung könne dies verändern. Ebenso stehe die Forschung oftmals vor Problemen bei der Kategorienbildung, Einsortierung und Weiterbearbeitung der erhobenen Daten. Diese Erhebungen sollten vor dem Hintergrund eines menschenrechtlichen Diskriminierungsverständnisses kritisch überprüft und falls notwendig überarbeitet und ergänzt werden. Außerdem sollte nicht nur der Zugang zu Bildung im Fokus von menschenrechtlichem Monitoring stehen, Bildungsziele und -pläne müssten hier ebenso untersucht werden.

Lothar Krappmann betonte mit Blick auf den Schulkontext: Eltern, Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen müssten wissen, dass sie sich in einem menschenrechtlich relevanten Lebensfeld bewegen. Dasselbe gilt sicherlich auch für die Personen, die im und zum Bildungsbereich forschen. So verdeutlichte die Tagung: ein Zusammenwirken von Bildungsforschung und Menschenrechtsansatz ist notwendig.
(Paul Pörksen)

Mareike Niendorf/Sandra Reitz: Das Menschenrecht auf Bildung im deutschen Schulsystem – Was zum Abbau von Diskriminierung notwendig ist

Zum Programm der Veranstaltung

Video-Mitschnitt (folgt)


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Bedeutsame Basis

Rund 30 Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet diskutierten © DIMR/Pörksen

"Bedeutung der UN-Pakte für die Menschenrechtsbildung" - Netzwerktreffen Menschenrechtsbildung am 6.10.2016


Die beiden zentralen Menschenrechtspakte, UN-Zivilpakt und UN-Sozialpakt, gibt es im Dezember 2016 seit 50 Jahren. Ein guter Anlass um darüber nachzudenken, inwiefern die beiden Pakte in der Menschenrechtsbildung von Bedeutung sind und ob sie direkt oder indirekt Anwendung in der Praxis finden. Dies wurde beim jährlich stattfindenden Netzwerktreffen Menschenrechtsbildung reflektiert. Neben dem thematischen Austausch kamen das Wiedersehen bekannter und das Kennenlernen neuer Gesichter nicht zu kurz.

So kamen am 6. Oktober auf Einladung der Abteilung Menschenrechtsbildung knapp 30 Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet aus den Bereichen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Bildungspraxis in der Alten Feuerwache in Berlin zusammen, um einen Vormittag lang miteinander zu diskutieren.

"NGOs haben dem Sozialpakt Leben eingehaucht"

Michael Krennerich am Flipchart
Michael Krennerich © DIMR/Pörksen

Nach einer einführenden Begrüßung durch Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung, ging es los mit der inhaltlichen Auseinandersetzung über die beiden Menschenrechtspakte. Visualisiert in einem Zeitstrahl wurden die für die Entwicklung der Menschenrechtsbildung wichtigsten Ereignisse, Konventionen und Erklärungen zusammengefasst, um den Teilnehmenden eine gemeinsame Grundlage und einen Überblick an die Hand zu geben und gleichzeitig Zivil- und Sozialpakt in ihren historischen Kontext zu setzen. Konkretisiert und vertieft wurde dies von Michael Krennerich vom Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Universität Erlangen-Nürnberg. In einem spannenden und aktivierenden Vortrag erläuterte er die Entstehung und die fortschreitende Entwicklung der Pakte und ging darüber hinaus auf deren aktuelle Bedeutung ein. Hinsichtlich der historischen Entwicklung im Rahmen der Vereinten Nationen nahm Michael Krennerich insbesondere Bezug auf die Trennung von politisch-bürgerlichen Rechten auf der einen (Zivilpakt) und wirtschaftlich-sozial-kulturellen Rechten (WSK-Rechte; Sozialpakt) auf der anderen Seite. Er hob hervor, dass es gerade Nichtregierungsorganisationen gewesen seien, die dem Sozialpakt im Kontext der Vereinten Nationen Leben eingehaucht hätten, und dass es wichtig sei, politisch-bürgerliche Rechte und WSK-Rechte zusammenzudenken, um ein modernes Verständnis der Menschenrechte zu erlangen.  

"Deutschland muss endlich das Zusatzprotokoll zum Sozialpakt ratifizieren!"

Hilfreich als Interpretationshilfe und zur Verdeutlichung, gerade bezüglich der Anwendbarkeit von Menschenrechten seien das von Katarina Tomaševski entwickelte 4A-Schema - Availability (Verfügbarkeit), Accessibility (Zugänglichkeit), Acceptability (Annehmbarkeit), Adaptability (Adaptierbarkeit) - und ein Blick auf die staatliche Pflichtentrias, bestehend aus Achtung, Schutz und Gewährleistung der Menschenrechte. Dabei verpflichten die Pakte – wie insgesamt die Menschenrechte – in erster Linie Staaten, doch sind damit auch diejenigen Menschen verpflichtet, die im Auftrag des Staates wirken, wie Polizei, Lehrkräfte, etc. Darüber hinaus könne eine Kultur der Menschenrechte nur gefördert werden, wenn alle Menschen und die gesamte Gesellschaft die Menschenrechte anerkennen und sich für sie einsetzen.
 
Zum Menschenrechtsschutzsystem gehören außerdem die Individualbeschwerdeverfahren, erklärte Krennerich. In Bezug auf den UN-Sozialpakt sei das in einem Zusatzprotokoll geregelt. Dieses sei von Deutschland noch nicht unterzeichnet, geschweige denn ratifiziert worden. Damit dies so schnell wie möglich geschehe, sei weiter intensive Lobbyarbeit nötig, so Krennerich. Er schloss damit, dass die beiden Menschenrechtspakte aufgrund ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen auch und gerade heutzutage geeignet seien, um sie politisch zu nutzen und sich für ihre bestmögliche Umsetzung einzusetzen.

Unteilbarkeit der Menschenrechte

Nach einer kurzen Diskussion ging es in Arbeitsgruppen, in denen sich die Anwesenden speziell der eigenen Praxis zuwandten und die Menschenrechtspakte in der eigenen Arbeit verorteten. Hier wurde deutlich, dass sich in der Menschenrechtsbildung sehr selten explizit auf Zivil- oder Sozialpakt bezogen wird. Sie seien jedoch Basis für das Verständnis der Menschenrechte, insbesondere für den Aspekt der Unteilbarkeit von Menschenrechten, und würden so indirekt immer auch eine Rolle spielen, waren sich die Teilnehmenden einig.

Im Anschluss an das Netzwerktreffen ging es für viele Teilnehmende weiter zum Berliner Menschenrechtstag im Auswärtigen Amt, wo die Auseinandersetzung mit den Menschenrechtspakten weiterging und am Abend das 50-jährige Bestehen der Pakte gebührend gefeiert wurde. (pp)


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Kinderrechte bewegen Kita-Praxis

v. l.: Scarlett Henning, Ann-Charlott Wendt, Sandra Reitz und Gerburg Fuchs © DIMR/Niendorf

Veranstaltung "Kinderrechte umsetzen im Kita-Alltag" am 21.04.2016 im Institut

Am 21. April lud die Abteilung Menschenrechtsbildung zur Veranstaltung "Kinderrechte umsetzen im Kita-Alltag" ein. Sie fand in Kooperation mit der Pädagogin Gerburg Fuchs statt, die von März 2015 bis Mai 2016 mit drei Berliner Kitas das Projekt "Spielen für die Kinderrechte - die Rolle der Prävention" durchgeführt hatte.

Ziele der Veranstaltung waren zum einen der Rückblick auf das Projekt, zum anderen der Austausch darüber, dass eine Auseinandersetzung mit Kinderrechten im Kita-Alltag wichtige Impulse liefert und wie sie nachhaltig umgesetzt werden kann. Besprochen wurden an diesem Abend auch die Herausforderungen, denen sich die Mitarbeitenden individuell, aber auch als Team stellen müssen. Als Herausforderungen nannten sie extremen Personalmangel, aber auch eingeschliffene Routinen, etwa beim Umgang mit Zeiten.

"Es geht nicht nur ums Spielen, sondern ans Eingemachte"

Mitgestalterinnen der Veranstaltung waren vier Erzieherinnen, Ann-Charlott Wendt, Scarlett Henning, Aileen Wolff und Karola Reinhardt aus den am Projekt teilnehmenden Kindertagesstätten. Als Projekterfahrene konnten sie Berufskolleginnen und -kollegen aus anderen Einrichtungen und weiteren Interessierten einen Einblick in Projektprozesse und deren Auswirkungen auf ihre alltägliche Arbeit im Team, mit den Kindern und ihren Familien geben. Dabei wurde deutlich, dass die Selbstreflektion niemals aufhören darf. Eine Erzieherin aus dem Projekt formulierte, es sei für sie ein "Aha-Erlebnis" gewesen, dass es beim Projekt "nicht nur ums Spielen", sondern auch "ans Eingemachte", um die Haltung, ging.

Wichtige Inhalte des Projektes „Spielen für die Kinderrechte“ waren die Aspekte Stabilität, Vertrauen, Zuwendung, Beziehung und Kommunikation als grundlegende menschliche Bedürfnisse. Durch das eigene Erleben dieser Aspekte und die genaue Betrachtung des Alltags, des täglichen und konkreten Miteinanders, konnte jede Einrichtung ihre Situation reflektieren, Konsequenzen für ihre Arbeit ziehen und Möglichkeiten der Umsetzung erarbeiten. Neben dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Einrichtung hatten die Projekt-Teilnehmenden in mehreren Kerngruppentreffen über den eigenen Tellerrand geschaut, womit sich die anderen Einrichtungen beschäftigen, sich hierzu ausgetauscht und beraten.

"Ich wünsche mir von den Erwachsenen, dass sie mir zuschauen"

Zu Beginn des Abends gab Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung, in einem Input zu Kinderrechten und Menschenrechtsbildung einen Einblick in Kinderrechte als Menschenrechte für junge Menschen bis 18 Jahre. Wichtige Aspekte aus der <abbr title="Vereinte Nationen (VN); United Nations">UN</abbr>-Kinderrechtskonvention für die Kitas sind die Subjektstellung des Kindes, seine Anerkennung als eigenständiger Mensch mit Bedürfnissen, Fähigkeiten und Rechten sowie die Verantwortung der Erwachsenen für deren Berücksichtigung und Umsetzung im Alltag. Beispielhaft wurde am Recht auf Beteiligung und am Recht auf Spiel deutlich, was die entsprechenden Artikel der Kinderrechtskonvention für die Haltung des Erwachsenen gegenüber dem Kind und das gemeinsame Tun bedeuten und welche Bedingungen für eine gelingende Umsetzung geschaffen werden müssen. Anhand von Zitaten aus Interviews, die mit Kindern während des Projektes geführt wurden, wurde deutlich, wie differenziert sie ihre Umwelt wahrnehmen und dass Erwachsene viel über ihre Wünsche und Bedürfnisse erfahren können, wenn sie sie zu Wort kommen lassen und ihnen gut zuhören. In den Worten von Oli, 5 Jahre: "Die Erwachsenen hören nicht immer zu, weil sie immer am Handy spielen. Ich wünsche mir von den Erwachsenen, dass sie mir zuschauen."

Anschließend moderierte Kathrin Günnewig eine Gesprächsrunde mit den Erzieherinnen aus den teilnehmenden Kitas. Sie berichteten, dass es während des Projektes zunächst um die Kommunikation im Team und die Wahrnehmung des Kindes und seiner Bedürfnisse, insbesondere nach Spiel und Beteiligung, ging. Auf Team- ebenso wie auf Kitaebene stand der Mensch im Vordergrund, seine Bedürfnisse und Wünsche, aber auch seine Meinungen und das, was er als Person aufgrund seiner Erfahrungen mit in den Alltag einbringt. Diese individuellen Erfahrungen haben in den Einrichtungen zu Veränderungen im Miteinander geführt. Auch auf der Strukturebene hat sich dort einiges getan: Absprachen und Zuständigkeiten wurden geklärt, die Erzieherinnen und Erzieher verändern den Alltag, starten Erprobungsphasen aufgrund ihrer Reflexionen und Neubewertungen von Beobachtungen.

Kleine Schritte sind wichtig

Im Kontakt mit den Kindern nehmen die Erzieherinnen deren Bedürfnisse nach freiem Spiel, nach der Suche nach eigenen Lösungen und nach Mitgestaltung ihres Lebensraumes Kita nun deutlicher wahr und arbeiten an einer gelingenden Umsetzung. Wichtig ist hierbei ihrer Erfahrung nach der Blick auf die kleinen, alltäglichen Dinge im Alltag, die jetzt in ihrer Einrichtung den Unterschied machen, zum Beispiel der Blick auf das Kind in seiner Lebenssituation, Geduld beim Zuhören oder die Akzeptanz der Eigenarten und Bedürfnisse anderer.

Dies zu berücksichtigen und nicht wieder in alte Muster zu verfallen und gemeinsam an neuen, veränderten Rahmenbedingungen zu arbeiten, beschreiben die Erzieherinnen als tägliche Herausforderung. Die eigenen Erfahrungen im Projekt und der Gewinn aus diesen kleinen Veränderungen motiviert sie jedoch, auch über das Projekt hinaus am Ball zu bleiben und sich als Team und Einrichtung weiterzuentwickeln. Neben einer kinderrechtlich orientierten Haltung der Erzieherinnen und Erzieher haben die Anwesenden diese kleinen Schritte als wichtige Erfolgsbedingungen für die Kitas identifiziert.

(K. Günnewig)