Veranstaltungsrückblicke 2015

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Veranstaltungsrückblicke 2015

Unterwegs zu einer Ethik der pädagogischen Beziehungen

Konferenz "Menschen- und Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen – Zur Arbeit an den 'Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen'" am 23./24.10.2015 in Reckahn

Ziel der Fachkonferenz zu Kinder- und Menschenrechten in pädagogischen Beziehungen am 23. und 24. Oktober 2015 war es, eine Erklärung zu kinderrechtsbasierter Ethik in pädagogischen Beziehungen auszuarbeiten. Dazu hatten sich rund 50 Experten und Expertinnen aus Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Soziologie im Rochow-Museum in Reckahn eingefunden. Vorausgegangen waren der Konferenz die Gründung des Arbeitskreises Menschenrechtsbildung im Jahr 2011, eine kleine Konferenz 2012, die internationale Tagung "Kinderrechte und die Qualität pädagogischer Beziehungen" mit 400 Teilnehmenden 2013, sowie die Fachkonferenz "Menschen- und Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen – Zur institutionellen Verankerung einer Entwicklungs- und Forschungsperspektive" 2014.

Felicitas Krämer referierte zu Kindeswohl und angewandter Ethik © DIMR/Reitz

"In der Angewandten Ethik gibt es noch keine Ethik der Pädagogik"

Nach der Eröffnung durch die Leitung des Rochow-Museums, Silke Siebrecht, konkretisierte Annedore Prengel, emeritierte Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Potsdam und Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt, die Zielgruppen und Inhalte der "Reckahner Reflexionen". Dabei gab sie einen kurzen Überblick über relevante, bereits bestehende Ethik-Codices im pädagogischen Bereich. Nach einleitenden Grußworten von den Vertreterinnen und Vertretern der veranstaltenden Institutionen, Helga Breuninger (Helga Breuninger Stiftung), Friederike Heinzel (Universität Kassel), Beate Rudolf (Deutsches Institut für Menschenrechte), sowie Ursula Winklhofer (Deutsches Jugendinstitut), referierte Felicitas Krämer von der Universität Potsdam zu den "Grundlagen und Merkmalen angewandter Ethik" mit Blick auf das Kindeswohl und pädagogische Beziehungen. Sie stellte heraus, dass es bisher in der Angewandten Ethik, die normative Theorien auf konkrete Probleme anwendet, noch keine Ethik der Pädagogik gebe. Die Etablierung einer solchen erfordere zunächst einmal empirisches Wissen aus der pädagogischen Praxis. Aufbauend könne dann durch eine Verbindung der Theoriestränge aus Pädagogik und Philosophie eine Ethik der pädagogischen Beziehungen erwachsen, in der es in erster Linie darum gehe, die Verletzlichkeit der Kinder als Subjekte pädagogischer Beziehungen zu schützen. Dabei unterschied sie nach Johannes Giesinger die "Interessenverletzlichkeit", die "moralische Verletzlichkeit", die "Autonomieverletzlichkeit" und die "Bildungsverletzlichkeit" des Kindes.

Kinderrechtskonvention betont Subjektstellung von Kindern und Jugendlichen

Ihr Vortrag lieferte interessante Impulse für das anschließende Gespräch im Plenum. In diesem wurde der Begriff der Verletzlichkeit und insbesondere dessen Zusammenhang mit der Würde als Grundlage von Menschen- und Kinderrechten intensiv diskutiert. So debattierten die Anwesenden, ob eine deutliche Betonung der Verletzlichkeit von Kindern nicht die Gefahr berge, die Kinder zu (Schutz-)Objekten zu machen, wohingegen die Kinderrechtskonvention gerade die Subjektstellung der Kinder und Jugendlichen betone. Dennoch wurde der Verletzlichkeitsbegriff – in dem Sinne, dass alle Menschen verletzlich sind – als sehr bereichernd für die Ausgestaltung pädagogischer Beziehungen anerkannt.

Rund 50 Experten und Expertinnen aus Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Soziologie trafen sich in Reckahn © Silke Siebrecht

In vier Arbeitsgruppen erarbeiteten die Teilnehmenden Textbausteine, die eine Grundlage für das spätere "Reckahner Manifest" bilden sollen. Der Fokus der Arbeitsgruppen lag hierbei auf den Bereichen Forschung und Forschungsförderung, Bildungspolitik und Recht, Aus- und Fortbildung, alltägliche Pädagogik beziehungsweise Unterricht mit Kindern und Jugendlichen. Die Arbeitsergebnisse wurden im Plenum vorgestellt und diskutiert.  

Lothar Krappmann, ehemaliges Mitglied des UN-Kinderrechteausschusses, zog in seinem Schlusswort eine Zwischenbilanz für das entstehende Manifest: Für die weitere Arbeit sei ein permanenter Prozess der Selbstvergewisserung notwendig. Es müsse deutlich werden, dass pädagogische Fachkräfte Kinderrechte nicht nur verletzen können, sondern auch gezielt fördern. Um einen Ethik-Kodex verbindlich zu machen, müssten Bildungsinstitutionen und Bildungspolitik zusammenarbeiten. Mit der Arbeit an den "Reflexionen" sei jedoch ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer Ethik der pädagogischen Beziehungen getan.

Eine Redaktionsgruppe soll auf Grundlage der Arbeitsergebnisse der Konferenz einen Entwurf für ein Manifest zur Ethik pädagogischer Beziehungen erarbeiten.

(Janine Sliwa)


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"Außerschulische Menschenrechtsbildung stärken" - Netzwerktreffen Menschenrechtsbildung am 05.10.2015

Eine Frau mit Dreadlocks sitzt vor einem Plakat mit vielen bunten, beschrifteten Kärtchen. Sie spricht und gestikuliert dabei mit der rechten Hand.
Judy Gummich erläutert die Diskussionsergebnisse zu inklusiven Angeboten der außerschulischen Menschenrechtsbildung © DIMR/Sliwa

Am 05.10.2015 lud die Abteilung Menschenrechtsbildung zum diesjährigen Netzwerktreffen Menschenrechtsbildung ins Deutsche Institut für Menschenrechte. Der Einladung folgten 24 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet. Unter den Teilnehmenden waren in der Menschenrechtsbildung Tätige aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Praxis. Der Schwerpunkt des Netzwerktreffens lag in diesem Jahr auf der außerschulischen Menschenrechtsbildung.

Nach der einführenden Begrüßung durch Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung des Instituts, stellte Beate Rudolf, Direktorin des Instituts, gemeinsam mit Sandra Reitz die Studie „Menschenrechtsbildung für Kinder und Jugendliche“ und die darin enthaltenen Empfehlungen für die außerschulische Bildung vor. Hierbei hob Beate Rudolf die Relevanz der außerschulischen Bildung für die Menschenrechtsbildung hervor und betonte deren Vielfältigkeit. In Kinder- und Jugendeinrichtungen, Museen und Gedenkstätten sowie in anderen Bildungsstätten seien die Angebote in der Regel durch Freiwilligkeit, Offenheit und Erfahrungsbezogenheit geprägt, könnten Reflexionen und Diskussionen noch offener gestaltet werden als im schulischen Bereich. Weiter stellte Beate Rudolf die Notwenigkeit expliziter Menschenrechtsbildung heraus. Nur durch explizite Menschenrechtsbildung könne Handlungsmacht entstehen, bezogen auf das Ziel, eine Kultur der Menschenrechte zu etablieren.

Sandra Reitz ging näher auf die Ergebnisse der Studie ein: Es habe sich gezeigt, dass ein  unterschiedliches Verständnis von außerschulischer Bildung in den Ministerien der Länder existiere. Ergänzend wies sie auf die Datenbank Menschenrechtsbildung hin.

Anschließend widmeten sich die Teilnehmenden in Arbeitsgruppen verschiedenen Schwerpunktthemen.

Haltung zur Menschenrechtsbildung reflektieren

Die erste Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie Menschenrechtsbildung stärker in die strategische Arbeit von Bildungseinrichtungen einbezogen werden kann. Die Gruppenmitglieder waren sich einig, dass die Institutionskultur und –struktur ausschlaggebend seien, es deshalb um strukturelle Veränderungen in Bildungseinrichtungen gehen müsse. Menschenrechtsbildung dürfe nicht dort halt machen, wo bestehende Strukturen sie (ver)hindern. Entscheidend sei auch die Haltung der Beteiligten – Selbstreflektion sei daher stets der erste Schritt auf dem Weg einer strategischen Hinwendung zu Menschenrechtsbildung.

Die zweite Arbeitsgruppe setzte sich damit auseinander, wie Partizipation in der außerschulischen Menschenrechtsbildung gelingen kann. Ein Austausch über den eigenen Partizipationsanspruch und die Herausarbeitung einer gemeinsamen Erwartungshaltung der pädagogischen Fachkraft und/oder des Bildungsträgers, des Auftraggebers und der Teilnehmenden bilde die Basis außerschulischer Partizipation. Auf dieser Basis könnten  weitere Rahmenbedingungen (Material, Teilhabeprozesse, usw.) ausgearbeitet werden.

Die dritte Gruppe stellte sich die Frage, wie inklusive Angebote zur Menschenrechtsbildung im außerschulischen Bereich konzipiert sein beziehungsweise umgesetzt werden sollten. Zunächst verständigte sie sich darauf, dass ein breites Verständnis von Inklusion Grundlage jeder inklusiven Menschenrechtsbildung sein müsse. Ebenso müsse der Zugang über das Thema eines Angebots und nicht über dessen inklusiven Charakter stattfinden. Ausschlaggebend sei zudem, im Voraus kritische Fragen an die Konzeption des Angebots zu stellen.

Chancen der außerschulischen Menschenrechtsbildung be- und ergreifen

In der Abschlussrunde resümierte Sandra Reitz, dass schulische und außerschulische Menschenrechtsbildung oft verknüpft seien, außerschulische Bildung jedoch durch andere Kontexte, Gruppendynamiken, Lerngruppen und –räume die Möglichkeit eröffne, weiter zu gehen und Empowerment-Prozesse nachhaltiger zu gestalten, als es im schulischen Kontext möglich sei. Diese Chance der außerschulischen Bildung gelte es zu be- und ergreifen. Ausgehend von einer Selbstreflektion der außerschulischen Bildungseinrichtungen, müssten nachhaltig Haltungen und Strukturen verändert werden, um die Rahmenbedingungen für außerschulische Menschenrechtsbildung zu schaffen.

Die Teilnehmenden des Netzwerktreffens lobten die Möglichkeit zum regen Austausch in Arbeitsgruppen und Plenum und regten an, mehrmals jährlich Netzwerktreffen zu unterschiedlichen Themen abzuhalten, um noch mehr aktuelle Themen aufgreifen und gemeinsam diskutieren zu können.
(J. Sliwa)

Rückblick Netzwerktreffen Menschenrechtsbildung "Inklusive Menschenrechtsbildung praktisch" am 17. November 2014


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Konferenz "Recht – Bildung – Migration" am 23. und 24. April in Hildesheim

Zum Abschluss der Konferenz "Recht – Bildung – Migration" sah Viola B. Georgi von der Universität Hildesheim neben den diskutierten "Baustellen" wie institutionelle Diskriminierung auch einen Hoffnungsschimmer: die Menschen- und Kinderrechte. Diese böten einen verbindlichen Orientierungsrahmen für eine rechtliche und wirkungsvolle Umsetzung von Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe. Veranstalter der Konferenz mit dem Untertitel "Das Menschenrecht auf Bildung im Kontext von Migration und Integration" am 23. und 24. April in Hildesheim waren das Zentrum für Bildungsintegration, die Stiftung Universität Hildesheim, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und das Deutsche Institut für Menschenrechte. Die Referentinnen und Referenten erläuterten die Zusammenhänge der Themen Recht, Bildung und Migration aus unterschiedlichen Perspektiven und in verschiedenen Formaten. So hörten die etwa 150 Teilnehmenden juristische, philosophische, sozialwissenschaftliche und pädagogische Ausführungen zu den Inhalten nationaler und internationaler Rechtsdokumente, deren Folgen und Herausforderungen bei der konkreten Umsetzung in Deutschland. Vorträge und Publikumsdiskussionen wurden abgerundet durch die Vorführung des Films "Familien auf der Flucht – von Syrien nach Deutschland". Im anschließenden Gespräch mit der Filmemacherin Jutta Neubert wurde deutlich, dass zivilgesellschaftliches Engagement neben Spenden- und individueller Hilfsbereitschaft auch auf die Veränderung von politischen Strukturen hinwirken muss.

Zwei Männer und eine Frau sitzen nebeneinander, die Frau spricht ins Mikro.
(v. l.) Kai Weber, Flüchtlingsrat Niedersachsen, Doris Schröder-Köpf, Niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, und Hannes Schammann von der Stiftung Universität Hildesheim im Gespräch © DIMR/M. Niendorf

In der abschließenden Podiumsdiskussion kritisierte Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen, dass es noch keine konsistente Integrationspolitik für Flüchtlinge gebe. Er machte auf zahlreiche Herausforderungen im Alltag der Menschen mit Fluchterfahrung aufmerksam. So führe insbesondere die "Kettenduldung" dazu, dass Menschen ausgegrenzt werden, die relativ dauerhaft in Deutschland leben. Diese Erfahrungen schilderte auch Nurjana Arslanova von Jugendliche ohne Grenzen e. V., die nach ihrem deutschen Schulabschluss ohne Arbeitserlaubnis keine duale Ausbildung beginnen durfte. Doris Schröder-Köpf als niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe machte auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Landes-, Bundes- und EU-Ebene aufmerksam. Dabei stellte sie auch die Idee in den Raum, auf Bundesebene ein Migrationsministerium einzurichten. Insgesamt zeigte die Diskussion auch, wie die Flüchtlingsdebatte inzwischen von einer Nützlichkeitsmaxime geleitet wird, wenn etwa Fachkräftemangel in den Vordergrund gestellt wird.

"Bildung ist Voraussetzung, um Menschenrechte umzusetzen"

Eine Frau steht hinter einem Rednerpult und spricht in ein Mikrofon.
Viola B. Georgi vom Zentrum für Bildungsintegration, Stiftung Universität Hildesheim

Im breiteren Kontext von Migration und Bildung betonte Viola B. Georgi die Relevanz des Menschenrechts auf Bildung. Erst durch Bildung könnten die Menschenrechte – die eigenen und die der anderen – umfassend wahrgenommen werden. Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung am Deutschen Institut für Menschenrechte, legte darüber hinaus dar, dass es einen eklatanten Unterschied mache, ob man um Toleranz bitte oder sein "gutes Recht" einfordere. Menschenrechte hätten nicht nur eine höhere Verbindlichkeit als moralische Appelle, sie beinhalteten auch einen Empowerment-Aspekt und adressierten neben der individuellen auch die strukturelle und die politische Ebene.

Frau steht hinter einem Podium und spricht ins Mikrofon
Sandra Reitz vom Deutschen Institut für Menschenrechte

Die Konferenz machte auch deutlich, dass Hierarchien und Definitionsmacht immer kritisch hinterfragt werden müssen, um tatsächliche Veränderungen herbeizuführen. Friederike Wapler von der Goethe-Universität Frankfurt am Main ordnete Menschenrechte jedoch als gutes Beispiel dafür ein, dass Recht benutzt werden kann, um positive Veränderungen für benachteiligte Gruppen zu bewirken. Heiner Bielefeldt, Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, mit den "Betroffenen" in einen Dialog zu kommen. Wenn dies jedoch gewährleistet sei, stellten Menschenrechte einen hilfreichen Orientierungsrahmen dar, um Diskriminierung entgegenzutreten und Bildungsgerechtigkeit zu fördern.

Die Konferenz verdeutlichte, dass die Inhalte des Menschenrechts auf Bildung insbesondere zum Schutz vor Diskriminierung konkrete Anhaltspunkte bieten, was an Strukturen, Gesetzgebung, Lehrplänen, sowie in der Aus- und Weiterbildung zu verändern ist. (MN, SR)

Mann steht hinter einem Podium und spricht gestikulierend.
Heiner Bielefeldt von der Friedrich-Alexander-Universität