ONE WORLD Filmfestival

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ONE WORLD BERLIN

Rückblick 2012: "Wir verstecken uns" - Filmabend zum Thema Analphabetismus

Szene aus dem Film "Unbelehrbar"

Der Film "Unbelehrbar" sorgte am 24. November 2012 im Berliner Kino Arsenal für eine rege Diskussion. Das Deutsche Institut für Menschenrechte zeigte im Rahmen des One World Berlin Filmfestival für Medien und Menschenrechte das Spielfilm-Porträt einer Analphabetin und lud zur Diskussion über das Menschenrecht auf Bildung ein. Rund 40 Kinobesucherinnen und –besucher verfolgten das Gespräch und trugen später mit Fragen und Kommentaren selbst zur Diskussion bei.

Für die meisten Menschen ist es eine erfreuliche Nachricht: Die Chefin bietet eine Fortbildung mit anschließender Beförderung an. Bei der 40-jährigen Ellen, Hauptfigur im Film "Unbelehrbar", löst eine solche Chance jedoch Ängste aus – so sehr, dass sich die Küchengehilfin hinter Pfannen und Töpfen verschanzt und wegrennt.
So die Eingangsszene des Films über eine Frau aus Brandenburg, die ihrer Chefin nicht den wahren Grund für ihre erneute Absage der Weiterbildung zur Köchin sagen kann: Ellen kann nicht ausreichend lesen und schreiben. Aktuell geht es in Deutschland rund 7,5 Millionen Menschen so und wie die Protagonistin sind über die Hälfte von ihnen berufstätig. 

Podiumsdiskussion mit (v. l.) Peter Neumicke, Dr. Eva-Maria Bosch, Moderatorin Bettina Hildebrand und Regisseurin Anke Hentschel © DIMR/Viohl

"Mein Anliegen war es, die Auswirkungen von Analphabetismus auf Beziehungen, Arbeit und das Selbstwertgefühl der Betroffenen darzustellen", sagte Regisseurin Anke Hentschel nach der Filmvorführung bei einer Diskussion, die von Bettina Hildebrand, Leiterin der Abteilung Kommunikation am Deutschen Institut für Menschenrechte, moderiert wurde.

Dass der Film einen Nerv trifft, darin waren sich auch die anderen Gesprächsteilnehmenden einig: Peter Neumicke, der viele Jahre lang nicht lesen und schreiben konnte und heute "Lerner" ist, sowie Dr. Eva-Maria Bosch, Leiterin des Referates "Lebenslanges Lernen, Weiterbildung, politische Bildung" im Brandenburgischen Ministerium für Bildung, Jugend und Sport.

Neumicke kennt selbst Situationen wie sie Ellen im Film erlebt. "Es gab Szenen, da stand ich kurz vor den Tränen", sagte Neumicke, "obwohl die Realität eigentlich noch viel schlimmer ist". Das Wegrennen sei typisch, sich nicht die Blöße geben zu wollen und zu bekennen: ich kann nicht lesen und schreiben, erklärt er und benennt ein Kernproblem vieler Betroffener: "Wir sind verschlossen und verstecken uns". Viele hätten demütigende Erfahrungen hinter sich.

Dies sei einer der Gründe, warum Betroffene mit Angeboten zur Grundbildung oft nicht erreicht werden könnten, sagt Eva-Maria Bosch. "Der Film zeigt, wie viel Mut und Entschlusskraft es bedarf, einen solchen Prozess zu beginnen und durchzuhalten". Bosch räumte aber ein, dass die Bildungspolitik allein das Problem nicht lösen könne. Deswegen würden Bund und Länder an einer umfassenden Strategie zur Alphabetisierung arbeiten.

Neumicke und Teile des Publikums kritisierten die Rolle von Behörden und Ämtern als noch zu schwach: Bildungsangebote seien nicht vielfältig und niedrigschwellig genug, Ämter für den Umgang mit Betroffenen nicht ausreichend sensibilisiert.

Am Schluss stand der Appell, Betroffene noch stärker miteinzubeziehen, wenn Maßnahmen und Kampagnen gegen Analphabetismus ins Leben gerufen werden. Und der Aufruf an die Betroffenen von Regisseurin Hentschel: "Verwendet nicht mehr so viel eurer Energie und Intelligenz darauf, euch zu verstecken!"

Was es bedeuten kann, sich dem Problem zu stellen, erlebt Filmheldin Ellen: Ein beschwerlicher Weg mit Irrläufen und Opfern, der am Ende aber zu mehr Lebenszufriedenheit führt.

(A. Viohl)


Das Menschenrecht auf Bildung

Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist vom Staat unentgeltlich zu gewährleisten, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Diese Regelung formulierten die UN-Mitgliedstaaten erstmals in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948.

Durch den UN-Sozialpakt von 1966 wurde das in Artikel 13 festgehaltene Recht auf Bildung für alle unterzeichnenden Staaten, zu denen auch Deutschland gehört, rechtsverbindlich. So ist die Bundesregierung verpflichtet, allen in Deutschland lebenden Menschen, ungeachtet des Geschlechts oder des Alters, eine grundlegende Bildung zu ermöglichen. Funktionalem Analphabetismus wird so nicht nur präventiv durch die Grundschulpflicht begegnet, sondern jeder Person wird die Möglichkeit eingeräumt, ihre grundlegenden Bildungsbedürfnisse zu befriedigen. Auch in Artikel 10 der UN-Frauenrechtskonvention von 1979 und in Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 wird das Recht auf Bildung  bekräftigt.

Das Recht auf Bildung ist nicht nur ein eigenständiges Menschenrecht, sondern ein unverzichtbares Recht zur Verwirklichung weiterer Menschenrechte.

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2009:  

Das Deutsche Institut für Menschenrechte organisiert zum sechsten Mal im Rahmen des Festivals "ONE WORLD BERLIN" Filmvorführungen mit Diskussionsrunden.

Das diesjährige Programm "Second Life = Real Life?" präsentiert Kurzfilme, in denen neue Animationstechniken eingesetzt werden, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, geschichtliche Ereignisse zu rekonstruieren und neue Räume für soziales Engagement zu erschließen. Der Fokus liegt auf den Reportagen des Second-Life-Bloggers Draxtor Despres über Guantánamo, Obamas Reformpläne zum US-Gesundheitssystem, Protestaktionen in Burma, Chancengleichheit und Teilhabe für Menschen mit Behinderung, den Internationalen Strafgerichtshof und Einsatzmöglichkeiten von Social Media für politisches Engagement. Spätestens seit dem ersten animierten Doku-Fiction-Film "Waltz with Bashir" ist das Potenzial der Animation als Darstellungsform von geschichtlichen, politischen und sozialen Themen anerkannt.

Anschließend folgen zwei Filme, die auf ganz unterschiedliche Art Animationstechniken einsetzen: der eine, um die Opfer, in dem Fall Kindersklaven, zu schützen. Der andere rekonstruiert die Geschichte Stalins anhand von Lego-Figuren.

Als Gäste für die anschließende Diskussion stehen Dr. Wolfgang Heinz, Deutsches Institut für Menschenrechte, Jenni Zylka, freie Journalistin und Schriftstellerin, und via Live-Schaltung Draxtor Despres, Autor der Second-Life-Reportagen, zur Verfügung.

Ulla Niehaus vom Deutschen Institut für Menschenrechte moderiert.

Sonntag, 29. November 2009, 18:00 Uhr
Kino Arsenal, Potsdamer Str. 2, Berlin-Tiergarten

Anfahrt: S1, 2 und 25, U2 Potsdamer Platz, Bus 200, M 41, M 48