Lesungen
Rückblick:

- Christiane Völling ©Britta Dombrowe
Am 12. Dezember 2011 las Christiane Völling im Deutschen Institut für Menschenrechte aus ihrem Buch "Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle".
Christiane Völling wurde in der niederrheinischen Provinz als Mädchen geboren. Erfahren sollte sie das aber erst mit 46 Jahren. Davor führte sie ihr Leben als "Thomas", in der ihr zugewiesenen männlichen Geschlechterrolle. 2008 erregte ihr erfolgreicher Prozess gegen den Arzt, der ihr mit 18 Jahren ohne Wissen und Zustimmung die weiblichen Geschlechtsorgane entfernt hatte, breite Aufmerksamkeit.
Die Autorin berichtete dem zahlreich erschienenen Publikum auf sehr eindrückliche Weise von ihrer Lebensgeschichte als Intersexuelle mit dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Sie zeigte anhand ausgewählter Textpassagen aus ihrer Biografie, wie groß das Tabu der Intersexualität ist und welcher Diskriminierung und Gewalt sie im Laufe ihres Lebens ausgesetzt war. Christiane Völling sprach im anschließenden von Claudia Lohrenscheit moderierten Gespräch von den medizinischen Behandlungen als "menschenverachtende Praktiken". Ihr Entschluss, sich dagegen zu wehren und ihren Arzt zu verklagen, hatte große Signalwirkung nicht nur für andere intersexuelle Menschen, sondern auch für die öffentliche Debatte um Intersexualität. "Endlich jemand, der es wagt, einen Prozess zu führen", so Völling über die Reaktionen auf ihre Klage.
Im Gespräch mit dem Publikum ging es um den von Unwissenheit, Vorurteilen und Fremdbestimmung geprägten gesellschaftlichen und medizinischen Umgang mit Intersexualität. Zum Schluss wies Christiane Völling auf den immer noch großen Handlungsbedarf zur Durchsetzung der Menschenrechte intersexueller Menschen in Deutschland hin.
Audio-Mitschnitt der Lesung "Ich war Mann und Frau: Mein Leben als Intersexuelle"
Rückblick:

- Zafer Şenocak
© David Außerhofer
Im Rahmen der ersten "Langen Nacht der Bibliotheken" in Berlin las Zafer Şenocak am 8. Juni 2011 in der Bibliothek des Instituts aus seinem neuen Buch "Deutschsein: Eine Aufklärungsschrift".
Wer ist deutsch, wer keinesfalls und wer kann es werden? Ist die Vorstellung einer homogenen deutschen Nation, die sich vor allem auf Herkunft und Religion gründet, nicht längst überholt? In seinem neuen Buch entwirft Zafer Şenocak einen universellen Begriff von Zivilisation, der auf den Menschenrechten und den Werten der Aufklärung basiert.
Zafer Şenocak wurde in Ankara geboren, wuchs in Istanbul und München auf und lebt seit 1989 in Berlin. Er studierte Germanistik, Politik und Philosophie. Seine in Deutsch veröffentlichten Gedichte, Erzählungen und Essays wurden in mehrere Sprachen übersetzt. In Beiträgen für Presse und Rundfunk beschäftigt er sich immer wieder mit nationalen und kulturellen Identitäten.
Audio und Transkript "Deutschsein: Eine Aufklärungschrift
Rückblick:

- Nazmiye Güçlü
© Arzu Altuğ
Die türkische Autorin und Feministin Nazmiye Güçlü las im Deutschen Institut für Menschenrechte
Die türkische Autorin und Feministin Nazmiye Güçlü las am 4. Juni im Deutschen Institut für Menschenrechte aus ihrem Buch "Araba aldım kadın oldum" – "Ich kaufte ein Auto und wurde zur Frau". Die in Istanbul lebende Güçlü, die sich wegen eines verkürzten Beines selbst als "eine Krüppel" bezeichnet, berichtete davon, wie sie mit 38 Jahren zum ersten Mal auf der Straße angeflirtet wurde. Damals fuhr sie erstmals mit dem Auto durch die Stadt und die Männer sahen ihre Gehbehinderung nicht. Nazmiye Güçlü berichtet ohne Larmoyanz aus ihrem Leben – von Steinwürfen auf sie, von ihrem Sohn und ihrer Mutter, die sich früher für sie schämten. Aber auch davon, wie sie in einer schwierigen Lebensphase das Schreiben für sich entdeckte, eine erfolgreiche Autorin wurde und Anerkennung für ihr Engagement für die Rechte von Menschen mit Behinderungen bekam. Güçlü verdeutlichte auch die mehrfache Diskriminierung, mit der sie sich als Frau mit Behinderung auseinandersetzen muss. Sie schilderte, wie sie zuerst den Feminismus für sich entdeckte und dann ihr Engagement für Behindertenrechte begann. - Das Publikum erlebte eine strahlende, selbstbewusste, kämpferische Frau, die weiterhin viel vorhat. Als nächstes möchte sie einen Film drehen. Für Güçlü steht fest: Ohne ihre Erfahrungen als Frau mit Behinderung wäre sie keine Autorin geworden. "Ich bin froh, dass ich eine Krüppel bin. Und ich bin froh, dass ich heute hier bin."
Audio und Transkript "Ich kaufte ein Auto und wurde zur Frau"
Rückblick:

- Maximilian Dorner
© DIMR
Maximilian Dorner las im Deutschen Institut für Menschenrechte aus seinem neuen Buch "Ich schäme mich. Ein Selbstversuch
Das Gefühl der Scham beleuchtete Maximilian Dorner in seiner Lesung am 25. Februar 2010 im Deutschen Institut für Menschenrechte. Der Autor, Regisseur und Lektor ist an Multiple Sklerose erkrankt. Nachdem er in seinem Bestseller "Mein Dämon ist ein Stubenhocker" (2008) erzählt hatte, wie die Krankheit und die sich daraus ergebenden Behinderungen sein Leben verändert haben, stellt er sich in seinem neuen Buch "Ich schäme mich. Ein Selbstversuch" der damit einhergehenden Scham. Die vorgetragenen Passagen illustrierten, dass das peinigende Gefühl für Dorner fast schon zum Alltag gehört. Der 36-Jährige schämte sich zum Beispiel in der Disco, wegen seiner Gehhilfe. Der Autor betonte seine persönliche Herangehensweise ans Thema - er sei keineswegs der "Scham-Papst". Der Titel des Werkes benennt denn auch die Essenz von Dorners Selbstversuch. Er selbst ist es, der sich schämt; diese Erkenntnis war für den Autor der erste Schritt hin zu einem veränderten Umgang mit diesem Gefühl und mit sich. Zwar gebe es den Blick von außen, aber der "Schaltplan der Scham" liege in uns selbst.
Das zahlreich erschienene Publikum fragte nach, ob Dorner einen Zusammenhang zwischen Macht und Schamlosigkeit sehe, ob es einen Gender-Aspekt der Scham gebe und ob die UN-Behindertenrechtskonvention mit ihrem Paradigmenwechsel in der Einstellung zu Menschen mit Behinderungen sich möglicherweise auf deren Schamgefühl auswirke.
Audio und Transkript "Ich schäme mich. Ein Selbstversuch"
Rückblick:

- Edgar Wolfrum
© DIMR
Edgar Wolfrum las im Deutschen Institut für Menschenrechte aus seinem Buch "Die Mauer – Geschichte einer Teilung"
Am 24. September 2009 las Edgar Wolfrum, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg, im Deutschen Institut für Menschenrechte aus seinem Buch "Die Mauer – Geschichte einer Teilung". Im Anschluss an die Lesung diskutierten Publikum und Autor, ob die DDR-Bevölkerung der Ideologie des "antifaschistischen Schutzwalls" Glauben schenkte oder nicht, nach welchen Kriterien die Soldaten für den Einsatz an der Grenze ausgwählt wurden und welche Konsequenzen es hatte, diesen Dienst zu verweigern. War es richtig, dass der Westen sich auf den Menschenhandel mit der DDR einließ?
Die von Prof. Dr. Edgar Wolfrum vorgetragenen Kapitel handelten von geglückten und missglückten Fluchten, den Todesschüssen an der Mauer sowie freigekauften politischen Häftlingen. Während die Menschen in der DDR unter Repressionen und Menschenrechtsverletzungen zu leiden hatten, lebte man im Westen gut mit der Zweiteilung der Welt, so Wolfrums Fazit. Doch es ging auch um die Mauern in der Welt von heute - in Israel, Indien oder an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. "Die eifrigsten Mauerbauer sind nach wie vor die Europäer", betonte Wolfrum und verwies auf die "Festung Europa" und die HighTech-Zäune in Südspanien und an der Nordküste Afrikas.




