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Buchcover: Die Kunst der Einfachheit

Vorschau: Lesung und Gespräch am 10. Oktober 2017, 18:30 Uhr

„Maras Baby“

 Eine Geschichte in Einfacher Sprache über Eltern mit Beeinträchtigungen.

Alexandra Lüthen hat "Maras Baby" geschrieben.
Sie liest den Text vor.
Danach spricht sie mit Eltern und den Gästen über die Geschichte.

Die Geschichte handelt von Mara.
Mara wohnt mit ihrem Freund bei seiner Mutter.
Sie wünscht sich so sehr ein Baby.
Aber alle sind dagegen.
Heimlich nimmt sie nicht mehr die Pille.
Mara wird schwanger.
Sie bekommt ein Baby.
Sie ist glücklich.
Aber sie merkt auch, wie anstrengend ein Baby ist.

Dr. Meike Nieß moderiert das Gespräch.
Sie arbeitet bei der Monitoring-Stelle UN-Behinderten-Rechts-Konvention.
Die Monitoring-Stelle gehört zum Deutschen Institut für Menschen-Rechte.

Zeit:

10. Oktober 2017
18:30 Uhr

Ort:

Deutsches Institut für Menschen-Rechte
Bibliothek
Aufgang A, 7. Etage
Zimmerstraße 26/27
10969 Berlin

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Bitte melden Sie sich für die Lesung bis zum 9. Oktober
mit diesem Formular an!

Infos zur Barriere-Freiheit:

Der Veranstaltungsort ist rollstuhl-gerecht.
Die Lesung und das Gespräch sind in Einfacher Sprache.
Die Lesung und das Gespräch werden auch in Gebärden-Sprache übersetzt.
Brauchen Sie weitere Unterstützung?
Dann rufen Sie uns bitte bis zum 29. September an!
Das ist die Telefon-Nummer: 030 259 359 - 442

Haben Sie Fragen?

Dann melden Sie sich bei:
Dr. Meike Nieß
Deutsches Institut für Menschen-Rechte
Telefon-Nummer 030 259 359 - 442
E-Mail: niess(at)institut-fuer-menschenrechte.de

Anfahrt:

 (folgt)

Hier ist die Einladung als PDF (371 KB)


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Rückblick: Zwischen Depression und Hoffnung

Martin Klingst und Beate Rudolf
"Die Zivilgesellschaft ist bereit, Menschenrechte - auch die von Minderheiten - zu verteidigen"
© DIMR/Sonnenberg

Am 8. Februar las Martin Klingst in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte aus seinem Buch "Menschenrechte. 100 Seiten". Beate Rudolf, Direktorin des Instituts, moderierte den Abend. Mit rund 50 Personen war die Veranstaltung sehr gut besucht.

Martin Klingst ist Jurist und arbeitet seit über 20 Jahren bei der Wochenzeitung DIE ZEIT, für die er seit 2014 als politischer Korrespondent in Berlin tätig ist. Zum Thema Menschenrechte kam Klingst schon als Jugendlicher und durch seinen Zivildienst bei Amnesty International. Als Journalist berichtet er seit den Achtzigerjahren regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen. In seinem in der Reclam-Reihe „100 Seiten“ erschienenen Buch gibt er einen prägnanten und anschaulichen Überblick über die Geschichte der Menschenrechte und geht der Frage nach, wie es aktuell um deren Zustand bestellt ist.

Menschenrechtsverletzungen auch in Demokratien

Nach einer persönlichen Einführung in die Entstehung des Buches las Martin Klingst zwei Passagen, in denen er schildert, wie Menschenrechte auch in Demokratien in Gefahr geraten können. So stellen derzeit Flucht und Migration westliche Demokratien auf die Probe. Einige Regierungen lassen Zäune bauen oder schützen ihre Grenzen mit Gewalt und rassistischen Kontrollsystemen - und hebeln dadurch das Asylrecht aus, so Klingst.

Auch das Folterverbot werde bedroht durch Versuche, den Folterbegriff aufzuweichen, erklärte Klingst. Wenn die Diskussion um Folter am Zweck festgemacht und unter dem Begriff "Rettungsfolter" legitimiert werde, werde die Menschenwürde "entkernt".

Illiberale Tendenzen

Um aktuelle Gefahren für die Menschenrechte zu beschreiben, verwendete Martin Klingst den Begriff "illiberale Demokratien": Regierungen, die annehmen, dass sie durch ihre Wahl von der Mehrheit der Bevölkerung ermächtigt wurden, ohne Rücksicht auf bestehende Gesetze oder das demokratische Prinzip der Gewaltenteilung handeln zu können. Unter anderem missbrauchten sie das Argument der Mehrheit, so Klingst, um die Rechte von Minderheiten zu beschneiden - und verschwiegen dabei, dass zur Demokratie auch Minderheitenschutz gehöre.

Im Gespräch führte Martin Klingst weiter aus, dass illiberale Tendenzen derzeit unter anderem in Polen, Ungarn und den USA zu beobachten seien. Gleichzeitig zeigten große Protestbewegungen, dass die Zivilgesellschaft bereit sei, Menschenrechte - auch die von Minderheiten - zu verteidigen. Mit Blick auf die aktuelle Situation in Amerika bewege er sich daher "zwischen Depression und Hoffnung".

Das Buch von Martin Klingst "Menschenrechte. 100 Seiten" ist 2016 im Reclam Verlag erschienen und kostet 10,00 Euro.
(D. Wenz)

Audio-Mitschnitt der Lesung


Rückblick: Der verpasste Frühling - Lesung und Gespräch mit Julia Gerlach

Julia Gerlach und Anna Würth
Julia Gerlach (li.) lebte von 2008 bis 2015 in Kairo und interviewte dort Menschen, die an der Revolution beteiligt waren © Sieberns/DIMR

Am 10. Mai las Julia Gerlach in der Bibliothek des Instituts aus ihrem neuen Buch "Der verpasste Frühling: Woran die Arabellion gescheitert ist". Anna Würth, Leiterin der Abteilung Internationale Menschenrechtspolitik, moderierte den Abend. Rund 30 Zuhörende waren gekommen.


Zu Beginn der Lesung zeigte Julia Gerlach ein Musikvideo mit einer der "Hymnen" der Ägyptischen Revolution, "Sout Al Horeya" (Stimme der Freiheit).

Julia Gerlach ist Politik- und Islamwissenschaftlerin. Als Journalistin arbeitet sie unter unterem für das ZDF, die Berliner Zeitung und den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera. Von 2008 bis 2015 lebte sie als Pressekorrespondentin in Kairo und interviewte dort über Jahre hinweg Menschen, die an der Revolution beteiligt waren – Aktivistinnen und Aktivisten jedweder politischer Ausrichtung, Politiker und Politikerinnen sowie Bürgerinnen und Bürger. In ihrem Buch geht sie der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass "aus dem arabischen Traum ein Albtraum wurde" und wie langfristig eine andere Entwicklung aussehen könnte.

Das Wunder des 25. Januar 2011

Der "Arabische Frühling" fand in vielen arabischen Ländern statt – unter anderem in Ägypten, Algerien, Jemen, Libyen, Marokko und Syrien. Angestoßen wurde er in Tunesien im Dezember 2010, als sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi als Protest gegen die ihm widerfahrene Polizeiwillkür und Demütigung selbst anzündete. Millionen Menschen gingen in der Folge auf die Straße und demonstrierten für ihre Menschenwürde, gegen Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungerechtigkeit. Sie hofften auf ein Ende der autokratischen Regime und setzten sich für eine freie und Gesellschaft ein.

Julia Gerlach berichtete, dass der Ausbruch der Revolution in Ägypten für alle überraschend kam, fast wie ein Wunder. Niemand hatte damit gerechnet, dass die erste große Demonstration am 25. Januar 2011 gegen die 30-jährige Herrschaft von Präsident Mubarak von den staatlichen Sicherheitskräften zugelassen werden würde. Dieser Erfolg und die daraus resultierende Hoffnung mobilisierten zehntausende  Menschen, generationen- und klassenübergreifend, öffentlich für sozialen und politischen Wandel einzustehen.

"Neu-altes Regime"

Um die heutige politische Situation in Ägypten zu beschreiben, prägte Julia Gerlach den Begriff "neu-altes Regime", das nun fest im Sattel sitzt. Den Begriff bebildert ein Graffiti von Omar Picasso, das die drei aufeinander folgenden ägyptischen Präsidenten zeigt und dabei ihre Gleichartigkeit in den Mittelpunkt stellt. Das Graffiti ist auch das Cover von Julia Gerlachs Buch. Angesichts dieser Verhältnisse und der zunehmenden Repression gegen jedwede Kraft, die als politische Opposition betrachtet wird, hat sich in der Bevölkerung Ernüchterung breit gemacht. Tiefgreifende Verbesserungen der Lebensverhältnisse sind nicht eingetreten. 
(V. Rock)

Das Buch von Julia Gerlach "Der verpasste Frühling: Woran die Arabellion gescheitert ist", ist im Januar 2016 im Ch. Links Verlag erschienen und kostet 18,00 Euro.

Audio-Mitschnitte der Lesung:


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Rückblick: Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung

(v. l.) Michael Richter und  Petra Follmar-Otto
(v. l.) Michael Richter und Petra Follmar-Otto ©DIMR/AS

Am 23. November 2015 las Michael Richter in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte vor rund 30 Zuhörenden aus seinem kürzlich erschienenen Buch "Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung". Petra Follmar-Otto, Leiterin der Abteilung Menschenrechtspolitik Inland/Europa, moderierte den Abend.

Michael Richter arbeitet als freier Autor und Regisseur vor allem zu politischen und sozialen Themen. Seine Reportage "Abschied im Morgengrauen" über die Abschiebepraxis in Deutschland wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. In seinem neuen Buch beschreibt er die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und die oft katastrophalen Zustände in den provisorischen Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten, die dazu führen, dass sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa begeben.

Gefährliche Fluchtrouten

In der Lesung zeichnete Michael Richter einige Stationen der Fluchtwege nach Europa nach. Besonders eindrucksvoll waren die Passagen, in denen er über seine Begegnungen und Gespräche mit Menschen auf der Flucht erzählte. Darunter eine syrische Arztfamilie, die bei der Überfahrt nach Europa zwei Kinder verlor, als das völlig überfüllte Flüchtlingsboot kenterte. Diese Familie lebt heute in Deutschland.

Systematische Abwehr

In der anschließenden Diskussionsrunde kritisierte der Autor die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union, die von systematischer Abwehr geprägt sei. Es gäbe keine einheitliche europäische Asylpolitik, das Refoulement-Verbot (völkerrechtlich geregeltes Ausweisungs- und Zurückweisungsverbot) werde häufig nicht respektiert und die bestehenden EU-Richtlinien über soziale Standards in Flüchtlingsunterkünften seien in einigen Ländern immer noch nicht umgesetzt worden. Besonders verurteilte er die „Push-Back“-Aktionen der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union müssten endlich ihre völkerrechtliche Verpflichtung umsetzen und Schutzsuchende aufnehmen, das Dublin-Verfahren abschaffen und die Nothilfe stärken.

"Wenn Angela Merkel kippt, wird auch die Stimmung kippen"

Positiv hob Michael Richter die "Willkommenskultur" der deutschen Bevölkerung und die gute und differenzierte Berichterstattung der Medien hervor. Im Gegensatz zur Berichterstattung in den 90er-Jahren, in der eher die Kriminalität der Asylbewerber und Asylbewerberinnen herausgestellt wurde, wird nun auf die Not der Flüchtlinge eingegangen. Gleichzeitig fürchtet er: "Wenn Angela Merkel kippt, wird auch die Stimmung kippen". Die Zunahme der rechtspopulistischen Bewegungen in Europa sei eine gefährliche Entwicklung. In Deutschland mache die AfD mit Angst und Ressentiments Politik und vertrete dabei angeblich nationale Interessen.

Zum Abschluss berichtete Michael Richter noch über sein aktuelles Projekt: Eine Dokumentation über die Aufnahme von Flüchtlingen in Norddeutschland. (dm/sar)

Das Buch von Michael Richter, "Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung", ist im Oktober 2015 in der Ed. Körber-Stiftung, Hamburg, erschienen und kostet 16,00 Euro.

Audio-Mitschnitt der Lesung


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Rückblick: Das Zauberwort "Mandant" - Jura als Kindheitstraum

Pamela Pabst kommentierte zur Freude des Publikums sehr persönlich © DIMR/I. Scheffer

 

Am 22. April 2015 war Pamela Pabst, die erste von Geburt blinde Strafverteidigerin Deutschlands, zu Gast in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Sie stellte den rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern ihr Buch "Ich sehe das, was ihr nicht seht" vor, in dem sie ihren nicht immer leichten Weg in den Rechtsberuf schildert. Leander Palleit, Mitarbeiter der Monitoring-Stelle zur  UN-Behindertenrechtskonvention, moderierte den Abend.

Ein langjähriger Freund der Autorin, Rechtsanwalt Willi Schwoll, las mehrere Passagen aus dem Buch vor. In seiner Kanzlei hatte Pamela Pabst zum ersten Mal das "Zauberwort" Mandant gehört, als er ihre Eltern in einem Verwechslungsfall vertrat. Begeistert von der normierten und eleganten Sprache des Juristen bewarb sie sich einige Jahre später für ihr erstes Schülerpraktikum in seiner Kanzlei – ohne bei der Bewerbung zu erwähnen, dass sie blind ist. Nach anfänglicher Verunsicherung nahm der Anwalt seine neue Praktikantin bereits ab dem zweiten Tag mit auf seine Dienstgänge in die Berliner Gerichte und merkte sehr schnell: "Dieses Mädchen wird ihren Weg gehen!"

Wie dieser Weg sich gestaltete, wird in Pabsts Buch sehr lebendig und mit viel Humor geschildert, etwa das jährliche Highlight, selbst Auto zu fahren – bei der Aktion "Blind am Steuer". In Begleitung des Fahrlehrers darf dann auf einer freien Fläche auf 100 km/h beschleunigt werden. Aber das Beste am Fahren sei eigentlich die anschließende Vollbremsung, so die Autorin, die die gelesenen Passagen zur Freude des Publikums jeweils sehr persönlich kommentierte und ergänzte.

Beklemmender wurde die Stimmung, als die Oberschulzeit in Berlin zum Thema wurde, die sich sehr schwierig gestaltete: Obwohl sie eine integrative Schule besuchte, schlug der damals 12-Jährigen vonseiten der Mitschüler und Mitschülerinnen viel Feindseligkeit entgegen. Bis zum Abitur wurde sie von ihren Klassenkameraden gehänselt, geschlagen und mit Feuerzeugen terrorisiert. Bisher habe sich noch keiner der damaligen Peiniger bei ihr entschuldigt, so Pabst, die diese Jahre nur durch die bedingungslose Unterstützung ihrer Eltern sowie ihrer Lehrerinnen und Lehrer durchgehalten hat. Letztere seien ihre Bezugspersonen gewesen, die ihr in den zusätzlichen Förderstunden sehr geholfen hätten.

"Meine Art zu sehen sind meine persönlichen hundert Prozent!"

Ihr großes Ziel, Strafrichterin zu werden, hat sich bis heute nicht erfüllt, da blinde Menschen aufgrund der Gesetzeslage diese Position nicht besetzen dürfen. Der Traum von einer eigenen Anwaltskanzlei hat sich jedoch realisieren lassen und so verteidigt die Berlinerin heute "Dealer, Mörder und Räuber". Manche ihrer Mandanten und Mandantinnen würden während der Gespräche noch nicht einmal merken, dass sie blind sei, andere stellten neugierige Fragen, aber den meisten sei dies völlig gleichgültig: Hauptsache, die Verteidigung stimmt!

Um diese Arbeit bestmöglich zu erledigen, wird die Strafverteidigerin von einer Arbeitsassistentin unterstützt, wie sie in dem Kapitel "Ich bin die Augen von Frau Pabst" anschaulich schildert. Diese wird vom Amt für Integration finanziert und begleitet sie zu Gerichtsterminen und auf Dienstreisen, liest ihr kürzere Texte vor und erklärt Filme und Bilder aus der Beweisaufnahme. So ist sie eine unersetzliche Stütze im Arbeitsalltag, den darüber hinaus ein Computer mit Braille-Tastatur, eine tastbare Uhr und sprechende Aktendeckel erleichtern.

Das Publikum nahm lebendig Anteil und nutzte die Chance, juristische oder persönliche Fragen zu stellen, zum Beispiel nach dem Zugang zum Recht oder Hilfen auf dem Weg in den Beruf. So erfuhren die Anwesenden gegen Ende der Veranstaltung noch einiges aus der Studienzeit der Autorin, die sich schwierig, aber nicht unmöglich gestaltete und die sie dank hilfsbereiter Vorleser und Vorleserinnen sowie längerer Klausurzeiten gut bewältigen konnte.

Gefragt, ob sehen zu können immer ihr größter Wunsch bleiben würde, gab Pamela Pabst daher keine erstaunliche Antwort: "Nein, ich bin ja von Geburt 6) blind und bin es nicht anders gewohnt. Ich habe ein sehr glückliches Leben. Meine Art zu sehen sind meine persönlichen hundert Prozent!"

(L. Heuermann)

Pamela Pabst, Shirley Michaela Seul, Ich sehe das, was ihr nicht seht. Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg. ©Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2014

Audio-Mitschnitt der Lesung


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Rückblick: "Heimat ist eine Illusion"

(v. l.) Dr. Sebastian Müller und Dr. Ahmad Milad Karimi © DIMR/U. Sonnenberg
(v. l.) Dr. Sebastian Müller und Dr. Ahmad Milad Karimi © DIMR/U. Sonnenberg

Der Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi las aus seinem Buch "Osama bin Laden schläft bei den Fischen"

Am Freitag, 14. November 2014, las der Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi in der Bibliothek des Instituts aus seinem Buch "Osama bin Laden schläft bei den Fischen". Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Flüchtlingskind erinnerte Karimi daran, dass Bildung ein Menschenrecht ist.

Die Frage nach dem Titel wird Ahmad Milad Karimi wahrscheinlich in jeder Lesung gestellt. Für den Autor kommt sie jedenfalls nicht überraschend. "Wäre es nach dem Verlag gegangen, hätte das Buch 'Der blaue Himmel über Kabul' oder ähnlich geheißen." Zwar sei, räumt Karimi ein, der Himmel über Kabul tatsächlich von einem strahlend tiefen Blau, aber ein solcher Titel wäre ihm dennoch unpassend erschienen.
"Osama bin Laden schläft bei den Fischen" ist ein wunderbar grotesker Titel (der sich darauf bezieht, dass Osama bin Laden eine Seebestattung erhalten haben soll) für eine teils traurige, bisweilen heiter erzählte Geschichte von Flucht und Leben im Exil. Mit dreizehn Jahren flüchtete Karimi mit seiner Familie vor dem Krieg aus Afghanistan über Indien und Moskau nach Deutschland, wo er die Tristesse der Flüchtlingsheime erlebte und die Undurchlässigkeit des deutschen Bildungssystems. Trotz der bitteren Erfahrung, in Deutschland nicht willkommen zu sein, schaffte er es als einziges Kind aus dem Flüchtlingsheim, wieder zur Schule gehen zu dürfen und Abitur zu machen. Humorvoll und selbstironisch schilderte der Islamwissenschaftler, wie er das geschenkte Büchlein "Weisheiten des Abendlandes" auswendig lernte, bevor er Deutsch konnte, und dass ihn einige der philosophischen Sentenzen bis heute begleiten.

Islam und Mafia-Filme

"Bildung ist ein Menschenrecht. Darauf sollten wir uns besinnen", appellierte der heute 35-jährige Professor für islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster an das rund 50-köpfige Publikum. Im Gespräch mit Sebastian Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, schilderte Karimi, wie er als Flüchtlingskind nicht als Individuum betrachtet worden sei, sondern als Nummer. "Nur dank der Hilfe einzelner Lehrerinnen und Lehrer und mit viel Glück und Ehrgeiz habe ich es geschafft, meinen Weg weiterzugehen." Die Flucht habe ihn gelehrt, dass Heimat eine Illusion sei, so Karimi weiter. Im Kabul des Kriegs und später in Deutschland habe ihm der Koran Halt und Geborgenheit gegeben. Die Passagen, die Karimi an dem Abend vortrug, zeigten indes nicht nur seine enge Verbundenheit mit der islamischen Religion und Geistesgeschichte - sondern auch seine Faszination für alte Mafia-Filme. Immer wieder zog der Islamwissenschaftler Parallelen zwischen dem Klassiker "Der Pate", seinem Leben und dem Kriegstrauma der Afghaninnen und Afghanen. Der Krieg sei wie die Mafia, so Karimi. "Überall, abwesend und anwesend zugleich."
(pac)

Das Buch "Osama bin Laden schläft bei den Fischen. Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando viel damit zu tun hat" ist 2013 im Herder-Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

Audio-Mitschnitt der Lesung


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Rückblick: Deniz Utlu: "Die Ungehaltenen"

Autor Deniz Utlu © DIMR/I. Scheffer

Am 6. Mai 2014 las Deniz Utlu in der Bibliothek des Instituts vor rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern aus seinem Debütroman "Die Ungehaltenen". Der Autor, der auch Mitarbeiter im Projekt Wirtschaft und Menschenrechte des Instituts ist, hatte für diese Lesung Textpassagen mit einem menschenrechtlichen Bezug ausgewählt.

Geschichte der Bundesrepublik aus der Sicht türkischer Arbeitsmigranten

Der Roman erzählt die Geschichte von Elyas, Ende 20, der in Berlin-Kreuzberg lebt und gerade seinen Vater verloren hat. Im Gespräch mit Cemo, einem Freund seines Vaters, erfährt er, dass sein Vater Anfang der 1970-er Jahre aktiv am Streik der türkischen Arbeiter in den Ford-Werken in Köln beteiligt war. Ein "wilder" Streik, mit dem sich nur wenige deutsche Kollegen solidarisierten, im Gegenteil:
"Die Polizei allein hätte es niemals geschafft, den Streik zu brechen", sagte Cemo zu mir und löffelte weiter seinen mitgebrachten Eintopf. „Nur mit der Hilfe der deutschen Arbeiter, die die Wachposten verprügelten und die Türen aufbrachen, gelang es ihr, dem Streik ein Ende zu setzen."

Mit dieser Geschichte von Cemo beginnt eine Erzählebene des Romans, die vom Streik 1973 über den Brandanschlag in Solingen 1993 bis hin zu den NSU-Morden führt. Es ist die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus der Perspektive der türkischen Arbeitsmigranten und -migrantinnen.

"Da wurden wohl ein paar Türken erschossen"

Der Roman schildert, wie Elyas zornig durch Kreuzberg läuft, weil er genug hat von dem Gerede um gelungene oder gescheiterte Integration. Und es ist dieser Zorn, der die persönliche Trauer um seinen Vater verhindert. Als herauskommt, dass die rechte Terrorgruppe NSU jahrelang unentdeckt gemordet hat, erwartet er einen Protest, einen Aufschrei der Massen, stattdessen demonstrieren nur 300 Menschen auf dem Pariser Platz. "Ein Mann lief mit seinem Sohn an der Hand an uns vorbei. Ich hörte den Jungen seinen Vater fragen: 'Was machen die da, Papa?' 'Da wurden wohl ein paar Türken erschossen', sagte er."

Ist ein gemeinsames gesellschaftliches Gedenken und Trauern überhaupt möglich? Kann es eine politische Gedenkkultur geben, die Trauer ernst nimmt? Im Gespräch verweist Utlu auf seinen 2013 veröffentlichten Essay "Für Trauer und Zorn". Darin differenziert er zwischen emotionaler Trauer, die für sich steht und keine Legitimation braucht (Judith Butler), und Trauer im öffentlichen Raum, die Gefahr läuft, für politische Interessen instrumentalisiert zu werden.

"Was ist der Duft deiner Kindheit?"

Am Ende des ersten Teils des Romans lernt Elyas auf der Feier zum 50-jährigen Jubiläum des deutsch-türkischen „Gastarbeiterabkommens“ die junge Ärztin Aylin kennen. Damit beginnt eine Liebesgeschichte, die später in die Türkei und von Istanbul nach Trabzon führt, wo Elyas und Aylin den Kindheits- und Jugenderinnerungen ihrer Eltern nachspüren und dabei zu ihrer eigenen Geschichte finden: "Was ist der Duft deiner Kindheit?" "Naphthalin, Zitronen, Etagenklo, Ofenheizung, Trampolin, Tiramisu, Frau Schweinohr-Neuberger, Bruce Lee."

Mit diesem historischen und geografischen Bogen verbinden sich die Erinnerungen der Eltern mit denen der Kinder, und die Vergangenheit in der Türkei wird nicht nur zu einem Teil der individuellen, sondern auch der deutschen Geschichte.

Zorn und die Suche nach Halt

Das Publikum hatte fast eine Stunde lang entspannt und konzentriert zugehört, war aber auch immer wieder überrascht worden von humorvollen, teilweise skurrilen Passagen des Buches. Im anschließenden Gespräch des Autors mit Michael Windfuhr, dem stellvertretenden Direktor des Instituts, ging es unter anderem um den Titel des Buches und seine biografischen Bezüge. So hofft Deniz Utlu, dass der Titel "verschiedene Assoziationen beim Lesenden weckt". Die Zweideutigkeit sei bewusst gewählt. Die Protagonisten seien ungehalten, zornig, aber sie suchen auch nach Halt im Leben. Dabei stelle sich die Frage, so Utlu, "wer eigentlich von der Gesellschaft gehalten wird und wer nicht".

Auf die Frage, wie autobiografisch der Roman sei, antwortete Deniz Utlu abschließend, dass alles, was er schreibe, irgendwie auch mit ihm zu tun habe. Auch er kenne solche Situationen, in denen sich die beiden Protagonisten befinden, aber die Entscheidungen, die Elyas und Aylin im Roman treffen, seien ihre Entscheidungen. "Es ist ihre Geschichte, nicht meine."
(AS, CLU)

Der Roman "Die Ungehaltenen" erschien 2014 im Graf Verlag und kostet 18,- Euro.


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Rückblick: Von Inklusion bis Klischee: Behinderung in Kinderbücher

v. l.: Andi Weiland und Raul Krauthausen von Leidmedien.de © DIMR/P. Carega

Lesung "Peter ist der allerkleinste Riese – Bilder von Behinderung in Kinderbüchern" mit Leidmedien.de

Kinderbücher, in denen Kinder mit einer Behinderung vorkommen, gibt es nicht viele. Und nicht alle sind gelungen. In der Lesung am 19. März in der Institutsbibliothek, zu der das Projekt "Kinderrechte in der Entwicklungspolitik" eingeladen hatte, stellten Raul Krauthausen und Andi Weiland von Leidmedien.de positive und negative Beispiele vor. Sie zeigten, wie unterschiedlich Behinderung dargestellt wird und wie Kinderbücher Stereotype von Behinderung unterlaufen, aber auch verfestigen können. Meike Günther, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Menschenrechtsbildung des Instituts, moderierte.

Ferdinand mag seine neue Schule. Die Lehrerin ist nett, und er hat auch schon Freunde gefunden: Babouche, der unkontrolliert die komischsten Wörter herausbrüllt und zur Freude von Ferdinand damit regelmäßig seine ahnungslose Umgebung verschreckt, und Gaufrette, die keinen Ton spricht. Hélèna Villovitch beschreibt in ihrem Buch "Ferdinands klitzekleine Superkräfte" Kinder mit Behinderungen auf eine respekt- und zugleich humorvolle Art und Weise. Raul Krauthausen und Andi Weiland jedenfalls hat die Geschichte gut gefallen. Die beiden Redakteure von Leidmedien.de brachten das Buch und andere Kinderbücher mit zur Lesung am 19. März 2014, zu der das Projekt "Kinderrechte in der Entwicklungspolitik" im Rahmen des zweitägigen Treffens mit dem Thementeam Kinder- und Jugendrechte beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eingeladen hatte. Bei der Veranstaltung in der Institutsbibliothek diskutierten neben Vertreterinnen und Vertretern des BMZ rund 25 Gäste darüber, wie in Kinder- und Jugendbüchern Menschen mit Behinderungen dargestellt werden. Insgesamt sechs Bücher stellten Raul Krauthausen und Andi Weiland ausführlich vor - und nicht immer fiel ihr Urteil positiv aus: "Es gibt durchaus Geschichten, die inklusiv sind. Doch leider auch Bücher, die Klischees zementieren", sagte Weiland. Etwa wenn in einem Bilderbuch das Mädchen mit Trisomie 21 mit Schlitzaugen gezeichnet ist, gerne malt und immer lacht.

Weit realistischer und teilweise auch ungeschönt zeigt dagegen "Lauf, kleiner Spatz", wie es sein kann, wenn man nach einem Unfall mit einer Behinderung konfrontiert ist. Zwar gewinnt der Spatz, der seine Flügel nach einem heftigen Unwetter nie mehr zum Fliegen wird gebrauchen können, am Ende der Geschichte seine Lebensfreude zurück. "Doch geheilt wird nichts. Es gibt nur den Weg, mit der neuen Situation klarzukommen", sagte Krauthausen. Ihn habe das Buch aus diesem Grund sehr berührt. Am Ende der knapp zweistündigen Lesung und Diskussion hatte das Publikum noch die Gelegenheit, sich bei einem kleinen Imbiss auszutauschen und in den von Leidmedien.de zusammengetragenen Kinderbüchern zu schmökern.

Eine Auswahl an Kinderbüchern, die Behinderung thematisieren, finden sich auf dem Blog von Raul Krauthausen.

(P. Carega)

Audio-Mitschnitt der Lesung


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Berichte über frühere Lesungen finden Sie im Archiv