Interview Ursula Lehr

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Interview mit Ursula Lehr

Ursula Lehr © BAGSO

Zur Person:
Prof. Dr. Ursula Lehr, Jahrgang 1930, ist Universitätsprofessorin und seit 2009 Vorsitzende der BAGSO - Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e. V.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Ja, mir persönlich war dies immer vergönnt, aber das mag ein Ausnahmefall sein.

Als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), die über die ihr angeschlossenen 110 Verbände die Interessen von etwa 13 Millionen älteren Menschen vertritt, weiß ich natürlich auch, dass ältere Menschen, zum Beispiel aufgrund einer körperlichen oder auch geistigen und seelischen Beeinträchtigung, nicht immer teilhaben können. Die BAGSO setzt sich seit ihrer Gründung im Jahr 1989 dafür ein, dass älteren Menschen eine gesellschaftliche Partizipation möglich ist.

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Barrieren sind zum Beispiel bauliche Hindernisse, die ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen daran hindern, dabei zu sein. Leider sind viele öffentliche Gebäude nicht wirklich barrierefrei und was den öffentlichen Personennahverkehr betrifft, so müssen die Anstrengungen deutlich erhöht werden. Es gibt immer noch Bahnhöfe, auch sehr gut frequentierte wie den in Köln-Süd, die gehandicapte Menschen nicht nutzen können und Eltern mit Kinderwagen ebenso wenig.

Besonders schwierig ist die Situation für viele auf dem Lande lebende Seniorinnen und Senioren, in denen die Verkehrsstrukturen noch schlechter sind als in städtischen Regionen. Hier kann ich den politisch Verantwortlichen und auch den Städte- und Verkehrsplanern nur anraten, einmal einen sogenannten AGE-Explorer, eine Art "Astronautenanzug", der alters- und krankheitsbedingte Beeinträchtigungen simuliert, anzuziehen und sich damit in ihrem Handlungsfeld zu bewegen. So würden sie Barrieren – und zwar auch die kleinsten – am eigenen Leib erfahren.

Außer den baulichen gibt es sicher auch Barrieren in den Köpfen vieler Menschen, was zum Beispiel die Kompetenzen älterer Menschen angeht. Auch wenn das sogenannte Defizitmodell des Alters wissenschaftlich eindeutig wiederlegt wurde – und das schon vor mehr als vier Jahrzehnten –, so wirkt es noch nach, unter anderem in der Festlegung von Altersgrenzen, die häufig keiner kritischen Betrachtung standhalten.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können?

Es müssen die zahlreichen baulichen Hindernisse ebenso abgebaut werden wie die Barrieren in den Köpfen der Menschen. Wir brauchen mehr Toleranz und Verständnis für "Andersartigkeit". Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes.

(Interview: Ingrid Scheffer)