Interview Tasnim El-Naggar

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Interview mit Tasnim El-Naggar

Tasnim El-Naggar © MedienQualifizierung

Zur Person:
Tasnim El-Naggar, M. A. Politikwissenschaftlerin, ist Multimedia-Redakteurin und Verlegerin, 28 Jahre.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Größtenteils kann ich das schon. Ich kann in Deutschland zahlreiche Angebote und Möglichkeiten wahrnehmen, es gibt wenig, was mich daran hindert. In der Schule und später im Studium, in der Freizeit oder Öffentlichkeit - meist konnte ich genauso daran teilhaben wie meine Umwelt. Dennoch hat es in meinem Leben einige Situationen gegeben, in denen ich mich nicht gleichberechtigt behandelt gefühlt habe. 

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Als Muslimin, die ein Kopftuch und wegen meines Migrationshintergrundes einen ausländischen Namen trägt, habe ich es in dieser Gesellschaft nicht immer einfach. Oft sind es ganz unterschwellige, subtile Andeutungen, die mir das Gefühl geben nicht dazu zu gehören. Manchmal ist das ein Bauchgefühl, das sich nicht konkret festmachen lässt, manchmal äußert es sich etwas deutlicher, etwa wenn ich an der Kasse von der Kassiererin auffallend unfreundlich behandelt werde, wenn man mich anstarrt und hinter meinem Rücken tuschelt, oder sich in der Bahn nicht neben mich setzt, obwohl alle anderen Plätze besetzt sind. Und dann gibt es noch die Leute, die mich offen als "Kopftuchmädchen", "Schläferin" oder "Verräterin an ihrem Volk" beschimpfen. Auch das gibt mir natürlich zu denken und lässt mich zuweilen an der Gleichberechtigung aller Menschen in Deutschland zweifeln.

Was mir aber am meisten Sorgen macht, ist die strukturelle Diskriminierung von religiösen oder ethnischen Minderheiten, die eine gleichberechtigte Teilhabe in allen Bereichen des Lebens unmöglich macht. Einige meiner Freundinnen haben Lehramt studiert - sie werden aufgrund ihres Kopftuches diesen Beruf aber nie ausüben dürfen, da das Land es ihnen verbietet. Das ist für mich mangelnde Gleichberechtigung, und das ermutigt die Privatwirtschaft, es ebenso zu halten. Da sind Arbeitsstellen, auf die man sich fristgemäß beworben hat, plötzlich schon vergeben, ebenso wie Wohnungen, die man sich anschauen wollte. Das ist Un-Gleichberechtigung, da fühle ich mich ausgeschlossen und exkludiert! Besorgniserregend finde ich auch die neu gestartete Kampagne des Bundesministeriums des Innern gegen radikale Muslime. Sie stigmatisiert Muslime generell als Feinde. Auch ich bin gegen radikale Muslime, aber die Plakate senden das Signal: jeder Muslim kann ein Radikaler sein. Es ist schwer, sich dann noch als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sehen.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

Das muss auf zweierlei Weise geschehen. Erst einmal sollten die Mauern und Barrieren in den Köpfen abgebaut werden. Das kann aber nur passieren, wenn man miteinander redet, aufeinander zugeht, und da muss jeder seinen Anteil leisten. So eine Veränderung passiert nicht von heute auf morgen, das ist ein langer Prozess, der vielleicht 20 oder 30 Jahre in Anspruch nimmt. Auf der anderen Seite muss auch vonseiten der Politik etwas passieren. Wo es nötig ist, sollten Minderheiten entsprechend ihren Bedürfnissen gefördert werden, um eine zukünftige Gleichberechtigung zu ermöglichen. Das können ganz praktische Dinge sein wie Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung oder Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch der Dialog auf Augenhöhe, das Zuhören, das Hinschauen. Die Stigmatisierung solcher Gruppen sollte dagegen dringend vermieden werden - einfacher gesagt als getan, denn auch das ist natürlich ein langwieriger Prozess. Ziel des Ganzen ist, dass die Unterschiede irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen werden, sondern es eine Selbstverständlichkeit im Zusammenleben gibt, die nicht immer wieder auf das Minderheitsmerkmal zu sprechen kommt.

Inklusion bedeutet für mich…

dass die Mauern in den Köpfen verschwinden und es gelingt, auf Augenhöhe miteinander nicht nur zu reden, sondern auch zu leben. 

Vom Berliner Menschenrechtstag wünsche ich mir…

dass Menschen, die sich normalerweise nicht begegnen würden, sich hier begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Und dass so Impulse geschaffen und Anliegen gehört werden, die sonst wenig Gehör finden. Dies sollte sich möglichst nicht nur auf den Menschenrechtstag beziehen. Vielmehr sollte er der Beginn einer weitreichenderen Zusammenarbeit, eines weitreichenderen Projekts sein.

(Interview: Ingrid Scheffer)