Interview So-Rim Jung

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Aktuell > Veranstaltungen > Berliner Menschenrechtstag > Berliner Menschenrechtstag 2012 >  Interview So-Rim Jung

Interview mit So-Rim Jung

So-Rim Jung © privat

Zur Person:
So-Rim Jung, 29, ist Diplom-Psychologin und leitet das Projekt MILES. MILES ist das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule und ein Projekt des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg e. V.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Jein, im Rahmen meiner Tätigkeit ist mir aufgefallen, dass ich als Akademikerin und Person mit Arbeitsplatz, ohne Behinderung und mit äußerlich passendem Cis-Gender (1) viele Privilegien genieße. Gleichzeitig habe ich als Frau mit Migrationshintergrund und mit einem familiären Background ohne hohen Bildungsgrad einige Benachteiligungen erlebt. Sollte ich einmal eine Partnerin haben, die ich heiraten will, werde ich auch noch auf andere Benachteiligungen stoßen. 

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Ich werde in Deutschland immer noch als exotisch empfunden. Ganz ernst gemeint loben mich Fremde für mein gutes Deutsch und meine Manieren. Das ist zwar nett gemeint, drückt für mich aber auch aus, dass sie überrascht sind, dass ich das kann obwohl ich vermeintlich fremd hier bin. Das passiert aber zum Glück immer seltener. Andersherum wird an manchen Stellen vorausgesetzt, dass ich genauso wie die anderen bin: heterosexuell. Da muss ich dann ironischerweise betonen, dass ich zu den "anderen" gehöre.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

Mein Eindruck ist, dass sich bereits vieles geändert hat. Man muss das aber erhalten, das ist wichtig, und man muss es ausbauen. Ich bin in einem anderen Deutschland groß geworden, als es meine Eltern als Gastarbeiter erlebt haben. Das mag an den Generationen liegen. Und da ich ja Teil der Gesellschaft bin, versuche ich natürlich auch, Dinge zu ändern. Als Psychologin arbeite ich daran, die Individuen einer Gesellschaft handlungsfähiger und glücklicher zu machen. Als Projektmitarbeiterin des LSVD versuche ich zusätzlich auch auf struktureller Ebene Änderungen einzufordern. Meine Themengebiete sind zwar im groben Rassismus und Homophobie, aber wie man ja in Studien schon nachgewiesen hat, geht es letztendlich um darüber liegende Oberthemen: Akzeptanz menschlicher Vielfalt und Offenheit gegenüber Unbekanntem.

Inklusion bedeutet für mich…

dass Unterschiedlichkeit auch für zahlenmäßige Minderheiten kein Nachteil sein muss. Auf individueller Ebene ist es die Einstellung, dass auch Menschen, die anders sind als ich, zur Gesellschaft dazu gehören. Auf struktureller Ebene heißt Inklusion für mich, dass es eine Gleichbehandlung von Menschen geben muss. Nicht im Sinne von "alle sollen gleich sein", sondern im Sinne von "alle sollen die gleichen Rechte haben". Am liebsten natürlich global, da bin ich optimistisch. 

Vom Berliner Menschenrechtstag wünsche ich mir…

mit interessierten Menschen in Kontakt zu kommen, um neue Kooperationen zu finden und Neues zu lernen.

Erklärung zu (1): Cis-Gender: das Gegenteil von Transgender, also eine Geschlechtsidentität, die mit dem zugeschriebenen biologischen Geschlecht übereinstimmt.

(Interview: Ingrid Scheffer)