Interview mit Nuran Yiğit

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Interview mit Nuran Yiğit

© Derya Ovali

Zur Person:
Nuran Yiğit, 38, ist Diplom-Pädagogin und Leiterin des Antidiskriminierungsnetzwerks Berlin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg e. V. (TBB). Sie engagiert sich konzeptionell wie auch praktisch seit über 10 Jahren im Bereich der Empowerment-Arbeit gegen rassistische Diskriminierung von People of Color (1).

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Es hängt davon ab, in welchem Kontext und welcher Lebensphase ich mich befinde. Zum Beispiel hatte ich nicht von Geburt an den deutschen Pass, was meine gleichberechtigte Teilhabe massiv eingeschränkt hat. Jetzt könnte ich theoretisch auch Bundeskanzlerin oder Bundespräsidentin werden. Und das nur wegen einem Stück Papier. Dieses Stück Papier kann mich aber nicht vor rassistischer Diskriminierung schützen, wenn es zum Beispiel um Wohnungssuche oder Polizeikontrolle geht. Der Name, der Geburtsort, die vermutete Religion oder das Aussehen genügen, um anders behandelt zu werden. 

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Barrieren gibt es viele, aber sie zu sehen und zu erkennen ist manchmal nicht so einfach. Es erfordert viel Sensibilität und Wissen, um Zusammenhänge zu verstehen. Manchmal braucht es sogar spezielle Instrumente, um Diskriminierung aufzudecken. Ein Instrument ist zum Beispiel, einen Vermieter unter einem "deutsch" klingenden Namen anzurufen und so zu testen, ob die Wohnung tatsächlich schon vergeben ist oder nicht. Diskriminierung ist oft versteckt und subtil.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

In erster Linie brauchen wir gemeinsame Visionen, für die wir gemeinsam einstehen können. Die ungleiche Verteilung von Ressourcen, Privilegien und Machtpositionen in der Gesellschaft spiegelt sich in diversen Diskriminierungsformen wider. Die Verwirklichung einer diskriminierungssensiblen Gesellschaft funktioniert nur bei Kombination von Empowerment der Machtarmen und Powersharing der Machtstarken. Erst durch die Umsetzung dieser beiden Ansätze ist ein Dialog auf gleicher Augenhöhe möglich.

Vom Berliner Menschenrechtstag wünsche ich mir…

dass der Protestmarsch der Flüchtlinge nach Berlin (Start am 8. September 2012 in Würzburg) unterstützt wird, um in Deutschland bessere Lebensbedingungen in Würde und Menschlichkeit für Flüchtlinge zu erzielen.

Erklärung zu (1): People of Color ist eine politische (Selbst-)Bezeichnung von und für Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren. Dabei ist nicht die Hautfarbe gemeint, sondern die benachteiligte Position im gesamtgesellschaftlichen Kontext. 

(Interview: Ingrid Scheffer)