Interview mit Christine Lüders

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Interview mit Christine Lüders

Christine Lüders © ADS

Zur Person:
Christine Lüders, 59, ist seit Februar 2010 Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Die studierte Pädagogin ist verheiratet und lebt in Berlin und Frankfurt am Main.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

In meinem jetzigen Job kann ich "gleichberechtigt dabei" sein. Doch ich habe gerade am Anfang meines Berufslebens viele Situationen erlebt, in denen ich Ungleichbehandlungen erfahren habe. Diese Erfahrungen sind bis heute ein Antrieb für mich: Ich möchte, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft gleiche Chancen haben – ob das Frauen sind, die noch immer am Arbeitsmarkt benachteiligt werden, ob es Menschen mit Migrationshintergrund sind, Menschen mit Behinderungen, oder Menschen, die wegen ihres Alters, ihrer Religion oder wegen ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden.

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Meine Erfahrung ist: Zu wenige Menschen wissen, dass es Barrieren gibt, die andere ausschließen. Und dabei denke ich nicht nur an Menschen mit Behinderungen. Barrieren gibt es beispielsweise für Frauen beim Zugang zu Führungspositionen und bei der Entlohnung. Immer noch erhalten sie für gleiche Arbeit bis zu 23 Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen, noch immer gibt es nur sehr wenige weibliche Vorstände beispielsweise in den DAX-Unternehmen. Mit Hindernissen haben auch Menschen mit Migrationshintergrund zu kämpfen, die in Bewerbungsverfahren allein wegen ihres Namens nicht zum Zuge kommen und aus demselben Grund Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche haben. Von ähnlichen Erfahrungen berichten Frauen, die ein Kopftuch tragen. Lesben und Schwule haben Angst davor, sich zu outen, weil sie im Beruf oder auch im Sport mit Repressalien rechnen müssen.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

Alle Menschen haben Klischees oder Vorurteile, die ihre Ansichten prägen – auch unbewusst. Das zuzugeben, ist die wichtigste Voraussetzung dafür, um Diskriminierungen zu vermeiden. Wir haben das bei unserem Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungen gesehen: Da haben wir es geschafft, dass Menschen in den ersten Arbeitsmarkt gekommen sind, die bislang trotz ausgezeichneter Qualifikationen keine Chance bekommen hatten. Menschen mit Behinderungen, mit ausländisch klingendem Namen, Ältere und alleinerziehende Mütter – sie alle konnten von dem anonymisierten Bewerbungsverfahren profitieren. Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind sicher nur ein Beispiel von vielen – aber eben eine sehr effektive Methode, um allen Menschen eine gleichberechtigte Chance zu geben.

(Interview: Ingrid Scheffer)