Interview Karin Windt

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Interview mit Karin Windt

Karin Windt © privat

Zur Person:
Dr. Karin Windt ist Inhaberin der Onlineagentur webgewandt und Koordinatorin der Berliner Gruppe der Wirtschaftsweiber e. V. Wirtschaftsweiber ist das fachübergreifende Netzwerk für lesbische Fach- und Führungskräfte in Deutschland.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Soweit es den Beruf und mein persönliches Leben betrifft, fühle ich mich weitgehend teilhabend. Als selbstständige Unternehmerin habe ich den Vorteil, dass auch ich meine Kundinnen und Kunden aussuchen kann, so wie diese mich. An die gelegentlich anzutreffende Sprachlosigkeit oder Ignoranz mir und meiner Lebensweise gegenüber bin ich gewöhnt und dies betrachte ich als "Leiden auf hohem Niveau". Immerhin erlebe ich selten direkte und offene Diskriminierung oder Ablehnung. Meine Erfahrungen mit Outsein sind überwiegend positiv, erfordern aber auch steten Mut und Rückgrat. Outing hört ja nie auf, weil die Mehrheit immer vom Standard ausgeht und Lesbischsein selten mitdenkt. Es steht aber auch nirgends geschrieben, dass das Leben ein Wunschkonzert ist. Immerhin kann ich mich nach Bedarf optisch verbergen und notfalls erst einmal die Lage prüfen - das können Menschen, die sichtbar "anders" sind, nicht unbedingt. 

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Lesbische Frauen, gerade Angestellte oder abhängig Beschäftigte, werden auch heute noch aufgrund ihrer sozialen und sexuellen Identität als Lesbe oder frauenliebend an ihren Arbeitsstellen gemobbt. Oder trauen sich nicht, out zu leben, weil sie Nachteile befürchten müssen. Lesben sind schließlich Frauen und Frauen müssen beruflich oft auf der Hut sein, dass ihnen dies nicht zum Nachteil gereicht.

Themawechsel: Sollte ich den Wunsch haben, mit meiner Partnerin zusammen einem vernachlässigten oder verwaisten Kind ein sicheres Heim zu bieten, hört die gesellschaftliche Teilhabe leider wieder auf. Kinder zu adoptieren ist als lesbisches Paar nicht möglich – in 2012! Heute, da die Menschheit schon Sonden auf dem Mars landen lassen kann, kann ich das leider nicht nachvollziehen.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

Die Mehrheitsgesellschaft muss Minderheiten mitdenken und dies nicht nur den "Minderheiten" selbst überlassen. Dazu muss Vielfalt erst einmal erkannt und dann auch ausgehalten werden. Der Umgang damit muss geübt, die eigene Sensibilität geschärft werden. Ich darf einer Frau nicht in ihre schön gekräuselten Haare fassen, auch wenn ich ihre tollen krausen Haare bewundere. Ich muss einem Rollstuhlfahrer nicht jede Tür aufreißen, wenn er so aussieht, als könne er das selbst. Lieber ihn mal freundlich anschauen und als Mitmenschen wahrnehmen. Heterofrauen müssen sich für Lesben einsetzen, Lesben für Menschen mit Behinderungen, Migrantendeutsche für Schwule, Heteromänner für Trans*menschen, Schwule für Bildungsinländer und so fort. Ich muss produktiv mit meinen Gefühlen von Befremdung umgehen.

Familiale Konstruktionen müssen losgelöst vom heterosexuellen Ehe-Modell denkbar sein – ich kann mich um eine krebskranke Seniorin in der Nachbarschaft ebenso intensiv kümmern wie ein Vater sich um sein krankes Kind - soziales Miteinander und Fürsorgeverhältnisse müssen neu gedacht und abgesichert werden.

Thema Barrierefreiheit: für Gehörlose, Blinde etc. müssen finanzielle Ressourcen geschaffen werden, damit diese besser an Veranstaltungen und dem gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

- Das sind nur einige Aspekte aus einem größeren Vorschlagskatalog…

Inklusion bedeutet für mich…

nicht gleich die Lösung aller Probleme. Inklusion ist ein Denk- und Handlungsansatz, seine Sinne zu schärfen für die Bedarfe anderer (und sich selbst). Dann Handlungsmöglichkeiten entwickeln und produktive Koalitionen bilden. Inklusion ist, wenn meine Arbeitskolleginnen und –kollegen genauso viel aus meinem lesbischen Leben wissen, wie ich aus ihrem Leben. Wenn man bei der kinderlosen Kollegin mitdenkt, dass sie nicht "irgendwie alleine" lebt, sondern zu Hause jemanden pflegen muss und dafür früher von der Arbeit wegmuss (nicht bloß zur Kita). Wenn man den stotternden Kollegen ausreden lässt und ihm nicht in die Parade fährt. Wenn man sich in der Firma überlegt, wie man zu bestimmten Zeiten die tagsüber fastende Kollegin entlasten kann.

Wenn man drängende Fragen nach den Besonderheiten seiner Mitmenschen in zwei Kategorien aufteilt. Erstens: Ist die Frage dumm und ressentimentgeladen ("Wer ist denn bei Euch mehr so der männliche Part?", "Ist das nicht schrecklich warm und unbequem, immer so ein Tuch auf dem Kopf zu haben?")? Die behält man besser für sich. Zweitens: Habe ich ein ernsthaftes Interesse an der Besonderheit und mir fremden Eigenschaft des oder der Anderen, dann frage ich direkt und höflich nach und bitte um Erläuterung ("Wie nennt Euch Euer Kind, wo Ihr doch zwei Mütter seid – Mama und Mutti, oder mit Vornamen?", "Dürfen eigentlich nur Männer eine Kippa tragen?").

Vom Berliner Menschenrechtstag wünsche ich mir…

dass er Menschen zusammenbringt, die voneinander Notiz nehmen und miteinander lernen können. Austausch – Gespräch – Verständnis füreinander entwickeln. Koalitionen bilden, um gemeinsam an der Umsetzung von Menschenrechten in Deutschland zu arbeiten. Dass er die Idee der Mehrdimensionalität von sozialer Ungleichheit (Intersektionalität) ausarbeitet.

(Interview: Ingrid Scheffer)