Interview Ise Bosch

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Interview mit Ise Bosch

Ise Bosch © Fin Porzner

Zur Person:
Ise Bosch, 47, ist Gründerin und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH, die sich gegen Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung einsetzt. Sie ist eine der Gründerinnen von filia.die frauenstiftung.

Können Sie in unserer Gesellschaft gleichberechtigt dabei sein, wo Sie dabei sein möchten?

Ich persönlich bin hier eigentlich nicht gefragt. Aber vielleicht interessiert doch, wie das Thema Gleichberechtigung aus der Sicht einer Privilegierten aussieht. Ich bin ja Teil der "Parallelgesellschaft der Aktienbesitzenden" und habe dadurch – und noch mehr durch meine Herkunft aus der gebildeten Oberklasse - überdurchschnittlich große Zugangsmöglichkeiten.

Also: ich muss zuallererst davon ausgehen, dass ich in vielen Fällen gar nicht erst mitbekomme, wenn andere ausgeschlossen werden. Das liegt an meinem beschränkten Horizont. Andererseits lebe ich mit der Tatsache, dass auch mir die Klassengesellschaft (bzw. der allgemeine Glaube daran) vielerorts den Zugang verwehrt.

Mein Engagement für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und Inter_Menschen (LSBTI) kommt einerseits aus meiner lesbischen Politisierung, andererseits aus der Erfahrung von Privilegierung. Ich weiß, wie nett es ist, an so vielen Orten gern gesehen zu werden. Das wünsche ich allen. Ich weiß auch, dass ich häufig auf dieses eine Merkmal - das Privileg - reduziert werde. So etwas ist niemandem zu wünschen.

Was Gleichberechtigung angesichts sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität anbelangt: so weit sind wir leider noch lange nicht. Die Gewerkschaft ver.di hat kürzlich aufgelistet, wie gleichgeschlechtlich verpartnerte Menschen gegenüber Verheirateten rechtlich benachteiligt werden - es sind 40 Seiten. Für die soziale Diskriminierung spricht, dass 52 Prozent der Schwulen und Lesben (laut einer Studie der Universität Köln von 2007) am Arbeitsplatz ihre sexuelle Orientierung lieber verschweigen. Für trans* bestand in Deutschland noch bis 2011 der Zwang zur Sterilisierung, wenn sie die nötigen Operationen machen ließen. Über die unnötigen geschlechtsangleichenden Operationen an intersex Kindern schreibt Lucie Veith an selber Stelle.

International ist die gesellschaftliche und rechtliche Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität meist noch stärker. Auch wenn die "Betroffenen" sich nichts weiter wünschen, als produktive Glieder ihrer Gesellschaft zu sein.

Falls nicht – welche Barrieren gibt es?

Wenn krasse Fakten gefragt sind – hier gibt es sie. Fast 80 Staaten stellen homosexuelle Akte unter Strafe, bis hin zur Todesstrafe. Menschen, die schwul, lesbisch oder trans* sind oder dafür gelten, werden zu Opfern von Hetzattacken und Mord. Schwule werden Opfer von Erpressung; Lesben werden vergewaltigt um sie zu "kurieren"; trans*Menschen erfahren schwerste Menschenrechtsverletzungen, häufig durch die Polizei. Aus der Türkei sind aus der Zeit zwischen 2008 und 2011 13 Morde an trans-Frauen unbestreitbar, aus Italien auch 13. Die Barrieren sind also rechtlicher und gesellschaftlicher Natur. Staatlicherseits geht es um den Ausschluss von sozialen Leistungen genauso wie um die Weigerung, Menschen vor Gewalttaten zu schützen. Gesellschaftlich geht es um konkrete Gewaltakte und um strukturelle Gewalt, in Verknüpfung mit anderen Formen der Diskriminierung wie Armut, Frauenhass, Rassismus.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik kennt die Probleme, hat aber erst angefangen, sich aktiv und strategisch einzubringen.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit alle Menschen gleichermaßen teilhaben können? 

Wir wissen doch, dass wir Vielfalt brauchen. Wir müssen lernen, Andersartigkeit willkommen zu heißen, so schwierig das manchmal ist. Kinder lernen das noch am besten. Homophobie (die eigentlich Heterophobie heißen müsste, weil ja Andersartigkeit unterdrückt wird) und Transphobie sind komplexe Phänomene. Sie eignen sich leider, um Stellvertreter-Auseinandersetzungen zu inszenieren, also von den eigentlichen Problemen abzulenken – ähnlich perfide wie rassistische Verfolgung. Und letztendlich geht es (zumindest vermeintlich) um Sexualität, sowieso ein angstbesetztes Thema. Wir müssen lernen, das zu durchschauen, und endlich die letzten Reste des "Igitt"-Faktors loswerden, mit dem das Thema sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität immer noch belastet ist. Es geht um Menschenrechte, ganz einfach.

Inklusion bedeutet für mich…

Aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft bedeutet Inklusion eine Öffnung für allerlei Unterschiedlichkeiten. Sie bedeutet, den Menschen gegenüber einfach als Mensch zu sehen, aus Fleisch und Blut, darüber hinaus sind wir eben unterschiedlich. Aber alle lernfähig, mit vielen und wechselnden Bedürfnissen – auch dem Bedürfnis, Differenz auszuhalten und sie zu feiern. Inklusion lädt dazu ein. 

Vom Berliner Menschenrechtstag wünsche ich mir…

dass er diese offene Auffassung des Inklusionsbegriffs an diesem Tag und auch weiterhin in die Öffentlichkeit trägt.

(Interview: Ingrid Scheffer)