Interview Beate Rudolf

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Interview mit Beate Rudolf

Prof. Dr. Beate Rudolf © DIMR/S. Pietschmann

Zur Person:
Prof. Dr. Beate Rudolf ist seit Januar 2010 Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Das Institut hat aktuell ein Dutzend Personen zu ihren Inklusions- und Exklusionserfahrungen interviewt - fast alle sagen, dass sie bereits Ausgrenzung erfahren haben. Erstaunt Sie das?

Beate Rudolf: Leider nein. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass Menschen in vielfältiger Weise diskriminiert und ausgegrenzt werden, weil sie als „anders“ wahrgenommen und daher nicht als zugehörig angesehen werden. Das betrifft Menschen mit Behinderungen ebenso wie Migrantinnen und Migranten, Schwarze Menschen, Lesben und Schwule, Bisexuelle, Transgender, transsexuelle und intersexuelle Menschen, aber auch alte Menschen, Arme oder Obdachlose. Und in vielen Fällen sind Frauen besonders stark betroffen. Wer diskriminiert wird, erfährt: "Ich werde nicht als Person, in meiner Einzigartigkeit anerkannt. Ich werde in eine Schublade gesteckt. Ich gelte als nicht 'normal'. Nur wenn ich mich ändere oder wenn ich verstecke, was mich ausmacht, werde ich anerkannt und kann ganz selbstverständlich mitten in der Gesellschaft leben." Massive Diskriminierung führt zu Ausgrenzung. Ausgegrenzte Menschen erleben: "Ich bin nichts wert. Mein Schicksal ist der Gesellschaft und dem Staat gleichgültig. Meine Stimme wird nicht gehört. Ich werde nicht vermisst." In einem Gemeinwesen, in dem die Würde des Menschen im Mittelpunkt steht, ist das nicht hinnehmbar.

Wie definieren Sie Inklusion?

Beate Rudolf: Inklusion meint das Recht jedes Menschen, in sozialen Bezügen leben zu können, also in allen Lebensbereichen dabei sein zu können. Es geht um das Dabeisein-Können beispielsweise in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, in Sport und Kultur, im politischen Leben. Nur wer in einem Lebensbereich dabei ist, kann dort seine Freiheit leben - sich bilden, arbeiten, kreativ sein, politisch mitentscheiden - und so seine Persönlichkeit entfalten. Die Menschenrechte garantieren allen Menschen, dass sie in allen Lebensbereichen ihre Freiheiten leben können. Als menschenrechtlicher Begriff hebt Inklusion die Pflicht des Staates hervor, zu gewährleisten, dass jeder Mensch den Zugang zu allen Lebensbereichen erhält und dort gleichermaßen dabei sein kann.

In den Menschenrechtsverträgen gibt es eine Vielzahl an Diskriminierungsverboten – warum macht sich das Institut zusätzlich für Inklusion stark?

Beate Rudolf: Inklusion macht das Diskriminierungsverbot konkret: Das Diskriminierungsverbot zielt auf die Herstellung von Gleichheit - alle Menschen sollen ihre Freiheit gleichermaßen ausüben können. Doch die Hindernisse für die gleiche Freiheitsausübung sind unterschiedlich; Menschen werden auf unterschiedliche Weise ausgegrenzt: Diskriminierung kann durch Recht erfolgen ebenso wie durch tatsächliche Umstände und Strukturen. Es ist jedoch oft schwierig, eine Diskriminierung festzustellen und zu entscheiden, welche Maßnahmen der Staat ergreifen muss, um rechtlich und tatsächlich gleiche Freiheit zu sichern. Hier hilft Inklusion: Sie fragt danach, ob Menschen Zugang zu einem Lebensbereich haben und dort selbstverständlich dabei sein können. Sie verlangt, dass nicht die Menschen sich ändern müssen, sondern dass die Barrieren und behindernden Strukturen abgebaut werden. Inklusion ist also ein Maßstab für Gleichheit und zugleich ein Maßstab, wie Gleichheit hergestellt werden kann und muss.

Lässt sich ein Anspruch auf Inklusion aus den Menschenrechten ableiten? Ist Inklusion ein Menschenrecht?

Beate Rudolf: Inklusion ist ein untrennbarer und zentraler Bestandteil des Diskriminierungsverbots. Das Diskriminierungsverbot wiederum wohnt jedem Menschenrecht inne. Denn die Menschenrechte verpflichten den Staat, sie gleichermaßen gegenüber allen Menschen zu achten, zu schützen und sie für alle zu gewährleisten. Inklusion ist also kein eigenständiges Recht, sondern ist Bestandteil jedes Menschenrechts. Die UN-Behindertenrechtskonvention drückt das nur erstmals aus; der Sache nach wohnt Inklusion allen früheren Menschenrechtsverträgen inne.

Wer muss Inklusion umsetzen – der Staat, die Gesellschaft, die exkludierte Person?

Beate Rudolf: Die Menschenrechte nehmen den Staat in die Pflicht, Inklusion zu verwirklichen. Und jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass ihm der Zugang zu keinem Lebensbereich verweigert wird und dass angemessene Vorkehrungen ergriffen werden, um ihm das Dabei-Sein zu ermöglichen. Jedes Kind hat also das Recht, eine öffentliche Schule zu besuchen, und wenn es der deutschen Sprache nicht mächtig ist, ist entsprechende Sprachförderung einzurichten. Der Staat muss auch sicherstellen, dass private Akteure, die einen Lebensbereich maßgeblich ausgestalten, diesen inklusiv gestalten. So hat er beispielsweise darauf hinzuwirken, dass private Wohnungseigentümer und Träger von Wohneinrichtungen allen Menschen den Zugang eröffnen, das heißt, bei der Auswahl nicht diskriminieren und bauliche Barrieren allmählich abbauen.

Darüber hinaus ist es erstrebenswert, dass sich die Gesellschaft der Idee der Inklusion öffnet. Inklusion kann nämlich nicht gelingen, wenn sie als verbindliches Recht lediglich zähneknirschend umgesetzt wird. Gelingen kann Inklusion vielmehr nur, wenn auch die Menschen ihren Wert verinnerlicht haben: Wer Inklusion ermöglicht, achtet den anderen Menschen als Inhaber bzw. Inhaberin gleicher Rechte und Würde. Nur wenn Menschenwürde so in einem Gemeinwesen gelebt wird, kann der Staat Menschenrechte umfassend verwirklichen. Inklusion bedeutet daher einen Freiheitsgewinn für die gesamte Gesellschaft. Der Staat ist in der Pflicht, durch Menschenrechtsbildung diese Einsicht zu vermitteln.

Eine Person, die ausgeschlossen ist, muss hingegen Inklusion nicht umsetzen. Denn es gehört zur menschenrechtlich gesicherten Freiheit, eine Freiheit auch nicht zu nutzen. Wer also in Einsamkeit lebt, darf das weiterhin tun, wenn er oder sie dies wünscht. Wer aber dabei sein will, hat das Recht, dies zu verlangen. Inklusion ist Bestandteil der Rechte jedes Menschen, nicht aber seine Pflicht.

(Interview: Ingrid Scheffer)