Zum Welternährungstag: "Die meisten Hungernden leben auf dem Land"

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Michael Windfuhr © DIMR/Amélie Losier

Zum Welternährungstag: "Die meisten Hungernden leben auf dem Land"

Weltweit sind nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) 842 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Damit hungert jeder achte Mensch auf der Welt oder mehr als 12 Prozent der Weltbevölkerung. Jeden Tag sterben tausende Menschen an Unterernährung und ihren Folgen. Mehr als die Hälfte davon sind Kinder unter fünf Jahren. Ein Interview mit dem Stellvertretenden Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Michael Windfuhr, zum Welternährungstag am 16. Oktober.

Das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht. Warum leiden trotzdem so viele Menschen heute an Hunger?

Michael Windfuhr:
Hunger ist immer noch vorwiegend ein ländliches Phänomen: Etwa drei Viertel aller Hungernden leben in ländlichen Regionen. Sie können in der Regel kein ausreichendes Einkommen aus der Landwirtschaft erzielen, oder sie haben als Landarbeiter bzw. Landarbeiterin keine oder keine ausreichende Beschäftigung. Dies lässt sich vor allem mit der Vernachlässigung von ländlicher Entwicklung und Agrarentwicklung in vielen Ländern erklären.

Vor allem fehlende staatliche Unterstützungen für eine bäuerliche Landwirtschaft, fehlende Rahmenbedingungen, damit arme Familien ein Einkommen erwirtschaften können, sowie die Diskriminierung von Minderheiten oder Personengruppen in ihren Zugangsrechten zu Land oder Arbeit sind wichtige Ursachen, warum es so wenige Fortschritte im Kampf gegen den Hunger gibt. Um diese Probleme anzugehen, ist es zentral, Hunger auch als ein Menschenrechtsproblem zu sehen und nicht nur als ein Produktions- und Verteilungsproblem. Jede wirkungsvolle Strategie zur Senkung der Zahl der Hungernden und Unterernährten muss mit Maßnahmen beginnen, die die Zugangsprobleme von Hunger betroffener Bevölkerungsgruppen und deren Diskriminierung verringern helfen.

Was umfasst das Menschenrecht auf Nahrung?

Windfuhr: Dem UN-Ausschuss für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte zufolge umfasst das Recht den Zugang zu angemessener Nahrung oder zu Mitteln ihrer Beschaffung. Für die Staaten, die den WSK-Pakt ratifiziert haben, leiten sich daraus folgende Verpflichtungen ab: Sie müssen sicherstellen, dass ausreichend Nahrungsmittel in einer Region vorhanden sind und Menschen nicht am Zugang zu diesen Nahrungsmitteln gehindert werden. Das heißt zum Beispiel, dass ausreichende Vorräte von Lebensmitteln vorhanden sein müssen - insbesondere in Ländern, in denen Dürren oder andere Katastrophen regelmäßig auftreten. Regierungen müssen zudem dafür sorgen, dass in Katastro-phensituationen verfügbare Nahrungsmittel auch verteilt werden können und nicht in Lagerhäusern gehortet werden.
Außerdem müssen sich gerade arme Haushalte die verfügbaren Lebensmittel auch leisten können. Sollten sie dies nicht können, hat der Staat die menschenrechtliche Verpflichtung, sie zu unterstützen.

"Nachhaltige Ernährungssysteme für Nahrungssicherheit und Ernährung" lautet der Schwerpunkt des diesjährigen Welternährungstages. Welche nachhaltigen Strategien sind im Kampf gegen den Hunger erforderlich?

Windfuhr: Im Kampf gegen den Hunger sind nachhaltige Strategien in doppelter Hinsicht erforderlich. Zum einen ist die ökologische Dimension von zentraler Bedeutung: Die Bodenverluste sind weltweit besorgniserregend hoch. Dies kommt zum einen durch die Übernutzung von Böden, mit Phänomenen wie Versalzung, Wüstenbildung oder Bodenerosion, aber auch durch Bodenverlust im Zusammenhang mit Verstädterungsprozessen. Die schnell wachsenden Megacities der Welt benötigen Platz für Verkehrs-, Siedlungs- und Industrieflächen, oft die besten Böden in fruchtbaren Küstenebenen, wie in China. Die Landwirtschaft ist Haupt-verbraucher des weltweiten Wasserkonsums – zu circa 70 Prozent - und die wachsende Knappheit beim Wasser wird die Landwirtschaft besonders beeinträchtigen. Durch die industrialisierte Landwirtschaft sinkt zudem die Artenvielfalt bei Pflanzen und Nutztieren.  
Gleichzeitig ist die Landwirtschaft mit fast 30 Prozent einer der Hauptverursacher des Klima-wandels und sie benötigt große Mengen an fossiler Energie und Phosphatdünger: Angesichts dieser Herausforderungen muss die Landwirtschaft der Zukunft nachhaltiger mit ihren Ressourcen umgehen lernen, darauf will das Motto des Welternährungstages hinweisen. Zum zweiten benötigt der Kampf gegen den Hunger vor allem nachhaltige Ernährungssysteme, in denen staatliche oder gesellschaftliche Institutionen sicherstellen, dass das Recht auf Nahrung umgesetzt werden kann. Die Institutionen müssen funktionieren, für alle Betroffenen offen und zugänglich sein und Notfall-, Rückmelde-  und Beschwerdemöglichkeiten haben.

Inwieweit spielt das Thema Welternährung bei der Arbeit des Instituts eine Rolle?

Windfuhr: Das Institut hat das Mandat zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte in und durch Deutschland. Das umfasst zum Beispiel auch Fragen des deutschen Engagements in der Hungerbekämpfung oder die Auswirkungen europäischer Agrar- oder Fischereipolitik auf Menschenrechte in anderen Regionen. In den letzten drei Jahren habe ich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) bei den Verhandlungen zu einem neuen völkerrechtlichen Instrument bei der FAO - den "Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Regulierung von Eigentums-, Besitz- und Nutzungsrechten für Land, Fischgründe und Wälder" – völkerrechtlich beraten, um sicherzustellen, dass das Instrument menschenrechtsbasiert ist. Die Umsetzungsberatung für das Recht auf Nahrung und für die Freiwilligen Leitlinien Land ist derzeit Schwerpunkt der Arbeit des Instituts in diesem Bereich.

Welche völkerrechtlichen Handhabungen gibt es, um das Recht auf Nahrung durchzusetzen?

Windfuhr: Beim Nachfolgegipfel zum Welternährungsgipfel von 1996, dem sogenannten "Rom+5"-Gipfel, wurde 2002 beschlossen, ein eigenständiges Rechtsinstrument zur Förderung der Umsetzung des Rechts auf Nahrung zu entwickeln: die "Freiwilligen Leitlinien zu Umsetzung des Rechts auf Nahrung" (PDF, 1,28 MB, Englisch, nicht barrierefrei). Die Leitlinien verlangen von den Regierungen eine nationale Strategie des Rechts auf Nahrung zu entwickeln.

Ein weiteres wichtiges Instrument zur Umsetzung von Teilaspekten des Rechts auf Nahrung sind die im Jahr 2012 vom UN-Ausschuss für Welternährungssicherung verabschiedeten "Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Regulierung von Eigentums-, Besitz- und Nutzungsrechten für Land, Fischgründe und Wälder". Sie beschreiben detailliert, wie Landtransfer-Prozesse ausgestaltet werden sollten, damit die Rechte der besonders von Hunger und Unterernährung betroffenen Menschen nicht übersehen werden.

(Interview: A. Viohl)

Zur Person:
Michael Windfuhr ist Stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Zuvor hat er die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN (Food First Information and Action Network) mit aufgebaut und geleitet. Beim Diakonischen Werk der EKD leitete er das Menschenrechtsreferat. Er ist Experte für die Menschenrechte auf Nahrung, soziale Sicherheit, Wasser und Sanitärversorgung. Er hat regelmäßig an den internationalen Verhandlungen zur Entwicklung der Freiwilligen Leitlinien zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung teil-genommen und wurde im Oktober 2012 für sein langjähriges Engagement für das Recht auf Nahrung und zu Ernährungssicherheit mit der Professor-Niklas-Medaille des BMELV ausgezeichnet.