Ziel ist die selbstbestimmte Elternschaft

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Autorin Alexandra Lüthen und Moderatorin Meike Niess sitzen wärend der Lesung in der Bibliothek an einem Tisch und diskutieren

Alexandra Lüthen (li.): "Jedes Thema lässt sich mit einfachen Worten beschreiben und erhält so besondere Klarheit" © DIMR/Scheffer

Ziel ist die selbstbestimmte Elternschaft

Familie, Elternschaft und die UN-Behindertenrechtskonvention: eine Lesung in Einfacher Sprache in der Bibliothek

Artikel 23 der UN-Behindertenrechtskonvention schützt das Recht von Menschen mit Behinderungen, eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen und angemessen in der Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung unterstützt zu werden. Die Geschichte "Maras Baby" greift dieses Thema literarisch auf. Autorin Alexandra Lüthen hat sie in Einfacher Sprache geschrieben und am 10. Oktober in der Bibliothek des Instituts vorgelesen. Zwei Mütter mit Beeinträchtigungen berichteten über ihre eigenen Erfahrungen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Lebenshilfe Berlin e. V. statt.

"Maras Baby"

Die Geschichte handelt von Mara und ihrem Freund Dominik, beide wohnen zusammen bei Dominiks Mutter. Mara, die in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet, wünscht sich ein Baby. Heimlich hört Mara auf, die Pille zu nehmen und wird schwanger. Als die Eltern der beiden davon erfahren, gibt es zuerst großen Ärger, ein Schwangerschaftsabbruch steht zur Debatte. Schließlich kann Mara sie jedoch davon überzeugen, dass sie das Kind bekommen darf. Am Anfang tut sich Mara mit dem Muttersein schwer. Doch mit der Zeit und mit der Unterstützung ihrer Familie und der Hebamme meistert sie die Herausforderungen und ist glücklich, Mutter zu sein.

Begleitete Elternschaft

In der an die Lesung anschließenden Gesprächsrunde gaben zwei Mütter Einblicke in ihre eigenen Erfahrungen. Beide nehmen ein Unterstützungsangebot der Lebenshilfe Berlin e. V. für Eltern mit intellektuellen und psychosozialen Beeinträchtigungen in Anspruch: die Begleitete Elternschaft. Bei der Begleiteten Elternschaft steht das Wohl der Kinder, ihre altersangemessene Entwicklung und Förderung im Mittelpunkt. Dies soll auf der Basis einer tragfähigen Eltern-Kind-Bindung stattfinden. Deshalb ist es ausschlaggebend, dass pädagogische Fachkräfte mit den Eltern an der Stärkung der Erziehungskompetenz arbeiten und bei Fragen wie der Kindesentwicklung oder der Alltagsbewältigung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch steht das Empowerment der Eltern mit Beeinträchtigungen im Fokus. Für die beiden anwesenden Frauen war die Begleitete Elternschaft von großer Bedeutung. Eine von ihnen wurde schon kurz vor und während der Geburt begleitet. Durch die daran anknüpfende, am individuellen Lebensalltag und seinen Herausforderungen orientierte Unterstützung im Umfang von 20 Stunden pro Woche, wurde sie auf die Elternrolle vorbereitet. Durch die Begleitung wurden ihr Ängste genommen, erzählte sie. Auch bei der Geburt sei sie nicht allein gewesen. Bei der anderen Mutter begann die Begleitung erst nach der Geburt und in einem kleineren zeitlichen Ausmaß. Jetzt findet die Unterstützung für sie und ihren Mann nur noch drei Stunden pro Woche statt, etwa beim Organisieren von Kinderarztterminen für ihren Sohn oder bei Treffen mit dem Jugendamt. Das Ziel ist die selbstbestimmte Elternschaft.

Das Recht auf Familie

Die Moderatorin des Abends, Meike Nieß von der Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention, wies im Gespräch auf Artikel 23 der Konvention hin. Er umfasst das Recht auf Familie sowie die staatliche Verpflichtung, angemessene Unterstützung bei der Wahrnehmung der elterlichen Verantwortung bereitzustellen. Die bei der Umsetzung des Rechts bestehenden Probleme veranschaulicht auch "Maras Baby". Mara muss die Pille auf Anweisung ihrer Eltern nehmen, kann sie nur heimlich absetzen. Auch mischen sich die Eltern ein und sind anfangs dagegen, dass Mara und Dominik das Kind bekommen. Von diesen und ähnlichen Widerständen berichteten am Abend auch die anwesenden beiden Fachkräfte der Berliner Lebenshilfe. So sehen sich Eltern mit Behinderungen immer noch oft Ablehnung und stereotypen Vorurteilen ausgesetzt. Auch ist die Bereitstellung der passenden Unterstützung trotz der menschenrechtlichen Verpflichtungen nicht immer automatisch gegeben. Dies kann auch an fehlendem Bewusstsein über das Bestehen und den Zugang zu derartigen Angeboten liegen, sowie an Angst vor möglicher Stigmatisierung, meinten die Expertinnen.

Die Kunst der Einfachheit

Neben der Begleiteten Elternschaft wurde auch das Thema Einfache Sprache als Literatur- beziehungsweise Kunstform in der Gesprächsrunde aufgegriffen. Einfache Sprache war ihr zu Beginn auch neu, so die Autorin Alexandra Lüthen. Heute ist Einfache Sprache für sie mehr als ein Mittel zur besseren Verständlichkeit, obwohl sie als solches gedacht ist. "Jedes Thema, auch eines wie Elternschaft von Menschen mit Behinderungen, lässt sich mit einfachen Worten beschreiben, und erhält so besondere Klarheit und Stringenz", sagt Lüthen. Zusätzlich ermöglicht Literatur in Einfacher Sprache Menschen mit Behinderungen den Zugang zum und die Teilhabe am kulturellen Leben und trägt so Artikel 30 der UN-Behindertenrechtskonvention Rechnung.

Alexandra Lüthen geht es in ihren Geschichten "um das Leben und um Begegnungen zwischen Menschen". 2015 wurde sie für "Maras Baby" mit dem Ersten Platz im Literaturwettbewerb für Einfache Sprache der Lebenshilfe Berlin ausgezeichnet. Die 20 besten Geschichten wurden in dem Buch „Die Kunst der Einfachheit“ veröffentlicht. Die Auswahl der Gewinner_innen wurde von den LEA-Leseklubs getroffen. In den LEA-Leseklubs (Lesen Einmal Anders) treffen sich Menschen mit und ohne Behinderungen, um gemeinsam Geschichten zu lesen und darüber zu sprechen.

Zum Abschluss las Alexandra Lüthen noch die Geschichte "Meine schlaue Tochter" aus ihrem 2015 erschienen Buch "Bärenzart - Geschichten über die Liebe in Einfacher Sprache" vor.
(fs, men)

Weitere Informationen:

Die Geschichtensammlung "Die Kunst der Einfachheit - Geschichten in Einfacher Sprache", in der "Maras Baby" enthalten ist, ist 2015 bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Berlin, erschienen und kostet 10 € (ISBN: 978-3-88617-552-9).

"Bärenzart: Geschichten über die Liebe in Einfacher Sprache" von Alexandra Lüthen, ist 2015 beim Passanten Verlag, Casekow, erschienen und kostet 12 € (ISBN: 978-3-945653-08-1). 

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