Vernissage "Spuren der Erinnerung" – Mit Schuhabdrücken gegen gewaltsames Verschwindenlassen

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Jeder Schuh erzählt eine Geschichte © DIMR Amélie Losier

Vernissage "Spuren der Erinnerung" – Mit Schuhabdrücken gegen gewaltsames Verschwindenlassen

Jeder Schuh erzählt eine Geschichte. Geschichten von der Suche nach verschwundenen Angehörigen, Geschichten von Trauer, Hoffnung und Beharrlichkeit: "Auf meiner Suche habe ich mir die Schuhsohlen abgelaufen, mein Herz war vor lauter Schmerz schon ganz eng. Aber meine ganze Suche war ergebnislos", notiert Maria Nubia aus Kolumbien, die ihren 18-jährigen Sohn Omar vermisst. "Gehen gibt mir einen Hoffnungsschimmer, dich irgendwann zu finden. Ich vermisse dich so sehr", schreibt Yolanda an ihren verschwundenen Sohn Roberto. "Die Zeit vergeht und wird nicht stehenbleiben, genauso wie ich nie aufhören werde, dich zu suchen", formuliert Martha Beatriz Vega Ruiz, deren Mann Jesús festgenommen wurde und seither verschwunden ist.

Die Botschaften an die Verschwundenen hat der mexikanische Bildhauer Alfredo López Casanova als Teil des Künstlerkollektivs "Huellas de la memoria" auf die Sohlen der Schuhe eingraviert, die Maria, Yolanda und Martha bei ihrer Suche nach ihren verschwundenen Verwandten getragen haben. Auf der jeweils zweiten Schuhsohle sind Informationen über die verschwundene Person festgehalten. Die Installation "Spuren der Erinnerung" ("huellas de la memoria") zeigt 80 solcher Schuhpaare. Sie sind ein Symbol für die vielen unermüdlichen Schritte derjenigen, die teilweise seit Jahrzehnten auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern und Verwandten sind. Sie machen das Leiden der Angehörigen greifbar, das das gewaltsame Verschwinden von Menschen mit sich bringt.

Regierungen lassen die Angehörigen im Unklaren über das Schicksal der Verschwundenen

Jedes Jahr verschwinden weltweit Menschen, weil sie im Auftrag oder mit Duldung von Regierungen inhaftiert, entführt und ermordet werden. Die Angehörigen werden im Unklaren über das Schicksal der Verschwundenen gelassen, ihnen wird jede Auskunft über deren Verbleib verwehrt. Auch in Mexiko ist das gewaltsame Verschwindenlassen ein großes Problem. Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort bislang verschwunden sind. Viele Fälle werden gar nicht erst angezeigt beziehungsweise auch bei Anzeige nicht registriert. Offiziell geht man von mehr als 32.000 Verschwundenen insgesamt aus, andere Schätzungen liegen sehr viel höher.

"Mit der Installation wollen wir den Verschwundenen und ihren Angehörigen eine Stimme geben", sagte Alfredo López Casanova bei der Eröffnung der Ausstellung am 4. Juli in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Gewaltsames Verschwindenlassen würde in Mexiko nach wie vor nicht strafrechtlich verfolgt. Niemand wisse, wie die Situation genau sei. Deshalb hätten viele Leute Angst. Mit seiner Arbeit will der Künstler das Grauen greifbar machen, über gewaltsames Verschwindenlassen aufklären und gesellschaftliche Veränderungen voranbringen. "Der Kreislauf aus Gewalt, Korruption und Straffreiheit muss endlich beendet werden", forderte López Casanova. Von Europa erhofft sich der Künstler Unterstützung: "Europa muss Druck auf die mexikanische Regierung ausüben und darauf bestehen, dass die von Mexiko unterzeichneten Menschenrechtsverträge tatsächlich eingehalten werden."

"Gewaltsames Verschwindenlassen ist eine offene Wunde. Das Einzige, was Abhilfe schafft, ist die Wahrheit"

"Die Ungewissheit des Verschwindens ist unerträglich, sie ist psychische Folter", bestätigte auch Carlos Beristain. Der Arzt und Psychologe begleitet seit vielen Jahren Opfer gewaltsamer Konflikte in Lateinamerika, Europa und Afrika. Er war Teil der fünfköpfigen internationalen Expertengruppe, die 2014 nach 43 in Mexiko verschwundenen Studenten suchen sollte. Seine Erfahrung hat Beristain in seinem Buch "El tiempo de Ayotzinapa" festgehalten, aus dem er bei der Ausstellungseröffnung las. "Gewaltsames Verschwindenlassen ist eine offene Wunde. Das Einzige, was Abhilfe schafft, ist die Wahrheit", so Beristain. Erst wenn die Angehörigen Gewissheit über das Schicksal der Verschwundenen hätten, könnten sie Ruhe finden. Unerträglich sei es, dass sie sie bei ihrer Suche selten respektvoll behandelt würden. "Es kommt häufig vor, dass Angehörige bei behördlichen Anhörungen nicht ernst genommen oder sogar stigmatisiert werden", führte Beristain aus. Ohne Respekt könne jedoch keine Wunde heilen. "Es ist an der Zeit, dass die Angehörigen als Bürger mit eigenen Rechten behandelt werden. Sie wollen kein Mitleid, sondern rechtliche Anerkennung."

Die Installation "Spuren der Erinnerung" wurde bereits in Mexiko und anderen europäischen Städten gezeigt. Das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Berliner Galerie neurotitan haben die Ausstellung nach Berlin geholt. In der Heinrich-Böll-Stiftung wurde sie vom 4. bis 7. Juli gezeigt. Vom 11. bis 22. Juli ist die Ausstellung in der Galerie neurotitan im Haus Schwarzenberg zu sehen.
(U. Sonnenberg)

Foto-Galerie der Veranstaltung

Video des Künstlerkollektivs "Huellas de la memoria" auf YouTube (startet automatisch)

Weitere Informationen:

Veranstaltungshinweis zur Ausstellung auf der Website der Galerie neurotitan

Veranstaltungshinweis Podiumsdiskussion "Gegen Gewalt: Strategien zur Rückeroberung des öffentlichen Raums" am Freitag, 21. Juli 2017 in Berlin

Flyer zur Ausstellungseröffnung in der Galerie neurotitan (png-Bilddatei, 618 KB)

Veranstaltungshinweis auf der Website der Heinrich Böll-Stiftung