Noch viel zu schwer, sich zu beschweren

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Bei der Veranstaltung der Monitoring-Stelle UN-KRK kamen die Jugendlichen selbst zu Wort © DIMR/Renter

Noch viel zu schwer, sich zu beschweren

Konsultation "Beschwerden ermöglichen! - Beschwerdewege für Kinder und Jugendliche" am 16. November in Berlin

"Wir sind eingesperrt", beklagen drei Schülerinnen der Berliner Ernst-Reuter-Oberschule. Ihr Schulgelände wird von einem meterhohen abgeschlossenen Zaun eingerahmt. "Hier fühlen wir uns nicht wohl", beschweren sich die jungen Frauen. Doch die Beschwerde allein hilft ihnen nicht, wenn sie nicht gehört und ernst genommen wird. Geäußert von einem Kind, muss eine Beschwerde weitere bisweilen unüberwindbare Hürden meistern.

Im Grundgesetz verankert

Das soll sich ändern. Der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen hat Deutschland aufgefordert, eine Beschwerdestelle für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Denn die Beschwerde ist ein im Grundgesetz verankerter Schutzmechanismus, der allen Teilen der Gesellschaft zugänglich sein muss.

Daher hat das Deutsche Institut für Menschenrechte Vertreterinnen und Vertreter von Kinderrechtsorganisationen, aus der Antidiskriminierungsarbeit, Ombudsstellen der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder- und Jugendbüros, Kinderbeauftragte, Jugendliche, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Verwaltungen oder auch Anwältinnen und Anwälte zur Konsultation "Beschwerden ermöglichen!" nach Berlin eingeladen. Im Zentrum stand die Frage: Wie kann sich ein Kind hierzulande effektiv beschweren?

Die Anwesenden waren sich einig: Erwachsene tun sich oft schwer damit, die Bedürfnisse von Kindern zu erfassen. Manchmal hören sie auch einfach nicht zu. Im Kreuzberger Theater im Aufbau Haus kamen am 16. November auch die Jugendlichen selbst zu Wort. Die Teilnehmenden diskutierten über mögliche neue Beschwerdemöglichkeiten und bereits vorhandene, sowie über die Einrichtung einer zentralen Stelle auf Bundesebene. In einem weiteren Punkt waren sie sich schnell einig: Für Kinder und Jugendliche ist es in Deutschland immer noch viel zu schwer, sich zu beschweren.

Ohne Erwachsene tut sich gar nichts

Ein Blick in die Praxis zeigte: die vorhandenen Beschwerdeverfahren sind oft alles andere als kindgerecht. Damit die zuständige Behörde das Anliegen eines Kindes überhaupt wahrnimmt, bedarf es eines erwachsenen Stellvertreters oder einer Stellvertreterin. "Sonst tut sich erstmal gar nichts", berichtete Claudia Kittel, Leiterin der Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention am Institut. Defizite würden sich dann auch oft im weiteren Beschwerdeverfahren zeigen. Kindgerecht seien Anhörungen einer Behörde nur dann, wenn sie an einem vertrauten Ort stattfänden und von geschulten Personen begleitet würden. Für das kindliche Zeitempfinden könne auch die oft unangemessene Länge eines Verfahrens eine enorme Belastung sein. Würden dann getroffene Entscheidungen den Kindern nicht verständlich erklärt, werde die erhoffte Unterstützung gar nicht als solche oder als nicht zufriedenstellend wahrgenommen, erklärte Kittel.

Schülerinnen und Schüler beschweren sich nicht – aus Angst vor schlechten Noten

Insbesondere an Schulen zeige sich oft die gefühlte Hilflosigkeit. An wen können sich die Schülerinnen und Schüler wenden, wenn sie ein Problem mit ihren Lehrern und Lehrerinnen haben? Viele der anwesenden Jugendlichen berichteten, dass sie sich aus Angst vor schlechten Noten nicht beschweren würden. "Wir wünschen uns einen unabhängigen Ansprechpartner", sagten die Jugendlichen, "die Vertrauenslehrerinnen und -lehrer helfen uns nicht - Kollegen halten doch zusammen".

Es fehle nicht an potenziellen Adressaten, denn es gebe zahlreiche Institutionen, die Kindern ihre Unterstützung anböten, waren sich die Anwesenden einig. Doch seien die bestehenden Einrichtungen oft zu wenig bekannt. Welches Kind wisse denn, was eine Ombudsstelle ist und wie man diese erreicht? „Und was, wenn dann wieder kein Erwachsener beratend zur Seite steht?“, ergänzte ein Teilnehmer.

"Warum nutzen wir nicht WhatsApp?"

Kontaktmöglichkeiten zu Beschwerdestellen sollten auch über Social Media und zum Beispiel über den Message-Dienst WhatsApp angeboten werden, schlugen Einzelne vor. So könne es den Kindern und Jugendlichen mit wenig Aufwand erleichtert werden, mit unbekannten Stellen den ersten Kontakt aufzunehmen.

Eines wurde deutlich: noch ist es nicht nur schwierig, sondern schlichtweg unüblich, dass Kinder Beschwerdeverfahren in Verwaltung oder Institutionen nutzen. Dabei, das wurde bei der Konsultation deutlich, ist die Möglichkeit der Beschwerde sehr wichtig, um Diskriminierung und Ungleichbehandlung abzubauen. Eine von der Gesellschaft vorgelebte Beschwerde- beziehungsweise Beteiligungskultur wäre hilfreich für Kinder.

Wer zuhört, kann konkrete Wünsche der Kinder wahrnehmen. Benötigt werden, so ein Fazit des Tages, Anlaufstellen vor Ort mit geschultem Personal, die zu kinderfreundlichen Zeiten geöffnet sind. Aber auch Verwaltungsschreiben, die für Kinder (und gerne auch für Erwachsene) verständlich formuliert sind.

Viele der Teilnehmenden freuten sich über die tollen Ideen und die Aufbruchstimmung im Aufbau Haus, andere wiederum blieben skeptisch: Kinder werden nicht gehört, wenn ihnen nicht genügend Ansprechpartner vor Ort zur Seite gestellt werden. Die Beschwerde aber muss nicht nur geäußert, sondern auch gehört werden. Wenn den diskutierten Plänen jetzt aber Taten folgen, besteht auch für die Berliner Schülerinnen wieder Hoffnung. Vielleicht hört sie dann jemand und reißt den Zaun ein.

(Magdalena Thiele, freie Journalistin, Mitglied von Jugendpresse Deutschland e. V.)

Foto-Galerie der Veranstaltung

News (24.11.2016): Beschwerdewege für Kinder und Jugendliche - noch gibt es viele Baustellen