"LGBTI-Diskriminierung bildet gesellschaftliche Strukturen ab" - Interview mit Ise Bosch zum Erscheinen der Studie "Just head-banging won't work"

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Eine Person sitzt in einer Ecke am Fenster; sie hält den Kopf schief und hat die Hände gefaltet.

Ise Bosch © Fin Porzner

"LGBTI-Diskriminierung bildet gesellschaftliche Strukturen ab" - Interview mit Ise Bosch zum Erscheinen der Studie "Just head-banging won't work"

Wie gestalten Organsiationen, die sich für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und intersexuellen Menschen (LGBTI) im Globalen Süden und Osten einsetzen, ihre Strategien, um gesellschaftlich verankerte Diskriminierung zu bekämpfen? Wie verknüpfen sie ihre Bemühungen mit dem internationalen Menschenrechtsdiskurs? Und wie können international Geber und Förderer sie dabei unterstützen, ohne sich gleichzeitig dem Vorwurf des "westlichen Werte-Imperialismus" auszusetzen? Diese und andere Fragen hat das Institut in einem auf mehrere Jahre angelegten Projekt untersucht. Die Ergebnisse hat Andrea Kämpf in ihrer Studie "Just head-banging won’t work.How state donors can further human rights of LGBTI in development cooperation and what LGBTI think about it" zusammengefasst.

Die Studie erklärt, warum staatliche Entwicklungszusammenarbeit LGBTI fördern sollte. Sie schildert, wie LGBTI-Aktivist_innen im Globalen Süden arbeiten, auf welche Herausforderungen sie stoßen und welche Erfahrungen sie beim Umgang mit Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit gemacht haben. Daneben umreißt sie die menschenrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands und seiner Partnerländer und untersucht, welchen Beitrag menschenrechtliche Instrumente wie Nationale Menschenrechtsinstitutionen und der UPR leisten können.

Ise Bosch von der Dreilinden gGmbH fördert seit langem die Arbeit von LGBTI-Aktivist_innen im Globalen Süden und Osten. Sie hat auch dieses Forschungsprojekt finanziert und damit ermöglicht.

Die neue Studie "Just head-banging won’t work" hat untersucht, wie Entwicklungszusammenarbeit gesellschaftlich stigmatisierte LGBTI-Gruppen im Globalen Süden besser unterstützen kann. Sie spricht dazu eine Reihe von Empfehlungen aus. Welche erscheint Ihnen besonders relevant?

Ise Bosch: Da fällt mir die Wahl schwer. Weil's so pragmatisch ist: die Empfehlung, "capacity building" zu fördern, also nicht Programme oder einzelne Projekte, sondern die institutionelle Ebene. Dies geht gegen die Regularien der meisten größeren Förderprogramme, ich weiß. Aber ich weiß auch aus nunmehr fast 20 Jahren Förderarbeit, dass wir uns selbst der Förder-Erfolge berauben, wenn wir nicht dafür sorgen, dass Einrichtungen vor Ort einigermaßen nachhaltig wirtschaften können. Dies ist sicher nicht anders bei anderen Themen! Nur, die LGBTI-Szene ist besonders prekär und marginalisiert. In diesem Umfeld kenne ich nur sehr wenig Fälle, wo es zu viel Fördergelder gab, aber viele Fälle, wo gute Akteur_innen nur von Projekt zu Projekt arbeiten können, anstatt gezielt vorwärts zu arbeiten. Das heißt, wenn schon Projektförderung, dann mit größtmöglicher Flexibilität.

Sie fördern seit langem Forschung im Bereich LGBTI-Rechte: Was ist das Ziel Ihrer Förderungen?

Ise Bosch: Ich möchte erreichen, dass mehr, und möglichst intelligent, gefördert wird. Viele potenzielle Akteur_innen sind jetzt in dem Stadium, in dem sie die Problemlage zwar irgendwie kennen, aber nicht wissen, was tun. Viele andere sehen da für sich kein Mandat, sie haben die Querschnitts-Relevanz von LGBTI-Verfolgung noch nicht erkannt. Mir geht es um beides: Bewusstsein dafür zu schaffen, dass beispielsweise Armutsbekämpfung oder Kinderrechte durchaus etwas mit sexueller Diversität zu tun haben. Den bereits Interessierten möchte ich gute (und schlechte) Praxis aufzeigen, nach Möglichkeit aus dem Blickwinkel der sogenannten Betroffenen. Diese Studie ist eine von sehr wenigen weltweit, die hier konkrete Informationen anbietet - ich freue mich sehr, dass sie fertig ist, und wünsche ihr große Verbreitung.

Worin sehen Sie das Spezielle des menschenrechtlichen Ansatzes bei der Förderung von LGBTI?

Ise Bosch:
LGBTI-Diskriminierung bildet gesellschaftliche Strukturen ab. Hier wird der Begriff der Menschenrechte über das rein Rechtliche hinaus ausgedehnt. Die Menschenrechte machen deutlich, dass die Bedarfe der Betroffenen eine Berechtigung haben, dass die Betroffenen zu Recht Ansprüche stellen können. Manchmal kann man mit strategischer Prozessführung zur Durchsetzung und Anerkennung der Rechte arbeiten, aber bei kritischen Themen wie LGBTI geht das nie, ohne dass gleichzeitig ein sozialer Wandel stattfindet. Gerade hörten wir das aus Kenia: Präsident Uhuru Kenyatta sagt öffentlich, die kenianische Gesellschaft sei nicht bereit für LGBTI-Gleichberechtigung. Ob das ein vorgeschobenes Argument ist, ob das auch seine Meinung ist oder nicht, beides bleibt offen. Menschenrechtlich, im klassischen Sinn, ist dieses Statement natürlich nicht akzeptierbar - denn auch die kenianischen Gesetze verbieten viele Formen von Diskriminierung. Gesellschaftlich ist das Statement aber ein guter Ansatzpunkt, denn es ist hinterfragbar. Hier beginnt die Arbeit von LGBTI-Akteur_innen vor Ort und ihren Alliierten: diese Aussage anzuzweifeln, sie zum Kippen zu bringen, bis sie nicht mehr als Vorwand dienen kann. Zwei Förderstrategien ergeben sich hieraus, eine rechtliche und eine zivilgesellschaftliche: Zum einen Förderung von strategischer Prozessführung, wo immer es lokalen Akteur_innen sinnvoll erscheint, zum anderen Unterstützung der Zivilgesellschaft vor Ort, insbesondere der LGBTI-Gruppierungen und ihrer Alliierten.

Ise Bosch
ist Gründerin und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH. Dreilinden fördert die gesellschaftliche Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt durch Mittelvergabe an bestehende Organisationen, durch Projektförderungen, durch soziale Investitionen, und durch Vernetzung.

Andrea Kämpf (2015): "Just head-banging won’t work. How state donors can further human rights of LGBTI in development cooperation and what LGBTI think about it"