"Gegenseitiger Respekt ist das Fundament einer freien Gesellschaft"

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Porträt

Prof. Dr. Beate Rudolf © DIMR/S. Pietschmann

"Gegenseitiger Respekt ist das Fundament einer freien Gesellschaft"

Interview mit Direktorin Beate Rudolf zum Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie (IDAHOT) am 17. Mai

Conchita Wurst hat den European Song Contest gewonnen – brauchen wir also überhaupt noch einen Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie?

Beate Rudolf: Leider ja. Denn Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LSBT) werden in vielen Staaten der Welt verfolgt und unterdrückt. Und auch in Deutschland ist es nicht überall möglich, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, in einem anderen Geschlecht zu leben oder die Geschlechtergrenzen zu überschreiten, wie es Thomas Neuwirth als Conchita Wurst tut. Immer noch erfahren Menschen, die sich outen, Ablehnung im Familien- oder Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder im Sportverein. In der Öffentlichkeit und im Internet erleben sie Beleidigungen, Hass und Gewalt. Der Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie sendet hier eine klare Botschaft: Jeder Mensch hat das Recht, seine sexuelle Orientierung und seine Geschlechtsidentität ohne Diskriminierung zu leben.

Wo sehen Sie in Deutschland den größten Handlungsbedarf?

Beate Rudolf: Den größten Handlungsbedarf sehe ich in der Schule. Denn nach einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur hält ein Großteil der schwulen, lesbischen und bi- oder transsexuellen Jugendlichen seine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität geheim. Dies geschieht aus Angst vor Mobbing, und diese Angst ist – wie die Studie ebenfalls zeigt – nur allzu berechtigt. Wenn es uns gelingt, in der Schule Akzeptanz für sexuelle Minderheiten und die Überschreitung von Geschlechtergrenzen zu wecken, dann ist auch der Grundstein dafür gelegt, dass in unserer Gesellschaft insgesamt die Diskriminierung von Leben, Schwulen, bi- und transsexuellen Menschen aufhört.

Wie kann das gelingen?

Beate Rudolf: Wir brauchen mehr Menschenrechtsbildung in der Schule! Denn bei der Förderung von Akzeptanz und Respekt vor dem oder der Anderen geht es darum, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass kein Mensch aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert werden darf. Übrigens auch nicht aufgrund einer Behinderung, seiner Religion oder Hautfarbe. Es geht darum, zu verinnerlichen, dass jede und jeder ein Recht darauf hat, frei von Gewalt und Furcht zu leben. Es geht nicht darum – wie jüngst in der öffentlichen Debatte fälschlicherweise vertreten wurde – Jugendliche zu indoktrinieren, bestimmte Lebensweisen zu propagieren und andere Lebensformen abzuwerten. Menschenrechtsbildung heißt vielmehr, die eigenen Wertvorstellungen am Maßstab der universellen Menschenrechte kritisch zu hinterfragen und zu lernen, die andere Person zu achten, auch wenn sie anders leben will, als man selbst. Dabei geht es nicht nur um den Respekt vor der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität eines anderen Menschen, sondern auch um den Respekt vor der Religion oder Weltanschauung des anderen. Dieser gegenseitige Respekt ist das Fundament einer freien Gesellschaft.