"Ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben für ältere Menschen sollte selbstverständlich sein"

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Dr. Claudia Mahler <br>© DIMR/<br>S. Pietschmann

"Ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben für ältere Menschen sollte selbstverständlich sein"

Ältere Menschen haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen – trotzdem sind sie häufig von Diskriminierungen, Vernachlässigung, seelischer Misshandlung oder physischer Gewalt betroffen. Die Rechte Älterer müssen deshalb effektiver geschützt werden. 2010 setzte die UN-Generalversammlung eine Arbeitsgruppe ein, um den Menschenrechtsschutz Älterer zu untersuchen und Verbesserungen zu diskutieren. Vom 21. bis 24. August trifft sich die Arbeitsgruppe zum dritten Mal in New York. Ein Interview mit Claudia Mahler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Menschenrechte, die am Treffen der UN-Arbeitsgruppe teilnimmt.

Welche Themen stehen beim diesjährigen Arbeitstreffen in New York im Mittelpunkt?
Claudia Mahler:
Die Arbeitsgruppe will den angestoßenen konstruktiven Dialog zwischen den Staatenvertretern und der Zivilgesellschaft weiter voran bringen. Diskutiert und analysiert werden dabei insbesondere die Themen Altersdiskriminierung, Autonomie und Gesundheitsversorgung, Leben in Würde und soziale Absicherung, Vernachlässigung und Gewalt sowie der Zugang zum Recht. In einer allgemeinen Diskussion wird sich die Arbeitsgruppe zudem mit Schutzlücken im Menschenrechtsschutz für Ältere befassen.

Die Rechte älterer Menschen werden weltweit und auf vielfältige Weise verletzt. Wie ist die Situation in Deutschland?
Ein großer Teil der älteren Menschen befindet sich in schwachen sozialen Positionen, so dass sie oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden – auch in Deutschland. Viele Ältere müssen ihr Leben in Armut verbringen und haben kaum Fürsprecher, die sich für sie einsetzen. Besonders heikel ist der Bereich der Pflege, in der oft über ältere Menschen bestimmt wird, ohne ihre Bedürfnisse zu respektieren. Und das, obwohl ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben in einem sozial so stark entwickelten Land wie Deutschland selbstverständlich sein müsste. Weiter ist der Wiedereinstieg am Arbeitsmarkt für Ältere oft mit großen Hürden verbunden, so dass sie hierzulande heute einen großen Anteil der Langzeitarbeitslosen ausmachen.

Warum reicht der bestehende Menschenrechtsschutz nicht aus, um ältere Menschen vor Diskriminierung und Gewalt zu schützen?
Bei älteren Menschen handelt es sich um eine besonders heterogene Gruppe. Wer dazu gehört und nicht, ist schwierig zu definieren; mit einer Zuordnung nur über eine Zahl an Lebensjahren wird man der Gruppe nicht gerecht. Auch für den Menschenrechtsschutz ist die Gruppe schwer sichtbar, Gefährdungslagen und Probleme werden kaum erkannt. Die aktuelle Debatte bei den Vereinten Nationen soll deshalb auch das Bewusstsein für Ältere schärfen. Sowohl Staaten als auch die Zivilgesellschaft sollen Ältere im Rahmen des bestehenden Menschenrechtsschutzes in den Fokus rücken.

Welche Möglichkeiten gibt es, um die Rechte Älterer besser zu schützen?
Als erstes muss auf der internationalen und nationalen Ebene eine genaue Analyse der Schutzlücken vorgenommen werden, und zwar sowohl bei der Umsetzung als auch bei den Normen. Es wäre wünschenswert, wenn Deutschland diese Aufgabe übernehmen könnte. Sind diese Lücken erkannt, könnte man einen für die Zielgruppe zugeschnittenen Lösungsansatz erarbeiten: Das könnte zum Beispiel eine ständige Überprüfung der Umsetzung der bestehenden Menschenrechte mit einen speziellen Fokus auf Ältere sein. Hilfreich wäre auch ein UN-Sonderberichterstatter, der im internationalen Vergleich gute Praxisbeispiele herausarbeitet. Den stärksten menschenrechtlichen Schutz würde eine Konvention mit einem speziell zugeschnittenen Fokus auf Ältere bieten.

Was erhoffen Sie sich vom Treffen der Arbeitsgruppe in New York?
Ich erwarte, dass die Diskussionen zu einer veränderten Haltung Deutschlands und der übrigen europäischen Staaten führen. Sie sollen ihre passive Haltung aufgeben, sich an den Verhandlungen beteiligen und sich aktiv für die Verbesserung des Menschenrechtsschutzes einsetzen. Im Weiteren erhoffe ich mir im Anschluss an die Arbeitsgruppe eine aktive Informationspolitik und Konsultationen mit und für die Zivilgesellschaft in Deutschland.

(Interview: Paola Carega)

Weitere Informationen:

aktuell 04/2012: Die Menschenrechte Älterer stärken

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