ECCHRD-Jahrestagung in Venedig: Menschenrechtsarbeit braucht verlässliche Informationen

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Aktuell > News >  ECCHRD-Jahrestagung in Venedig: Menschenrechtsarbeit braucht verlässliche Informationen

Bibliotheksangebote sollten auch für wohnungslose Menschen nutzbar sein © DIMR/Scheffer

ECCHRD-Jahrestagung in Venedig: Menschenrechtsarbeit braucht verlässliche Informationen

Methoden zur Überprüfung von Online-Inhalten auf Vertrauenswürdigkeit und ein besserer Zugang zu Informationen für wohnungslose und geflüchtete Menschen – dies waren nur zwei Themen auf der Jahrestagung des ECCHRD, dem europäischen Netzwerk von Menschenrechts-Bibliotheken und Dokumentationszentren.

Viele Menschen informieren sich heutzutage ausschließlich im Internet und über soziale Medien. Aber sind sie auch in der Lage, die gefundenen Informationen auf ihre Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit zu prüfen? Und wenn nicht, können Menschenrechtsbibliotheken dazu beitragen, die Informationskompetenz ihrer Nutzer_innen zu verbessern? Die Vorschläge der Tagungsteilnehmenden auf diese Fragen waren vielfältig und reichten vom Aufbau einer gemeinsamen digitalen Menschenrechtsbibliothek über Schulungsangebote zur menschenrechtlichen Internetrecherche bis hin zur Nutzung von Fact-Checking-Tools, wie sie derzeit für Presse- und Nachrichtenagenturen entwickelt werden. Die vielfältigen Ideen täuschten aber nicht darüber hinweg, dass es in den meisten Einrichtungen zu wenig Personal und Infrastruktur gibt, um neue größere Projekte wie eine gemeinsame Datenbank tatsächlich umzusetzen.

Kontinuierliche Verbesserung der Informationsrecherche - EGMR/HUDOC

Auch bereits bestehende Datenbanken von Menschenrechtsinstitutionen müssen kontinuierlich weiterentwickelt werden, um den gestiegenen Informationsbedürfnissen des Fachpublikums und der Öffentlichkeit gerecht zu werden. So wurde die Rechtsprechungsdatenbank HUDOC des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in den letzten Jahren mit verschiedenen Filtern versehen, die es ermöglichen, Suchanfragen zu verfeinern und Ergebnislisten weiter einzuschränken. Auf der Tagung wurde unter anderem gezeigt, wie nach Sprachversionen von Urteilen gesucht oder gefiltert werden kann. Zusätzlich zu den offiziellen Sprachen Englisch und Französisch sind seit 2012 auch Übersetzungen der EGMR-Entscheidungen in nicht amtliche Sprachen in HUDOC aufgenommen worden. Für deren Inhalt und Qualität übernimmt der Gerichtshof zwar ausdrücklich keine Gewähr, ihre Auffindbarkeit in der Datenbank führt aber zu einer verstärkten Wahrnehmung seiner Rechtsprechung in den betreffenden Ländern. In deutscher Sprache sind derzeit 1.036 Dokumente in HUDOC vorhanden. Die Übersetzungen von Entscheidungen, die Deutschland betreffen, erstellt in der Regel das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV).

Überbrückung der "digitalen Spaltung": Bibliotheksarbeit mit wohnungslosen Menschen

Die Begriffe "Digitale Spaltung" oder "Digitale Kluft" beschreiben Ungleichheiten beim Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien, sowohl im internationalen Vergleich als auch innerhalb von Gesellschaften. Bibliotheken können einen wichtigen Beitrag zur Überwindung dieser Spaltung leisten, indem sie zum Beispiel wohnungslosen oder geflüchteten Menschen den Zugang zu Informationen und Informationstechnologien ermöglichen. Anne Sieberns, Leiterin der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte, präsentierte auf der Tagung den englischsprachigen Entwurf eines Leitfadens zu Bibliotheksangeboten für Menschen, die dauerhaft oder zeitweise wohnungslos sind. Der Entwurf wurde von einem Ausschuss des Internationalen Bibliotheksverbands IFLA erarbeitet. Der Ausschuss betrachtet diese Aufgabe von Bibliotheken auch aus einer menschenrechtlichen Perspektive. Gleichzeitig sieht er darin einen Beitrag zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen und ihrem zentralen Prinzip des „Niemanden zurücklassen“. Der Leitlinien-Entwurf (Draft Guidelines on Library Services for People Experiencing Homelessness) kann seit Mitte April auf der Website des Internationalen Bibliotheksverbands IFLA abgerufen und kommentiert werden.

Das ECCHRD ist ein 1981 gegründetes, offenes Netzwerk europäischer Menschenrechts-Bibliothekar_innen und -Informationsspezialist_innen. Das Netzwerk trifft sich in der Regel einmal jährlich zum Austausch über neue fachliche und technische Entwicklungen. In diesem Jahr hatte die Bibliothek des Europäischen Interuniversitären Zentrums für Menschenrechte und Demokratisierung (EIUC) am 20./21. April nach Venedig eingeladen. Die Bibliothek des DIMR nimmt seit 2003 regelmäßig an den Jahrestagungen teil.
(A. Sieberns)