"Den Blick weit in die Welt": 350 Besucher_innen bei der Langen Nacht des Menschenrechts-Films

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Der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben; er prämiert herausragende Film- und Fernsehproduktionen, die Menschenrechte thematisieren © Deutscher Menschenrechts-Filmpreis

"Den Blick weit in die Welt": 350 Besucher_innen bei der Langen Nacht des Menschenrechts-Films

Die diesjährigen Preisträgerfilme des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises richten "den Blick weit in die Welt", begrüßt Marko Junghänel, Gesamtkoordinator des Wettbewerbs, am 17. Januar die rund 350 Besucher_innen der Langen Nacht des Menschenrechts-Films in der Berliner Kulturbrauerei. Die Filme handeln von jugendlichen Flüchtlingen in Deutschland, von den 43 verschwundenen Lehramtsstudenten in Mexiko, kriegerischen Auseinandersetzungen und Vergewaltigungen in der Zentralafrikanischen Republik und einer indischen Taxifahrerin, die um Selbstbestimmung kämpft. Die Filme thematisieren Menschenrechte wie das Recht auf Asyl, das Recht auf Leben und Freiheit, das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit und freie Berufswahl, aber auch zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, die Verschleppungen, kriegerische Auseinandersetzungen und Diskriminierung mit sich bringen.

"Morgenland" von Sonja Elena Schroeder, Luise Rist, Hans Kaul und Thomas Kirchberg

"Wo kommst du her?", "Wo gehst du hin?", "Warum redest du nicht?": So beginnt der Preisträgerfilm der Kategorie "Amateure". Er zeigt die Mitglieder eines Göttinger Theaterkollektivs bei Rollenspielen – jugendliche Geflüchtete aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia. Und Göttinger Jugendliche, deren Eltern vor 16 Jahren aus dem Kosovo geflüchtet sind. "Warum habe ich keinen deutschen Pass? Das ist peinlich!", sagt eines dieser Mädchen in perfektem Deutsch.

"Drei Jahre habe ich meine Familie nicht gesehen. Ich vermisse meine Familie." "Das Boot sah von Anfang an so aus, als würde es kaputt gehen. Ich wollte nicht einsteigen, aber es war zu spät." "Ich bin durch die Sahara gegangen. Es gibt keine Straßen, es gibt nur Sand. Ich wasche jeden Tag den Sand von meinem Körper ab." Klar wird: Die Jugendlichen haben viel erlebt. Zu viel? Ein leeres Blatt Papier, eingespannt in eine Schreibmaschine, symbolisiert die "Unfähigkeit, das Gewesene zu bündeln als erzählerisches Element", erklärt Hans Kaul, eine_r der Macher_innen von "Morgenland". Ihre Zukunft? Ungewiss. Ein Protagonist: "Um eine Geschichte zu schreiben, muss man wissen, wie sie ausgeht, oder?"

Dennoch lassen sich die Jugendlichen auf Deutschland ein, führen Dialoge in ihren Muttersprachen und auf Deutsch. Nach dem Motto "Wir müssen nach vorne denken, nicht zurück!" inszenieren die Jungen ihre Lieblingsberufe Taxifahrer, Polizist, Automechaniker, Arzt und Politiker, teils zusammen mit Menschen, die diese Berufe bereits ausüben. Und beide Seiten haben dabei eine Menge Spaß. Ob die Jugendlichen bleiben können und ob sich ihre Träume erfüllen, ist ungewiss. Aber sie machen das Beste aus ihrer Situation: "Aber jetzt lebe ich, ich bin hier und ich lebe jetzt" singt einer in seiner Muttersprache. Und ein anderer: "Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind."

"Esperanza 43" von Oliver Stiller

Das Schicksal der 2014 in der mexikanischen Stadt Iguala verschleppten 43 Lehramtsstudenten ging um die Welt. Bis heute ist der Verbleib der jungen Männer ungewiss, ihre Leichen wurden nie gefunden. Wie kann ein Fall ohne die Opfer abgeschlossen werden? Und warum "Esperanza" – "Hoffnung"? Wie gehen die Bewohner_innen der Stadt Iguala, die Kommilitonen und vor allem die Angehörigen mit dem Geschehenen um? "Menschen, die jemanden verloren haben, werden immer fragen und suchen, bis sie die Wahrheit kennen", betont Oliver Stiller, Gewinner der Kategorie Kurzfilm.

In Momentaufnahmen zeigt Stillers Dokumentarfilm, der spontan in nur vier Drehtagen entstand, kurze Einblicke in das Leben in Iguala "danach" und wie die Menschen vor Ort die Erinnerung an die Verschwundenen aufrechterhalten. Die Schilderungen von Ernesto, einem überlebenden Kommilitonen, an verschiedenen Orten rund um die Universität liefern einen Eindruck vom studentischen Alltagsleben vor der Verschleppung. Erklärungsversuche liefert der Film nicht, wie sollte das auch möglich sein? Dennoch: "Die Geschichte muss weiter erzählt werden", betont der Moderator des Abends Knut Elstermann. So hält der Film die Erinnerung an die 43 Studenten aufrecht: mit den Momentaufnahmen aus Iguala und mit den Schwarzweißfotos der jungen Männer im Abspann des Films. Den Angehörigen – betont Stiller – ist diese Erinnerung wichtig, gerade auch im Ausland. Sie hoffen weiter, dass die Studenten eines Tages wieder auftauchen werden. Und sie hoffen auf Gerechtigkeit.

"Cahier Africain" von Heidi Specogna

Das "Cahier Africain" steht im Zentrum des gleichnamigen Preisträgerfilms der Kategorie Langfilm. Das "Afrikanische Heft" – äußerlich ein gewöhnliches Schulheft – protokolliert mit eingeklebten Ausweisfotos und handschriftlichen Einträgen, was Frauen, Kindern und Männern 2002 in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, bei kriegerischen Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan wurde. "Das Heft ist im Nachhall dieses Verbrechens entstanden, als die Opfer nicht verstummen wollten, sondern sich einander zuwandten und entschieden, gemeinsam Zeugnis abzulegen, um einen Beweis für die erlittene Gewalt zu schaffen. Seither hat mich dieses Heft nicht mehr losgelassen", erklärt eine Stimme am Anfang des Films.

Von 2008 bis 2015 trifft Heidi Specogna immer wieder Menschen aus dem "Cahier Africain", darunter die junge Muslimin Amzine, ihre aus einer Vergewaltigung hervorgegangene Tochter Fane und das christliche Mädchen Arlette. Nach einem erneuten Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik handelt der Film nicht wie ursprünglich geplant von Traumabewältigung. Aus ihren unterschiedlichen Lebensperspektiven geben die drei Protagonistinnen Einblicke, wie sie mit dem Bürgerkrieg, den Vergewaltigungen und der Vertreibung umgehen.

Zeugnis ablegen und einen Beweis für die erlittene Gewalt schaffen: Das "Cahier Africain" wird geöffnet und schließlich wieder geschlossen. Dazwischen holt der Film in grandiosen Aufnahmen und mit stets respektvollem Blick für die Würde der Opfer das Geschehene aus dem Dunkel der Gegenwartsgeschichte, gibt den Betroffenen über die Grenzen Afrikas hinaus eine Stimme. Ob es das Heft "Cahier Africain" mit seinen vielen Einzelschicksalen als Beweismittel bis in den Den Haager Gerichtssaal zum Kriegsverbrecherprozess gegen Jean-Pierre Bemba, den früheren Vizepräsidenten der Demokratischen Republik Kongo, schaffen wird? Während des Drehs bleibt die Frage offen, doch 2016 verurteilt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Bemba zu 18 Jahren Haft wegen Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden durch seine Truppen in der Zentralafrikanischen Republik in den Jahren 2002 und 2003.

"Where to, Miss?" von Manuela Bastian

 "Früher nannten mich alle Tochter von Harishchandra. Nach der Hochzeit nannten sie mich Frau von Badri. Heute werde ich nur noch Aayushs Mutter genannt. Dabei möchte ich einfach nur Devki sein." bringt die Protagonistin von "Where to, Miss?", Preisträger der Kategorie Hochschule, ihren Konflikt in einem Indien zwischen Tradition und Moderne auf den Punkt. Drei Jahre lang begleitet Manuela Bastian Devki, deren Traum es ist, ein Taxi für Frauen zu fahren und für deren sicheren Heimweg zu sorgen. Wir sehen Devki zuhause in Delhi bei ihren Eltern, in der Fahrschule, beim Selbstverteidigungskurs, als frisch ausgebildete Taxifahrerin. Wir erleben ihre Hochzeit, den Umzug aufs Land zu den Schwiegereltern und ihr Leben als Mutter.

Die drei Kapitel des Films reflektieren eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft: "Vater", "Ehemann", "Sohn". "Eine indische Frau gehört erst ihrem Vater, dann ihrem Ehemann und dann ihrem Sohn", erzählt die Regisseurin. Wir erleben Devkis Alltag, ihren stetigen, aufrechten, mal humorvollen und mal verzweifelten Kampf um ein selbstbestimmtes Leben jenseits der Rollenbilder Tochter, Ehefrau und Mutter. Trotz aller Widerstände findet Devkis Gratwanderung zwischen Unterordnung und Selbstbestimmung, zwischen finanzieller Abhängigkeit und dem Streben nach einem eigenem Einkommen ein gutes Ende: Devki arbeitet als Taxifahrerin in Delhi. Und kämpft nach wie vor um das Verständnis von Vater, Ehemann und Schwiegervater.

Weitere Filmvorführungen

Bis Juni 2017 sind weitere Vorführungen der Preisträger-Filme in München, Stuttgart, Frankfurt/Main, Zürich und Wien geplant. Die Termine stehen auf der Website des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises.

Veranstaltende

Der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben und prämiert herausragende Film- und Fernsehproduktionen, die Menschenrechte thematisieren. Veranstaltet wurde die diesjährige Lange Nacht des Menschenrechts-Films vom Deutschen Institut für Menschenrechte, Amnesty International, der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland, dem Deutschen Anwaltverein, der Deutschen UNESCO-Kommission, dem Deutschen Jugendherbergswerk, der Evangelischen Medienzentrale Bayern, der Stiftung Journalistenakademie, dem Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg, der Katholischen Medienzentrale in Bayern, der Konferenz der Landesfilmdienste e. V., dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg, missio, Mission EineWelt und 1219. Religions- und Kulturdialog e. V.

(K. Krell)

Website des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises