"Das Ziel ist der gleichberechtigte Zugang zu Information und Literatur"

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Portraitaufnahme von Elke Dittmer

Elke Dittmer © Stiftung Centralbibliothek für Blinde/Norddeutsche Blindenhörbücherei e. V.

"Das Ziel ist der gleichberechtigte Zugang zu Information und Literatur"

Ein Interview mit Elke Dittmer, Geschäftsführerin der Blindenbibliotheken in Hamburg

Seit über 100 Jahren produzieren und verleihen Blindenbibliotheken in Deutschland Literatur in Formaten, die für blinde und schwer sehbehinderte Menschen zugänglich sind. Nach wie vor ist aber die Anzahl der Bücher in diesen barrierefreien Formaten sehr gering. Auch in öffentlichen Bibliotheken, die eigentlich allen Menschen offen stehen sollten, gibt es bislang noch zu wenig Angebote für Menschen mit Behinderungen. Aus Anlass des Tags der Bibliotheken am 24. Oktober sprachen wir mit Elke Dittmer, Geschäftsführerin der Blindenbibliotheken in Hamburg, über den barrierefreien Zugang zu Literatur und die anstehende Umsetzung des Vertrags von Marrakesch in Deutschland.

Frau Dittmer, seit vielen Jahren setzen Sie sich national und international dafür ein, dass mehr Literatur in barrierefreien Formaten zugänglich ist. Was genau sind barrierefreie Formate?

Elke Dittmer: In der heutigen vielfältigen Medienwelt gibt es nicht das eine richtige barrierefreie Format für alle Menschen. Wichtig sind daher Wahlmöglichkeiten: gedruckte Bücher, Bücher in Brailleschrift, Hörbücher im DAISY-Format, E-Books mit Sprachsynthese und flexibler Schriftvergrößerung.

Die Frage des richtigen Formats hängt vielmehr von dem einzelnen Menschen ab - ob mit oder ohne Behinderung - und seinen individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Der Leser möchte Literatur zum Kauf oder zur Ausleihe leicht und selbstständig finden können, Zugang zu den gleichen Informationen zur gleichen Zeit und zum gleichen Preis, ein ansprechendes Leseerlebnis mit Augen, Ohren oder Fingern mit einer Lesetechnologie, die leicht zu benutzen und bezahlbar ist.

Sie sind Geschäftsführerin der Norddeutschen Blindenhörbücherei e. V. und der Stiftung Centralbibliothek für Blinde. In den Blindenbibliotheken in Deutschland können sich sehbehinderte und blinde Menschen kostenlos Hörbücher, Braille-Bücher und Hörfilme ausleihen. Warum gibt es dieses Angebot nicht in den Öffentlichen Bibliotheken?

Blindenbibliotheken sind seit Jahrzehnten berechtigt, die kostenfreie Blindensendung der Deutschen Post AG zu nutzen. Damit werden Bücher und CDs durch den Postboten direkt zum Nutzer an die Haustür geliefert. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen ist es meist schwierig, die öffentliche Bücherei - so es eine im Ort gibt - überhaupt aufzusuchen und sich dort zurechtzufinden.

Die Verleihmedien werden von den Blindenbibliotheken selbst produziert. Bis 2003 musste für jeden einzelnen Titel beim Verlag eine Lizenz eingeholt werden. Seit 2004 gilt Paragraf 45a des Urheberrechtsgesetzes, der eine Ausnahmeregelung für behinderte Menschen darstellt. Nicht-kommerzielle Einrichtungen können demnach Bücher barrierefrei aufbereiten und an blinde und sehbehinderte Menschen verleihen. Dem Urheber steht dafür eine Gebühr zu, die über die Verwertungsgesellschaft WORT erhoben wird. Unser Dachverband, die Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V., hat dazu einen Wahrnehmungsvertrag mit der VG WORT geschlossen.

Im September 2016 trat der Vertrag von Marrakesch in Kraft, ein völkerrechtlicher Vertrag, der den Zugang zu Literatur für Menschen mit Lese- und Sehbehinderungen erleichtern soll. Was macht den Vertrag so bedeutend?

Der Vertrag ist im Rahmen der Welturheberrechtsorganisation WIPO einmalig. Inhaltlich dient er dazu, dass Bücher für Menschen mit Lese- und Sehbehinderungen rechtlich einfacher in barrierefreie Formate überführt und auch über Ländergrenzen hinweg ausgeliehen werden können. Das Urheberrecht hingegen gilt nur national und sieht einen "Export" von Büchern nicht vor. Aufgrund der Sprachenvielfalt ist es aber erforderlich, Bücher in vielen Sprachen erhalten und austauschen zu können. Da die Zahl der Bücher in Brailleschrift und als Hörfassung weltweit sehr gering ist, ermöglicht der Austausch über Grenzen eine deutliche Verbesserung des Titelangebots für die berechtigten Nutzer und Bibliotheken.

Nach der im Juni 2017 erlassenen EU-Gesetzgebung muss der Vertrag nun in deutsches Recht überführt werden. Wie werden sich die neuen Regelungen auf die Arbeit der Blindenbibliotheken auswirken?

Zunächst einmal wird das Titelangebot deutlich vielsprachiger und umfangreicher sein und damit können mehr Nutzer erreicht werden. Durch den Weltverband der Blindenbibliotheken, das DAISY Consortium, bestehen bereits gute Kontakte zu den Einrichtungen, die alle im sogenannten DAISY-Format produzieren. Daher sind keine technischen Anpassungen unsererseits nötig, um unseren Nutzern diese Hörbücher anbieten zu können.

Darüber hinaus sind nach entsprechender Änderung des deutschen Urheberrechts nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen nutzungsberechtigt, sondern auch Menschen, die ein Buch nicht halten können oder aufgrund einer anderen Behinderung Standardformate nicht lesen können. Erreicht werden diese neuen Nutzergruppen dann über das Download-Angebot, das bereits jetzt aufgrund einer vertraglichen Vereinbarung mit der VG WORT für seheingeschränkte Nutzer möglich ist.

Wird die Umsetzung des Vertrags auch dazu führen, dass zukünftig öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken mehr Literatur in barrierefreien Formaten bereitstellen werden?

Diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten, weil noch nicht klar ist, wie zukünftig der Paragraf 45a UrhG formuliert sein wird. Unklar ist zum Beispiel noch, welche Einrichtungen die urheberrechtliche Ausnahmereglung in Zukunft nutzen dürfen und strittig ist auch, ob weiterhin Titel gemeldet werden müssen und Gebühren an Verwertungsgesellschaften zu entrichten sein werden. Die Konsultationen dazu haben gerade erst begonnen.

Das Ziel soll natürlich sein, dass Menschen mit Seh- oder Lesebehinderungen gleichberechtigten Zugang zu deutlich mehr barrierefreier Literatur ohne zusätzliche finanzielle Belastungen haben.

Barrierefreie Formate sind ja nur ein Aspekt von Barrierefreiheit. Um Bibliotheken nutzen zu können, müssen deren Angebote auch für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich sein. Worauf müssen Bibliotheken achten, um einen inklusiven und gleichberechtigten Zugang gewährleisten zu können, wie ihn die UN-Behindertenrechtskonvention fordert? 

In der eigenen Bibliothek sind drei Aspekte zu überprüfen: 1. Hinkommen: Erreichbarkeit des Gebäudes mit ÖPNV, Leitstreifen, Markierung von Hindernissen und Treppenstufen, Parkmöglichkeit, Behindertenparkplatz, Taxistand. 2. Reinkommen: Stufenloser Eingang und breite Eingangstür. 3. Zurechtkommen: Deutliche und kontrastreiche Beschilderung und Beleuchtung, großer Fahrstuhl mit Ansage der Etagen und großen taktilen Tasten, breite Gänge und Türen, WLAN, Angebot der Assistenz beim Suchen und Finden des Bibliotheksangebots.

(Das Interview führte Anne Sieberns)

Elke Dittmer ist seit 1989 Geschäftsführerin der "Stiftung Centralbibliothek für Blinde" und der "Norddeutschen Blindenhörbücherei e. V." in Hamburg. Sie ist Vorsitzende des Dachverbandes der Blindenbibliotheken im deutschsprachigen Raum, "Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V.". 

Weiterführende Links:

Blindenbibliotheken in Deutschland:
Die Angebote der Norddeutschen Büchereien für blinde und sehbehinderte Menschen sind auf deren Website zu finden.

Die Deutsche Zentralbibliothek für Blinde (DZB) in Leipzig ist Deutschlands älteste öffentliche Blindenbücherei (gegründet 1894).

Die Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V. (MediBuS) vertritt die Interessen der deutschen Blindenbibliotheken und ihrer Nutzer_innen.

Barrierefreie Formate:
Die Website www.grenzenloslesen.de des Projekts "Design für Alle in digitalen Bibliotheken" gibt einen Überblick über barrierefreie digitale Formate wie PDF-, EPUB3-, HTML-Dateien etc.

Die Website leserlich bietet Leitlinien und eine Anleitung für die Lesbarkeit von Schriften.

Zur Umsetzung des Marrakesch-Vertrags in Deutschland:
Deutsches Institut für Menschenrechte (2017): Mehr Literatur in barrierefreien Formaten. Die Umsetzung des Vertrags von Marrakesch soll Menschen mit Lese- und Sehbehinderungen den Zugang zu Literatur erleichtern

Position der Monitoring-Stelle UN-BRK zum Vertrag von Marrakesch