"Das Bild vom Kind hat sich in den letzten 25 Jahren gewandelt"

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Aktuell > News >  "Das Bild vom Kind hat sich in den letzten 25 Jahren gewandelt"
Collage aus zwei Porträts lächelnder Frauen

Jana Frädrich (l.) und Claudia Kittel © Constanze Wild (l.), Marion Koell

"Das Bild vom Kind hat sich in den letzten 25 Jahren gewandelt"

Interview mit Jana Frädrich, Vorstandsmitglied und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinderinteressen e. V., und Claudia Kittel, Leiterin der Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention

Am 3. April, einen Tag vor der Festveranstaltung anlässlich 25 Jahren UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland, trifft sich die Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention zu einem Austausch mit der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Kinderinteressen e. V. Im Fokus des Treffens steht der Aufbau eines Beschwerdemanagements für Kinder und Jugendliche. Wir sprachen vorab mit Jana Frädrich und Claudia Kittel.

Frau Kittel, Sie haben die BAG Kinderinteressen für eine Konsultation nach Berlin eingeladen. Was erhoffen Sie sich von diesem Treffen?

Claudia Kittel:
Ich erhoffe mir von der Konsultation, dass wir gemeinsam Ideen entwickeln, wie wir uns miteinander vernetzen können. Als Monitoring-Stelle begleiten und bewerten wir die Verwirklichung der Kinderrechte. Dazu schauen wir uns Gesetze an und wollen natürlich auch wissen, was Kinder und Jugendliche selbst über die Umsetzung der Kinderrechte denken. Wir können aber nicht alle Kinder in Deutschland befragen. Dazu fehlen uns schlichtweg die Ressourcen. Hier kommt die BAG Kinderinteressen ins Spiel: Ihre Mitglieder – zum Beispiel Kinderbeauftragte und Kinderbüros - können uns aus ihrer Arbeit im direkten Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen berichten. Sie können uns die Probleme schildern, mit denen sich Kinder an sie wenden, über Beteiligungsmöglichkeiten aufklären, die es in ihrer Kommune gibt, und von den Erfahrungen erzählen, die sie mit der Beratung und Fortbildung von Fachkräften haben. Sprechen sollten wir auch darüber, wie wir erreichen können, dass Kinder und Jugendliche auf kommunaler Ebene mehr Anlaufstellen vorfinden. Heute sind in der BAG Kinderinteressen gerade einmal rund 100 Kinderinteressenvertretungen zusammengeschlossen – und ich befürchte, dass es landesweit nicht viel mehr gibt. Angesichts der rund 11.000 Kommunen in Deutschland sind das noch viel zu wenige Anlaufmöglichkeiten.

Frau Frädrich, die BAG Kinderinteressen bündelt und vertritt die Interessen der Kinder auf kommunaler Ebene. Was sind Ihre Erwartungen an den Austausch mit der Monitoring-Stelle?

Jana Frädrich:
Wir freuen uns sehr über diese Einladung! Uns ist wichtig, dass in die konzeptionelle Entwicklung eines Beschwerdemanagements die kommunalen Interessenvertretungen einbezogen sind. Denn hier, in den Kommunen, leben die Kinder und Jugendlichen, hier besuchen sie Bildungseinrichtungen, gestalten ihre Freizeit und ihren Alltag. Und hier spüren sie zuerst, ob die Kinderrechte ernst genommen werden – oder eben nicht. Vor Ort brauchen sie auch Ansprechpersonen ihres Vertrauens, wenn sie sich beschweren wollen. Oder Ombudspersonen, die ihnen im Beschwerdefall zur Seite stehen.

Im Fokus des Treffens steht der Aufbau eines Beschwerdemanagements für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Was ist darunter zu verstehen?

Kittel:
Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat sich in einem Kommentar dafür ausgesprochen, dass es in jedem Staat, der die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert hat, unabhängige Kinderrechts-Institutionen geben soll. Die Idee ist, dass jedes Kind eine Stelle kennt, an die es sich wenden kann, wenn seine Rechte verletzt werden. Der Ausschuss hält weiter fest, dass diese Stellen für alle Kinder räumlich und tatsächlich zugänglich sein und eine direkte Beteiligung ermöglichen sollen. In Deutschland gibt es zwar diverse Unterstützungsangebote für Kinder – doch sind diese in ganz unterschiedliche Strukturen eingebettet. Selbst Fachkräfte finden sich hier nicht einfach zurecht – ganz zu schweigen von den Kindern selbst.

Frädrich: Wir haben in unseren Qualitätsstandards für kommunale Kinderinteressenvertretungen empfohlen, ein alters- und zielgruppendifferenziertes Beschwerdemanagement sowie unabhängige Ombudsstellen einzurichten. Sie sollen offen sein für alle kinderrechtsrelevanten Beschwerden. Unsere Vision ist, dass alle Kinder und Jugendlichen in ihrem Lebensumfeld die Möglichkeit haben sollen, sich beschweren zu können. Denn wir gehen davon aus, dass für viele Kinder der Weg zu einer bundesweiten Stelle viel zu weit und zu kompliziert wäre.

Inwiefern können sich die Monitoring-Stelle KRK und die BAG hinsichtlich eines solchen Beschwerdemanagements gegenseitig ergänzen?

Frädrich:
Wir sind Expertinnen und Experten in unterschiedlichen Bereichen: Während Kinderbüros und Kinderbeauftragte Brücken zwischen kommunaler Politik beziehungsweise Verwaltung und den Kindern und Jugendlichen bauen, bietet die Monitoring-Stelle eher die bundesweite Perspektive und Expertise. Wenn wir diese beiden Blickwinkel in einen gemeinsamen Entwicklungsprozess einbringen, können alle profitieren. Denn auf diese Weise stellen wir sicher, dass Individualbeschwerdemöglichkeiten auch wirklich von allen Kindern und Jugendlichen alters- und entwicklungsgerecht niederschwellig wahrgenommen werden können. Ich gehe außerdem davon aus, dass die Beschwerden aus den Städten,  Gemeinden und Landkreisen gebündelt dazu beitragen können, dass die bundesweite Monitoring-Stelle diese auswertet und entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Kinderrechte in Deutschland vorschlagen kann. Bislang haben wir so durchlässige und systematische Strukturen nicht.

Kittel: Die BAG Kinderinteressen hat 2015, noch bevor die Monitoring-Stelle eingerichtet wurde, Qualitätsstandards für kommunale Kinderinteressenvertretungen veröffentlicht. Als Monitoring-Stelle wollen wir an deren Weiterentwicklung mitwirken. Denn schließlich stellen sie eine wichtige Hilfestellung dar, wenn eine Kommune eine Kinderinteressenvertretung ins Leben rufen möchte. Wenn Verantwortungsträger_innen im kommunalen Raum hier aktiv werden, dann brauchen sie Argumente, warum das sinnvoll und notwendig ist und auch eine Vorstellung davon, was sie überhaupt etablieren sollen.

Das Motto der BAG heißt "Türen öffnen!". Welche Türen sind denn Kindern und Jugendlichen in Deutschland heute noch versperrt?

Frädrich:
Da fallen mir einige ein. Vielleicht als wichtigste: Kinder und Jugendliche müssen noch sehr viel stärker und professioneller beteiligt werden. Dies scheitert bislang – so meine Wahrnehmung – nicht am Interesse oder Engagement der Kinder und Jugendlichen. Ganz im Gegenteil. Eher wir als Erwachsene müssen uns da weiter öffnen und Partizipation sinnvoller und folgenreicher ermöglichen. Von den Kindern und Jugendlichen selbst hören wir immer wieder, dass sie sich wünschen, die Schulen noch stärker für die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu sensibilisieren.

Kittel: Aus meiner Sicht ist das eindeutig eine Tür, auf der "Einfluss nehmen" steht.
Kinder dürfen heutzutage in so vielen Bereichen noch nicht mitreden – selbst wenn es um etwas geht, das sie direkt betrifft. Kinder können zum Beispiel keinen Einfluss auf die Lehrpläne in der Schule nehmen. Und selbst da, wo es ihnen rechtlich zusteht, etwa wenn sich die Eltern trennen, wird der Meinung der Kinder nur selten "Gehör geschenkt", geschweige denn "Gewicht verliehen" – wie es so schön im Wortlaut von Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention heißt.

Deutschland feiert gerade 25 Jahre UN-Kinderrechtskonvention. Im April wird es dazu einen Festakt geben, den Familienministerin Manuela Schwesig eröffnet. Gibt es wirklich so viel zu feiern?

Kittel:
Ja, eindeutig! Denn das Bild vom Kind hat sich in diesen 25 Jahren sehr gewandelt – weg vom Objekt der Erziehung hin zu einem Menschen, den man von klein auf ernst nimmt und respektiert. Eheliche und nicht eheliche Kinder sind in Deutschland gleichgestellt, wir haben ein Kinder- und Jugendhilfegesetz, das Kinder und Jugendliche in Krisen auf vielerlei Weise unterstützt, und wir haben ein Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Nahezu alle Landesverfassungen bekennen sich zu den Kinderrechten und in einigen wenigen Gemeindeordnungen gibt es sogar eine Muss-Bestimmung zur Beteiligung.

Frädrich: Wir freuen uns sehr über das Engagement von Ministerin Schwesig. Ihre Wertschätzung der Kinderrechte ist wichtig. Die Kinderrechte in Deutschland feiern? Ja, denn wir haben schon manches erreicht. Und nein, denn es gibt noch viel zu tun!

Wenn Sie die nächsten 25 Jahre vor sich sehen: was sind die größten Baustellen, die Deutschland angehen muss, um die Anforderungen der Konvention noch besser zu erfüllen?

Frädrich:
Neben den bereits genannten Baustellen stelle ich mir vor, den Artikel 3 noch besser und für Kinder und Jugendliche wirklich spürbar mit Leben zu füllen: Das Wohl des Kindes - oder wie es im Englischen treffender heißt, „the best interests of the child“ - bei allen Maßnahmen vorrangig zu berücksichtigen. Eine große Herausforderung - auch für kommunale Kinderinteressenvertretungen!

Kittel:
Vor allem gilt es, allen Kindern in Deutschland Zugang zu ihrem Recht zu verschaffen. Die vorhandene gute rechtliche Grundlage – vielleicht noch ausgeweitet um die Aufnahme der Kinderrechte in unser Grundgesetz – sollte für jedes Kind, das sich auf deutschem Hoheitsgebiet befindet, zugänglich sein – unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, dem Status seiner Eltern oder sonstigen Bedingungen. Ich sehe hierin – so wie es Artikel 5 der Konvention vorgibt - eine wichtige Aufgabe für uns Erwachsene. Eltern aber auch andere Erwachsene sollen das Kind bei der Ausübung seiner in dem Übereinkommen anerkannten Rechte leiten und führen. Ich stelle mir vor, dass in 25 Jahren jedes Kind weiß, wo die Kinderrechte „zu Hause“ sind, wo es also Gehör findet und sich beschweren kann. Ob dieses Zuhause nun ein Kinderbüro ist, eine Jugendgruppe oder ein_e Kinderbeauftragte_r, ist eigentlich egal.

Ein Netzwerk für kinderpolitische Arbeit

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Kinderinteressen e. V. gründete sich im Dezember 2010 in Berlin als Netzwerk und setzt ihre Arbeit seit Juni 2016 durch Gründung eines Vereins fort. Das Netzwerk hat derzeit mehr als 50 aktive Mitglieder aus ganz Deutschland, darunter Kinder- und Jugendbüros, Kinderkommissionen und Kinderbeauftragte von Ländern und Kommunen. Die BAG Kinderinteressen möchte den kollegialen Austausch intensivieren, Standards und Arbeitshilfen entwickeln und gemeinsam Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Zu ihren Zielen gehört es, dass Städte und Gemeinden gute Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Kinder-, Jugend- und Familienpolitik schaffen und erhalten. Der Fokus liegt dabei auf der kinderpolitischen Arbeit und auf der Partizipation von Kindern und Jugendlichen (Artikel 12 UN-KRK). Als wichtige Grundlagen dienen dem Verein die UN-Kinderrechtskonvention sowie die Ergebnisse des "Nationalen Aktionsplans für ein kindergerechtes Deutschland 2005-2010" (NAP).

(P. Carega)