"Behinderung ist nur eine Eigenschaft – wie rote Haare" - Lesung im Institut

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v. l.: Lilian Masuhr und Ninia Binias vom Projekt Leidmedien.de © DIMR/I. Scheffer

"Behinderung ist nur eine Eigenschaft – wie rote Haare" - Lesung im Institut

An der Langen Nacht der Bibliotheken in Berlin am 24. Oktober beteiligte sich auch das Deutsche Institut für Menschenrechte. Die Bibliothek lud zu einem "Streifzug durch die behindernde Sprache" ein: Lilian Masuhr und Ninia Binias vom Projekt  Leidmedien.de lasen Texte, die Anregungen geben für einen nicht-diskriminierenden Umgang mit Behinderung in der Sprache.

Menschen mit einer Behinderung sind an ihren Rollstuhl "gefesselt", sie leben in einer "anderen Welt", "meistern ihr Schicksal heldenhaft" oder arbeiten "trotz" ihrer Beeinträchtigung. Über solche Formulierungen, wie sie immer noch häufig in den Medien vorkommen, können sich die Macher und Macherinnen der Internetseite Leidmedien.de ziemlich aufregen. Denn Medien schaffen Wirklichkeit, und eine Sprache, die unsensibel Stereotype bedient, hält Menschen mit Behinderungen in Schubladen gefangen. Wie aber sollen Journalisten und Journalistinnen über blinde, gehörlose, autistische oder kleinwüchsige Menschen berichten, sodass diese sich respektiert fühlen? Welche Begriffe sind diskriminierend, welche nicht? Und wie können Medien jenseits von Klischees Behinderung thematisieren? Solche Fragen standen am Donnerstag, 24. Oktober, in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte im Fokus. Anne Sieberns, die Leiterin der Bibliothek, hatte zur Langen Nacht der Bibliotheken in Berlin zwei Autorinnen von Leidmedien.de eingeladen, eigene Texte und Gastbeiträge vorzutragen, die Anregungen geben für einen respektvollen und nicht-diskriminierenden Umgang mit Behinderung. Leidmedien.de ist eine Website für Journalistinnen und Journalisten zum Thema Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen und ein Projekt von Sozialhelden e. V. in Kooperation mit Aktion Mensch. 

Sie habe mit den Jahren gelernt, sich zu arrangieren, wenn über ihre Kleinwüchsigkeit respektlos geredet oder gar gespottet werde, so Ninia Binias . Die  Social-Media-Managerin, Poetry-Slammerin und Bloggerin erzählte zu Beginn des Abends humorvoll und sprachgewaltig über den Umgang ihrer Mitmenschen mit Behinderung. "Es gibt immer noch Rückschläge", berichtete sie dem rund 70-köpfigen Publikum. Auch und gerade in den Medien. Etwa, wenn eine Fernsehsendung, die den Alltag von kleinwüchsigen Menschen zeige, den Titel "Kleine Leute, große Welt" trage. "Positive Diskriminierung ist das Schlimmste", findet Ninia Binias: Kommentare nach dem Motto "Das ist ja toll, dass du das machst, obwohl du kleiner bist", machten sie einfach nur wütend. Es gebe aber auch gute Beispiele in den Medien, sagte sie, Dokumentationen und Beiträge, die ohne Wertung zeigten, welche Hürden es im wahrsten Sinne des Wortes für kleine oder auch sehr große Menschen manchmal gebe.

Es wird Zeit, dass wir unsere eigene 'Normalität' hinterfragen

Auch die Psychologin und Texterin Laura Gehlhaar hat sich schon oft geärgert, wenn sie für Selbstverständlichkeiten gelobt wird. Lange Zeit sei es ihr „Job“ gewesen, wo immer sie auftauchte, die Heldin zu sein, schreibt Gehlhaar in einem Text, den die Journalistin und Projektleiterin von Leidmedien.de, Lilian Masuhr, vortrug. "Viele Leute glauben, dass zu einer Behinderung eine extra Portion Mut und Stärke gehört", so Gehlhaar. Doch Behinderung sei einfach nur eine Facette ihrer Person. "Eine Eigenschaft – wie rote Haare."

Was gilt in unserer Gesellschaft eigentlich als sichtbare Schwäche? Wo liegt sie, die Grenze zwischen "behindert" und "nicht behindert"? Lilian Masuhr, stellt sich diese Fragen häufig. Auf Leidmedien.de hat sie dazu einen Text mit dem Titel "Die Behinderung und ich" geschrieben. Irgendwie sei es normal, den großen Mann auf seine Größe anzusprechen, während Kinder nicht mit dem Finger auf einen kleinwüchsigen Mann zeigen sollten, wundert sie sich darin. "Es wird Zeit, dass wir unsere eigene 'Normalität' hinterfragen", forderte Masuhr die Besucherinnen und Besucher der Lesung auf. Solange behinderte Menschen als Fremde verstanden, und solange die eigenen Einschränkungen ignoriert würden, bleibe es bei der weit verbreiteten, nur theoretischen Inklusion.

(P. Carega)

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