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24.10.2011

Andreas Bethke
© DBSV Friese

"Barrierefreiheit: ein Schlüssel zur Enthinderung der Gesellschaft"

Wo steht Deutschland in Sachen Barrierefreiheit? Wie barrierefrei soll es gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention sein? Und wie kann es noch barrierefreier werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Tagung "Deutschland auf dem Weg zu barrierefreien Gesellschaft?!", die am 25. Oktober in Berlin stattfindet. Sie wird von der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention und dem Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit gemeinsam veranstaltet. Ein Interview mit Andreas Bethke, Vorsitzender des Bundeskompetenzzentrums, und Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle.

Mit dem Fragezeichen hinter dem Tagungstitel deuten Sie an, dass Menschen mit Behinderungen in Deutschland in ihrem Alltag nach wie vor auf Barrieren treffen, die ihnen ein gleichberechtigtes Leben mit anderen erschweren. Muss das Thema "Barrierefreiheit" im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention neu diskutiert werden?

Andreas Bethke: Wenn man verstehen will, was Behinderung bedeutet, dann kommt man am Thema Barrierefreiheit nicht vorbei. Behinderung entsteht dann, wenn individuelle Beeinträchtigungen in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft einschränken. Die UN-Behindertenrechtskonvention stellt den Zusammenhang zwischen persönlichen Einschränkungen und gesellschaftlichen Barrieren gleich ganz zu Anfang und grundsätzlich klar. Sie macht damit deutlich, dass der Abbau von Barrieren ein gesamtgesellschaftliches Thema ist und nicht nur die unmittelbar Betroffenen etwas angeht.

Valentin Aichele: Die UN-Behindertenrechtskonvention geht davon aus, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung Rechte haben wie alle anderen Menschen auch, die sie gleichberechtigt mit anderen ausüben können sollen. Einstellungs- und umweltbedingte Barrieren behindern sie daran. Das heißt, diese Menschen werden behindert und damit erst zu behinderten Menschen gemacht. Barrierefreiheit ist deshalb für alle Menschen eine entscheidende Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, sie ist ein Schlüssel zur Enthinderung der Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund wird gut verständlich, dass Barrierefreiheit ein menschenrechtliches Anliegen ist, das im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention unbedingt einen richtigen Schub in der Praxis bekommen muss.

Das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit beschäftigt sich in seiner Arbeit mit praktischen Fragen der Barrierefreiheit, die Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention kümmert sich um die Auslegung der UN-Konvention. Geht es bei der Tagung darum, Theorie und Praxis zusammenzubringen?

Bethke:
Genau, die Tagung vereint zwei sich ergänzende Perspektiven auf das Thema. Zum einen wollen wir fragen, welchen Stand der Barrierefreiheit wir in Deutschland erreicht haben, zum anderen welche Vorgaben die UN-Behindertenrechtskonvention macht.

Wo liegen die größten Probleme in Sachen Barrierefreiheit in Deutschland?

Aichele: Das größte Problem besteht meines Erachtens darin, dass ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz fehlt: Barrierefreiheit ist bislang ein Randthema, mit dem man sich zu wenig systematisch beschäftigt. Mit unserer Tagung wollen wir einen Beitrag zu einer umsichtigen Bestandsaufnahme leisten.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Sind andere Länder barrierefreier als wir?

Bethke: Die Gegebenheiten sind sehr unterschiedlich. Manche Bereiche sind in Deutschland schon sehr gut geregelt, etwa der öffentliche Nahverkehr oder die Internetangebote auf Bundesebene. In anderen Bereichen – etwa bei der Verbreitung der Leichten Sprache - sind andere Länder weiter als wir. Beispielsweise gibt es in Schweden ein eigenes Institut, das Literatur in Leichte Sprache übersetzt und alle wichtigen Nachrichten in einer leicht lesbaren Wochenzeitung zusammenstellt. Auch der Schwedische Rundfunk kennt Nachrichtensendungen in Leichter Sprache.

Was ist notwendig, um Barrierefreiheit in allen Bereichen Wirklichkeit werden zu lassen?

Aichele: Barrieren müssen aus den verschiedenen Perspektiven behinderter Menschen, etwa der Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen, mit Lernschwierigkeiten, mit autistischen Verhaltensweisen, systematisch für alle Lebensbereiche ermittelt und diese dann schrittweise abgebaut werden. Ideal wäre eine Art "lernendes System" zum Abbau von Barrieren zu entwickeln. Dazu würde beispielsweise gehören, dass die Landes- und der Bundesgesetzgeber bei allen Gesetzgebungsverfahren auf den Aspekt der Barrierefreiheit achten, auch im Bereich politischer Programme, etwa bei der Auftragsvergabe der öffentlichen Hand. Auch einem Bundeskompetenzzentrum, wie Herr Bethke es führt, kommt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle zu, weil dort Wissen und Erfahrung gebündelt und gesellschaftliche Entwicklungen überblickt werden. Darüber hinaus müssten bestimmte Berufsgruppen, beispielsweise aus dem Bereich Architektur und Stadtentwicklung, der Ärzteschaft oder der Ingenieurswelt in Sachen Barrierefreiheit sensibilisiert und fortgebildet werden.

Bethke: Auch im privatwirtschaftlichen Bereich gibt es einiges zu tun. Instrumente wie Rahmenrichtlinien, Normen, Zielvereinbarungen, Aktionspläne oder Kennzeichnungen müssen weiter gefördert, bewertet und verbessert werden.

Was versprechen Sie sich von der Tagung?

Bethke: Wir erhoffen uns Impulse für die Umsetzung der Barrierefreiheit auf allen Ebenen. Wir, also das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit, wollen von den Teilnehmenden Anregungen für unsere Arbeit erhalten, schließlich koordinieren wir die Zusammenarbeit der Behindertenverbände auf dem Gebiet der Barrierefreiheit.

Aichele: Darüber hinaus wollen wir natürlich auch den Teilnehmenden aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft Anstöße geben, damit sie sich in ihrer Arbeit für mehr Barrierefreiheit einsetzen und anregen, die staatlichen Verpflichtung zu erkennen oder auch die gesellschaftliche Verantwortung anzunehmen, die mit der UN-Konvention nunmehr besteht. Wir wollen mit der Tagung auch insbesondere dafür werben, Barrierefreiheit in Deutschland anspruchsvoller zu denken und entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention auch anspruchsvoll umzusetzen.

(Interview: Ute Sonnenberg)

Andreas Bethke ist Vorsitzender des BKB Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit e. V. und Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V.

Dr. Valentin Aichele leitet seit 2009 Leiter die Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention.

Weitere Informationen zur Tagung