"Ältere Menschen sind Rechtsträger und keine Fürsorgeobjekte"

Servicenavigation

Sie befinden sich hier: Aktuell > News >  "Ältere Menschen sind Rechtsträger und keine Fürsorgeobjekte"
Porträt Dr. Claudia Mahler

Dr. Claudia Mahler © DIMR/S. Pietschmann

"Ältere Menschen sind Rechtsträger und keine Fürsorgeobjekte"

Interview mit Claudia Mahler anlässlich des heutigen Welttages gegen die Misshandlung älterer Menschen. Zu Mahlers Arbeitsschwerpunkten am Institut zählen die Menschenrechte Älterer im nationalen und internationalen Kontext.

Die Datenlage zu Gewalt in der Pflege älterer Menschen ist dünn – Expert_innen gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Wie sieht diese Gewalt aus und wer ist betroffen?


Mahler: Gewalt in der Pflegebeziehung ist nach wie vor ein Feld, über das wir wenige Daten haben. Dennoch ist klar, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt. Gewalt kann sowohl in den eigenen vier Wänden als auch in einem Pflegeheim vorkommen. Es gibt körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt. Ebenso kann die Intensität sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, von der inhumanen Behandlung über die Misshandlung bis hin zu folterähnlichen Praktiken. Niemand – auch nicht ältere Menschen – sollten solchen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sein.

Was sind die Ursachen von Misshandlungen?

Mahler: Die Ursachen sind vielfältig, sehr oft liegt eine Überforderung der Pflegenden zugrunde. Dies liegt zum einen an mangelnder Information sowie an fehlenden Unterstützungsstrukturen. Zum anderen sind die Menschenrechte noch nicht in die Ausbildung integriert. Es fehlt zudem an Kontrolle, insbesondere in der familiären Pflege. Gewalt kann sich aber auch gegen die Pflegenden selbst richten, da ältere Menschen aggressives Verhalten an den Tag legen können. Da der Staat der erste Garant der Menschenrechte ist, muss er dafür sorgen, dass die Pflegestrukturen so ausgebaut werden, dass der Einzelne in der Pflege vor Gewalt und Übergriffe durch Dritte geschützt wird.

Was empfiehlt das Institut – wie können die Rechte älterer Menschen gewahrt bleiben?


Mahler: Ältere Menschen sind Rechtsträger und keine Fürsorgeobjekte. Sie haben dieselben Rechte wie alle anderen Menschen auch. Diese Rechte müssen von allen Pflegenden geachtet werden. Wir empfehlen daher, die Menschenrechte zum Maßstab der Ausbildung in Pflegeberufen zu machen, damit die Pflegenden für Gewalt in der Pflege sensibilisiert und die Rechte der älteren Menschen respektiert werden. Ebenso müssen die Entlastungsangebote weiter ausgebaut werden, um die Überforderungen der Pflegenden so gering wie möglich zu halten. Ältere Menschen sollten sich auch selbst gegen Misshandlungen wehren können. Unabhängige, barrierefreie und niedrigschwellige Beschwerdestellen würden es älteren Menschen erheblich erleichtern, ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen. Die nationale Antifolterstelle sollte zudem mit mehr Mitteln ausgestattet werden. Das würde flächendeckend Besuche, beispielweise in Einrichtungen, ermöglichen, die der Prävention  und der Beachtung der Menschenrechte in der Pflege dienen.

Claudia Mahler (2015): Policy Paper: Menschenrechte in der Pflege - Was die Politik zum Schutz älterer Menschen tun muss